International Photo Festival Olten
«Ich fühle mich geehrt, hier zu sein»: Fotogrössen halten Vortrag im Stadttheater

Zwei Kameravirtuosen hielten am International Photo Festival Olten (IPFO) im Stadttheater vor vollen Rängen Vorträge.

Denise Donatsch
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Preisverleihung des IPFO Swiss Award durch Anton Corbijn an den Zürcher Preistrager Maurice Haas (Mitte).

Preisverleihung des IPFO Swiss Award durch Anton Corbijn an den Zürcher Preistrager Maurice Haas (Mitte).

Patrick Lüthy

Das Stadttheater Olten platzte am Samstag gefühlt aus allen Nähten. Von nah und fern strömten Fotografiebegeisterte in die Dreitannenstadt, um den Vorträgen der internationalen Grössen Julia Fullerton-Batten und Anton Corbijn zu lauschen. Durch den Abend moderierte Starfotograf Marco Grob, welcher Fullerton-Batten mit den Worten «She’s a hasselblad-master» ankündigte.

«Ich fühle mich geehrt, hier zu sein», begann die in England lebende Fotografin Fullerton-Batten ihren Vortrag und blendete zum Amüsement des Publikums als Erstes ein Bild von sich mit einem Küchenmesser ein. «Dieses Bild stammt von meinem allerersten Tag als Fotografie-Assistentin in London, ich musste das Messer putzen.»

Von kommerziellen zu künstlerischen Projekten

Den Wunsch, Fotografin zu werden, verspürte Fullerton-Batten bereits als 14-jähriges Mädchen. Nachdem sie fünf Jahre als Assistentin mit professionellen Fotografen gearbeitet hatte, kam 1995 ihre Karriere durch einen kommerziellen Auftrag so richtig ins Rollen. Nach ein paar Jahren verlor die 51-jährige Fotografin jedoch die Freude an der Auftragsfotografie und startete ihre eigenen Projekte, wovon sie eine Auswahl während des Vortrags präsentierte.

Am Ende ihres Vortrags fotografiert Julia Fullerton-Batten ihr Publikum.

Am Ende ihres Vortrags fotografiert Julia Fullerton-Batten ihr Publikum.

Patrick Lüthy

Zwei dieser Projekte stachen besonders ins Auge und lösten teils tiefe Betroffenheit aus. Im einen ging es um sogenannte «Feral Children», also um Kinder, welche isoliert von menschlichem Kontakt aufwachsen und kaum oder gar keine Erfahrung mit menschlicher Fürsorge machen können. Für dieses Projekt recherchierte Julia Fullerton-Batten weltweit in fünfzehn berühmt gewordenen «Feral Children»-Fällen und stiess unter anderem auf ein Mädchen, welches vierjährig alleine im Dschungel überlebte oder auf eines, das zwölf Jahre lang in einem Zimmer an einen Stuhl gefesselt wurde. Das andere Projekt trägt den klangvollen Namen «Looking out from within» und entstand rund um die allen bestens vertraute Lockdown-Situation. Auf ihren täglichen Spazierrunden erblickte Fullerton-Batten immer wieder Menschen, die aus dem Fenster schauten. Inspiriert stellte die Künstlerin die Motive mit Models nach – wie bereits bei den Kindern –, um sie fotografisch festzuhalten. Mit einem fulminanten Applaus wurde die Gewinnerin unzähliger Preise verabschiedet.

Nach der Pause und der erstmaligen Verleihung des IPFO Swiss Awards an den Schweizer Fotografen Maurice Haas, welcher aus fast 350 Bewerbern ausgewählt wurde, trug «Universalgenie» Anton Corbijn seinen Vortrag vor.

Ein schüchternes Multitalent

Mit 17 Jahren begann die Karriere des niederländischen Fotografen, als er mit der Kamera seines Vaters erste Bilder von Musikern schoss. «Ich war als Jugendlicher sehr schüchtern.» Hinter der Kamera zu stehen, habe ihm geholfen, diese Schüchternheit etwas zu überwinden. Dennoch habe er aus Schüchternheit die ersten Jahre seiner Arbeit als Fotograf ausschliesslich Männer fotografiert.

Vortrag von Anton Corbijn.

Vortrag von Anton Corbijn.

Patrick Lüthy

Corbijns Bilder, welche der Künstler über weite Strecken in schwarz-weiss aufnahm, wirken unmittelbar und konfrontativ. Hintergründe seiner Aufnahmen sind Mauern, Räume, Strassen oder die Natur – ein Studiofotograf sei er jedenfalls nicht. Dabei bilden die Schatten, welche seine Protagonistinnen und Protagonisten werfen, nicht selten einen ebenso wichtigen Bestandteil der Aufnahmen wie die abgebildete Person selbst. Dass der Künstler auch über Humor verfügt, beweist er – nebst dem äusserst unterhaltsamen, teils witzig gehaltenen Vortrag – mit seinen Selbstporträts, auf welchen er mal Elvis, mal Freddy Mercury darstellt.
So beeindruckend die Fotos des 66-Jährigen aber auch sind, sie sind bei weitem nicht das Einzige, was Corbijn auf Höchstniveau produziert. Der aussergewöhnliche Künstler, der praktisch alles, was in der internationalen Musikszene Rang und Namen hat, vor der Linse hatte, betätigt sich ebenfalls als Musikvideoregisseur und Filmemacher und kann auch dort auf zahlreiche Erfolge zurückblicken. Unter tosendem Applaus und Standing Ovations verabschiedete sich Corbijn vom Publikum.

Bilanz

Positive Rückmeldungen vom Publikum, aber bei Ticketverkäufen Ziel nicht ganz erreicht

Festival Director Christoph Zehnder ist weitgehend zufrieden mit der dritten Ausgabe des Oltner Fotoevents. «In diesen Tagen hält jede Oltnerin und jeder Oltner den Kopf ein wenig höher, meinte vor zwei Jahren ein Oltner Barbetreiber.» Dies sei nicht zuletzt darum der Fall, weil Menschen aus der ganzen Schweiz sowie aus dem Ausland nach Olten reisen, die das sonst nicht täten – und positiv überrascht sind von der kleinen Stadt. Die Rückmeldungen der Referierenden und des Publikums seien positiv; insbesondere die herzliche Art der Kleinstadt käme bei den internationalen Gästen sehr gut an. Bei den Ticketverkäufen sei das Ziel allerdings nicht ganz erfüllt worden. «Man spürt bei den Leuten noch immer eine coronabedingte Zurückhaltung, wenn es um Veranstaltungen in Innenräumen geht.» Für das IPFO 2023 hofft Zehnder, dass sich die Lage beruhigt und die Unbeschwertheit zurückkehrt.

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