Oltner Stadtratswahlen

Iris Schelbert, die Chefin

Wie ein zweites Wohnzimmer: Iris Schelbert (60) isst jeden Montag nach den Stadtratssitzungen mit Freundinnen zu Mittag im Café Ring.

Wie ein zweites Wohnzimmer: Iris Schelbert (60) isst jeden Montag nach den Stadtratssitzungen mit Freundinnen zu Mittag im Café Ring.

Ans Aufhören hat Iris Schelbert (Grüne) zwar mal gedacht, doch sie habe genügend Energie und grosse Lust, nochmals eine neue Direktion kennenzulernen. Welche das sein soll, will sie nicht verraten. Würde sie wiedergewählt, hätte ihr Wunsch als Amtsälteste Vorrang.

Das sagt viel über Iris Schelbert aus. Das Café Ring ist in den 35 Jahren, seit die in Bellach Aufgewachsene wegen ihres Mannes in Olten wohnt, wie zu einem zweiten Wohnzimmer geworden. Im Lokal, in welchem sich an Heiligabend die Mehrbesseren ihre Cüplis zuprosten, läutete sie früher mit ihren Lehrerkollegen oft den Abend ein; heute trifft sich die ausgebildete Heilpädagogin jeden Montag nach der Stadtratssitzung mit ihren Freundinnen zum Mittagessen. Eine Grüne inmitten des bürgerlichen Establishments? Für die 60-Jährige kein Problem – dazu kommt ein persönlicher Bezug: Der jetzige Inhaber Sven Engler war einst ihr Nachhilfeschüler.

Oltner Stadtratswahlen: Iris Schelbert

Iris Schelbert

Auch sonst zeigt die Grüne mit den rot gefärbten Haaren und der blauen Jeansjacke keine Berührungsängste: Ihr politisches Erweckungserlebnis hatte sie 1986 mit dem Reaktorunglück in Tschernobyl. Trotzdem ist sie seit 25 Jahren als Primarschullehrerin im Atomdorf Däniken tätig – mit Ausblick auf den Kühlturm.

Und als Oltner Stadträtin steht sie seit 2009 der Direktion Öffentliche Sicherheit vor und ist damit Chefin einer Männerwelt von Feuerwehrleuten, Zivilschützern und ehemals Stadtpolizisten. Wie hat sie sich zu Beginn Respekt verschafft? Sie wäre vor die Leute getreten und sagte: «Ich bin zwar grün, aber ich werde alles daran setzen, dass ihr gute Arbeitsbedingungen und die nötigen Fahrzeuge bekommt.»

Zudem habe sie in verschiedenen Bereiche geschnuppert: Sie ging mit der Polizei auf Patrouille, sass bei der Einwohnerkontrolle oder fuhr mit der Kehrichtabfuhr mit. Bei einer Feuerwehrübung sollte sie von vier Metern Höhe als Statistin in den Sprungretter springen. Ihr Herz in der Hose, schrie ihr dann ein Feuerwehrmann zu: «Gopfertori spring, hinter dir brennts!»

Auf diese Weise hätte sie schnell Zugang zu den Leuten gefunden. Und noch ein Grundsatz sei ihr wichtig, den sie auch als Lehrerin anwende: «Die Kinder sind mir anvertraut, nicht ausgeliefert.» Auf ihre Mitarbeiter übertragen heisst das: Sie behandle alle respektvoll, fair und mit klarer Linie. Das hat sich ausbezahlt. Heute wird sie in ihrer Direktion einfach «die Chefin» genannt.

Schelbert hat keine einfache Legislatur hinter sich. Zuerst wurde die Stadtpolizei gegen ihren Willen an die Kantonspolizei ausgelagert, was dem klammen Olten immerhin einen Spareffekt von rund zwei Millionen Franken brachte. «Das war ein bitterer Entscheid», sagt sie heute dazu.

Nach dieser politischen Niederlage sei es ihr wichtig gewesen, dass zumindest alle Stadtpolizisten eine neue Stelle fänden und das subjektive Sicherheitsgefühl der Oltner Bevölkerung weiterhin vorhanden sei. Das hat sie in ihren Augen erreicht.

Kritiker, die behaupten, die Stadt mache zum Teil einen «versifften» oder «verdreckten» Eindruck, etwa beim Ländiweg, entgegnet sie: «Die Polizei und der Werkhof machen, was sie können. Die Leute erziehen können sie aber nicht.»

Die nächste Schreckensmeldung für Schelbert kam wenig später. Ihre Direktion Öffentliche Sicherheit wird auf die neue Legislatur hin auf zwei andere Direktionen aufgeteilt – den Anstoss dafür gab die Auslagerung der Stadtpolizei. Auch dagegen wehrte sie sich.

Heute fragt sich Schelbert, ob die Reorganisation überhaupt nötig war. Personell und finanziell eingespart worden sei nämlich – wie ursprünglich geplant – kaum etwas.

Der politische Gegner glaubte, dass der Grünen mit der Direktionsauflösung die Motivation für eine weitere Amtszeit fehlen würde. Sie hätte vor allem nach dem Stadtpolizei-Entscheid amtsmüde gewirkt, heisst es hinter vorgehaltener Hand. Doch diesen Gefallen machte sie ihren Kontrahenten nicht: Als letzte der bisherigen Stadträte gab sie bekannt, nochmals zu kandidieren. «Ich wusste schon vorher, dass ich weitermache, wollte mich aber bei meiner Partei versichern», sagt Schelbert heute, die sich so das Schicksal ihres SP-Amtskollegen Peter Schafer ersparen wollte, der von der eigenen Partei abgesägt wurde.

Ans Aufhören hätte sie zwar mal gedacht, doch sie habe genügend Energie und grosse Lust, nochmals eine neue Direktion kennenzulernen. Welche das sein soll, will sie nicht verraten. Würde sie wiedergewählt, hätte ihr Wunsch als Amtsälteste Vorrang.

Bald steht die Fasnacht vor der Türe. Neben dem Oltner Kunstmarkt das grösste Hobby, welches sie mit ihrem Mann und Künstler Christof Schelbert teilt. In der Bazille-Zunft ist sie seit 30 Jahren für die Kostüme zuständig. «Solange mein Mann die Kostüme zeichnet, schneide ich alle zu», sagt sie lachend. Dazu höre sie jeweils einen Krimi.

Viel Freude bereiten ihr auch ihre beiden Enkel. «Es ist unglaublich beglückend», sagt die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Und was viele nicht wissen: Seit zehn Jahren begleitet sie einen Pflegesohn, der in der Ostschweiz wohnt. Wegen seiner schwierigen Vergangenheit und grosser persönlichen Problemen kein einfacher Fall. Doch auch hier helfe Respekt und eine klare Linie, sagt Schelbert. Wie bei ihren Schülern – oder ihren Mitarbeitern.

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