Innerhalb von fünf Minuten geschah es: Ein junger Mann betritt am Dienstag um 17 Uhr im Oltimo das Lokal der Fitness Factory, dessen Glastüre aufgeschlossen, nicht aber geöffnet ist, läuft geradewegs zur Kasse auf der Theke und bedient sich.

Der junge Mann scheint sich ab den laufenden Kameras im Raum kaum zu stören. Dass er sich in einem Einkaufszentrum befindet, wo jederzeit jemand reinkommen könnte, scheint ihn genauso wenig zu kümmern. «Diese Dreistigkeit ärgert mich», ist Geschäftsinhaber Pascal Jörg empört.

Die Kasse steht für die Kunden dort, die vor, nach oder während des Trainings in den Getränkekühlschrank greifen oder sich an den Snacks auf der Theke bedienen: «Normalerweise kommen nur unsere Kunden hier rein, die besitzen einen Badge.»

Die Glastüre sei normalerweise nicht offen: «Wir waren nebenan und bereiteten den anstehenden Fitnesskurs vor. Es ist eine Frechheit.» Gleichzeitig wundert sich Fitnessinstruktor Jörg über die Naivität des Täters.

Dieser hatte nämlich die Kamera oben in der Ecke neben der Theke entdeckt, schaute direkt hinein, drehte sich danach mit dem Rücken zu ihr und beging die Tat. Offenbar glaubte er, so unentdeckt zu bleiben.

Dabei hatte er die Kamera auf der anderen Seite (die ihn von vorne in flagranti filmte), und die Kameras, die zusätzlich draussen vor dem Lokal alles überwachen, nicht bemerkt.

Dies wurde ihm zu Verhängnis: Pascal Jörg hat den Vorfall samt klar erkennbaren Fotos des Täters auf seinem Facebookprofil veröffentlicht und um Mithilfe für die Identifizierung gebeten.

Blossstellung – die bessere Strafe

Der Täter habe seelenruhig gehandelt. «Mir kam es vor, als ob das einer ist, der nicht zum ersten Mal so etwas macht», erzählt Jörg. Tatsächlich bestätigte die Kantonspolizei ihm am Mittwoch, der Name des gesuchten Diebs sei ihr nicht fremd.

Als Deliktsumme wurde ein Betrag zwischen 300 und 600 Franken angegeben. «Mir geht es nicht um die Höhe des Geldbetrags, der geklaut wurde, sondern vielmehr darum, dass es sich um eine Frechheit handelt», so Jörg.

Deshalb fand er, ihn blosszustellen sei die bessere Strafe als die Strafe, die er von der Polizei erhält. So werde vielleicht auch eine Wiederholungstat vermieden. 

Täter gefunden – Post gelöscht

Jörg versuchte nicht zum ersten Mal einen Täter auf eigene Faust zu finden. Bisher hatte er fünf Fälle auf Facebook publik gemacht. Drei davon konnten dank Hinweisen von Dritten aufgedeckt werden.

Einer davon geschah vor knapp einem halben Jahr, dabei kam es zur Sachbeschädigung: «Zwei Jungs zerstörten eine Tafel im Aussenbereich und wurden dabei gefilmt. Ich habe auch da Fotos veröffentlicht und erfuhr ziemlich rasch, wer diese Jungs sind», erzählt er. Man habe sich auf eine Rückzahlung in Raten geeinigt. Auf eine Strafanzeige verzichtete er.

In diesem Fall aber gibt es eine Strafanzeige. «Diese Veröffentlichung löste mit Abstand am meisten Reaktionen aus. Ich habe sehr viele konkrete und seriöse Hinweise per Telefon, Whatsapp und Facebook-Message erhalten. Das liegt wohl daran, dass die Fotos so gut erkennbar sind.» Mittlerweile wurde sein Beitrag über 2000 Mal geteilt. Die Leute auf Facebook schienen Jörgs Situation voll und ganz zu verstehen und halfen bei der Suche mit.

Erfolgreich – wie sich am Mittwochabend herausstellte. Jörg veröffentlichte einen zweiten Facebookpost. Darin steht geschrieben: «Danke euch: Der Täter ist gefunden.» Der erste Beitrag mit den Fotos ist nun gelöscht und der Mann wurde angezeigt. Dass eine Strafanzeige eingegangen ist, konnte die Kantonspolizei Solothurn auf Anfrage bestätigen.

Pascal Jörgs Suche nach dem Dieb war erfolgreich, wie dieser auf Facebook bekannt gab.

Pascal Jörgs Suche nach dem Dieb war erfolgreich, wie dieser auf Facebook bekannt gab.

Laut «TeleM1» dürfte es sich beim Dieb um einen bekannten Junkie aus der Region handeln. 

Das Recht am eigenen Bild

Wie sieht es mit dem Gesetz aus? War der Facebookpost mit den veröffentlichten Fotos rechtens? Laut dem Anwalt Konrad Jeker (Gressly Rechtsanwälte) muss zunächst klar unterschieden werden, ob eine öffentliche Fahndung von einer Privatperson oder von der Polizei und Staatsanwaltschaft durchgeführt wird.

Polizei und Staatsanwaltschaft dürfen erst dann zu solchen Mitteln greifen, wenn genügend Anstrengungen auf anderem Weg unternommen worden sind. Demnach wäre dieser Facebook-Beitrag illegal, wäre er vonseiten der Polizei veröffentlicht worden.

Weil aber Jörg eine Privatperson ist, sind die Hürden der öffentlichen Fahndung wesentlich kleiner. Er riskiert «nur», dass er wegen Persönlichkeitsverletzung an die Kandare genommen wird. Es geht hierbei um das Recht am eigenen Bild. Eigentlich braucht man die Einwilligung einer Person, bevor man ihr Bild veröffentlichen darf.

Als Ausnahme gilt aber, wenn ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse vorliegt. Grundsätzlich liegt mit diesem Facebookbeitrag eine Persönlichkeitsverletzung vor, Jörg konnte aber geltend machen (Kamerabeweis), dass der junge Mann auf den Fotos den Diebstahl tatsächlich begangen hat.

Wäre der Täter unschuldig, könnte er zivilrechtlich gegen Jörg vorgehen. Er könnte Schadenersatz und die Beseitigung der Bilder im Netz verlangen.