Olten
«Ist essen gesund?»: Neues Buch klärt über Fakten und Mythen auf

Mit dem Buch «Ist essen gesund?» wollen Hugo Saner und Beatrice Conrad Frey mit Ernährungsmythen aufräumen.

Isabel Hempen
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Bruno Kissling

Frau Conrad Frey, Herr Saner, Sie haben gemeinsam das Buch «Ist essen gesund?» geschrieben. Ist das einfach ein weiterer Ernährungsratgeber?

Beatrice Conrad Frey: Nein, das Buch ist ausdrücklich kein Ratgeber. Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger winken. «Ist essen gesund?» klärt über Fakten und Mythen rund um das Thema Essen auf und übersetzt komplexe wissenschaftliche Befunde in eine fadengrade, einfache Sprache. Es ist nämlich alles gar nicht so kompliziert, wie es manchmal tönt. Wir geben den Leuten die Mittel an die Hand, selber Entscheidungen zu treffen.

Hugo Saner: Den Ausschlag zum Buch gab der heutige Ernährungswahn, der auf ganz bestimmten Nahrungskomponenten fokussiert. Wir wollten dazu einen wissenschaftlich fundierten Kontrapunkt setzen.

Conrad Frey: Als Ernährungsberaterin merke ich in meinem Berufsalltag, wie wir in einem Meer aus Ernährungsinformationen aus unglaublich vielen Quellen schwimmen. Die Leute suchen nach Fakten. Ich erlebe sehr oft, wie sich angesichts widersprüchlicher Ernährungstrends sogar Leute mit einer guten Ernährungsausbildung ohnmächtig fühlen.

Worauf führen Sie diese Ernährungstrends zurück?

Conrad Frey: In der Ernährungsberatung muss ich den Leuten oft sagen: Du hast einen langen Weg vor dir, er ist nicht einfach. Diese Botschaft ist natürlich weniger attraktiv, als wenn es heisst, man könne in drei Wochen zehn Kilo verlieren oder wer Superfood zu sich nimmt, bleibt ewig jung. Ich bemerke bei vielen Leuten eine zwanghafte Sucht, sich gesund zu ernähren. Man nimmt viel zu wenig oder viel zu viel von allem zu sich. Fleisch oder Gluten zum Beispiel werden plötzlich verteufelt.

Saner: Ich würde sogar von Ernährungshypes sprechen. Schweizer und Japaner werden weltweit erwiesenermassen am ältesten. Schweizer essen viel Käse und Butter, Japaner essen viel Fisch. Das sind zwei ganz unterschiedliche Arten, sich zu ernähren. Aber trotzdem werden Angehörige beider Nationalitäten sehr alt. Leute, die ein hohes Alter erreicht haben, haben noch den Krieg, Hunger und die Nahrungszubereitung mit Schweineschmalz erlebt. Da kann man doch nicht sagen, was neuerdings ein Trend ist, sei gesund. Das kann man doch erst in 70 Jahren feststellen!

Conrad Frey: Grotesk finde ich zum Beispiel auch die Paleo-Diät, die sich am Ernährungsmodell der Steinzeit orientiert. Damals wurden die Menschen im Schnitt 26 Jahre alt.

Wie wirken sich solche Trends aus?

Saner: Ein Trend hält von einem allgemein gesunden Lebensstil ab. Er kann unter Umständen zu Ernährungsstress führen.

Conrad Frey: Wenn Essen zum allein beherrschenden Thema im Kopf wird, verpasst man einiges im Leben.

Saner: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass besonders Frauen zwischen 30 und 40 in einem urbanen Umfeld anfällig sind für solche Ernährungsmuster. Es ist interessant, wie viele Leute etwa sagen, dass sie an einer Glutenunverträglichkeit leiden. Eine Glutenunverträglichkeit ist für die Betroffenen schlimm. Aber sie ist relativ selten.

Conrad Frey: Ich sehe auch wirkliche Gefahren. Es bereitet mir Sorge, wenn eine junge Mutter zu mir in die Beratung kommt, weil sie ihre Familie einseitig ernähren möchte.

Gibt es nicht auch positive Trends?

Conrad Frey: Letztes Jahr erschien die erste nationale Verzehrsstudie. Sie zeigte auf, dass die Schweizer im Durchschnitt viel zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse zu sich nehmen. Was den Vegan-Trend betrifft, ist es sicher positiv, wenn die Leute weniger Fleisch essen. Jeder Trend hat ja einen guten Kern. Manchmal braucht es ein Extrem, um die Leute zum Nachdenken anzuregen. Ein weiteres grosses Thema sind gesunde Fettsäuren wie Omega 3. Omega 3 ist beispielsweise im Knochenmark und im Hirn enthalten, aber diese Teile vom Tier isst man ja längst nicht mehr. Eine Rückkehr zu den Wurzeln wäre da nicht so daneben, man muss nicht immer nur die Filetstücke essen. Der «Nose-to-Tail»-Trend, wo alle Teile des Tiers verwertet werden, macht durchaus Sinn.

Saner: Viele in der Schweiz können es sich leisten, nur das Filet und die guten Stücke zu essen.

Conrad Frey: Das hat mit dem Überfluss zu tun, in dem wir leben. Uns geht es zu gut. Viele Leute verlieren das Augenmass.

Saner: Manchmal habe ich im Sommer auch Lust auf ein Coca Light, das chrüselet so schön auf der Zunge. Aber das ist für mich Genuss. Manche Leute aber verlieren das Gesamtbild völlig aus den Augen. Ich vergesse nicht mehr den 150-Kilo-Mann, der in den USA vor einem Regal voller Vitaminpräparate stand und Schwierigkeiten hatte, sich für eines zu entscheiden.

An wen richtet sich Ihr Buch?

Conrad Frey: An Leute, die kleine Unsicherheiten haben, was eine gesunde Ernährung betrifft. Ihnen können wir Antworten geben.

Saner: Die ersten Exemplare des Buches haben Eltern gekauft, deren Kinder um die 30 Jahre alt sind und spezielle Essgewohnheiten haben.

Sie haben alle Aussagen im Buch mit Verweisen auf wissenschaftliche Studien untermauert. Aber findet sich nicht zu jeder These eine Studie, die exakt das Gegenteil beweist?

Saner: Meine grösste Angst ist, dass mich jemand anruft und sagt: Das ist falsch, was du da schreibst. Aber ich lese seit 25 Jahren jede Woche die zwölf bis fünfzehn wichtigsten wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Da ist die Chance klein, dass uns etwas Wichtiges entgangen ist.

Ist essen denn nun gesund?

Conrad Frey: Ja!

Saner: Man soll mit Genuss und Freude essen. Das ist uns ein grosses Anliegen. Die Dosis machts. Und der Lebensstil und das soziale Umfeld, in dem Essen stattfindet, sind für die Gesundheit von wesentlich grösserer Bedeutung als einzelne Nährstoffe. Ernährung ist sehr individuell.

Vernissage und Bezugsquellen

Das Buch ist im Handel erhältlich oder kann online unter www.istessengesund.ch oder bei der Ernährungsberatung Oberaargau auf der Website
www.ernaehrungsberatung-oag.ch bestellt werden.

Beatrice Conrad Frey/ Hugo Saner: Ist essen gesund? Dichtung und Wahrheit – leicht verdaulich, 123 Seiten, Fr. 29.80

Vernissage morgen Donnerstag, 18. Januar, um 20 Uhr in der Buchhandlung Schreiber in Olten. Anmeldung unter beatrice.conrad@bluewin.ch

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