Olten

«In diesem Krieg sind alle schuldig» – Patriarch Gregorius III: über die Lage in Syrien

Der hohe Kirchenvertreter spricht von der Kirchenbank aus. Bruno Kissling

Der hohe Kirchenvertreter spricht von der Kirchenbank aus. Bruno Kissling

Patriarch Gregorius III. spricht über die Lage in Syrien – das katholische Oberhaupt weilt derzeit in der Stadt.

Gestern Vormittag ist mit Patriarch Gregorius III. einer der höchsten katholischen Würdenträger in der Schweiz angekommen. Die Reise führte das Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche von seinem Sitz im syrischen Damaskus zuerst über den Landweg in die libanesische Hauptstadt Beirut. Von dort flog er via Rom nach Zürich. Wir treffen ihn in der Oltner St.-Martins-Kirche. Das Interview führen wir ganz unkompliziert auf einem der hinteren Kirchenbänke auf Deutsch. Die Sprache hat der 82-Jährige während seiner Studienaufenthalte in Deutschland gelernt. Heute Abend wird er in der St.-Martins-Kirche die Heilige Messe feiern und einen Vortrag halten.

Patriarch Gregorius, derzeit ist Syrien wieder in den Schlagzeilen, weil sich vergangenen Mittwoch einer der schwersten Angriffe auf eine Schule ereignete mit über zwei Dutzend Toten. Was sagen Sie dazu?

Patriarch Gregorius: Wenn das so stimmt, wie die Presse berichtet. Es ist generell so, dass der Islamische Staat oder andere terroristische Gruppen sich in friedlichen Gebäuden wie Schulen, Kirchen oder Krankenhäusern verschanzen und diese als Schutzschild missbrauchen. Das kann dann auch bei den Menschen dort zu Opfern führen, wenn die syrische Armee die Gebäude angreift. Das soll keine Entschuldigung sein für die Armee und den Präsidenten Assad, sondern nur eine Erklärung. Krieg ist Krieg. Aber man kann da nicht einfach die Schuld dem Präsidenten in die Schuhe schieben. In diesem Krieg sind alle Parteien schuldig.

Das heisst, Sie teilen die negative Ansicht der westlichen Welt über Assad nicht?

Nein, ich teile die negative, einseitige und manipulierte Sicht der westlichen Presse nicht. Es ist jedes Mal die gleiche Leier.

Patriarch Gregorios III

Patriarch Gregorios III

Was sagen Sie zum Einsatz von Giftgas und Bomben der syrischen Armee gegen die eigene Bevölkerung, wie UNO-Berichte dies zeigen?

Ob das tatsächlich so stimmt, ist fraglich, wie ich vor kurzem in einem Bericht aus den USA gesehen habe. Aber natürlich: Menschen sterben, ob mit oder ohne Giftgas. Und die Menschen leiden darunter, daher wäre es so wichtig, dass der Krieg beendet wird.

Was könnte die internationale Gemeinschaft machen, damit der Krieg endlich aufhört?

Papst Franziskus hat die Antwort gegeben, als er im Mai 2014 auf seiner Nahostreise war: Es braucht erstens eine von der internationalen Gemeinschaft gemeinsam getragene Haltung für Frieden in Syrien und zweitens eine gerechte Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Ich war 26 Jahre Bischof in Jerusalem, und dort habe ich bemerkt: Alle Krisen in dieser Region sind eine Folge dieses Konflikts. Es ist eine Schande für uns Christen, Muslime und Juden, dass wir dessen Lösung bisher noch nicht geschafft haben.

Viele Syrer sind auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem eigenen Land, aber Sie bleiben. Warum?

Wir als Kirche und mit ihr die Wohlfahrtsorganisationen bleiben in Damaskus, um zu helfen und Leiden zu mildern. Als Kirche sind wir inzwischen grosse Bittsteller geworden in der Welt und wir danken für alles, was wir an finanziellen Mitteln und weiterer Unterstützung erhalten, wie zum Beispiel auch jetzt von der Organisation Kirche in Not, die mich eingeladen hat.

Sie bleiben, während viele Ihrer Landsleute flüchten.

Es ist wie ein Tsunami, der die Leute mitreisst. Ein Beispiel: Rund 50 Prozent der Ärzte sind weg und fehlen jetzt in unseren Krankenhäusern. Unsere Gesellschaft ist arm geworden, weil viele guten Kräfte fehlen. Und wenn der Krieg länger dauert, bestehen wenig Chancen, dass diese Flüchtlinge jemals wieder zurückkehren, weil ihre Kinder in ihrer neuen Heimat ausserhalb Syriens aufwachsen.

Wie sieht eigentlich der Alltag in Damaskus aus?

Die Hauptstadt ist zum Zufluchtsort geworden für viele Syrer aus anderen Regionen und Städten wie Homs oder Aleppo. Damaskus selbst wurde nie erobert, aber rund um die Stadt wird zum Teil gekämpft und Raketen zerstörten einzelne Gebäude. Das Leben in der Stadt ist jedoch unwahrscheinlich normal. Bis 23 Uhr sind die Geschäfte offen und ich gehe zu Fuss in der Stadt herum. Die Menschen in Europa glauben fast nicht, dass die Lage in Damaskus so normal scheint trotz des Krieges. An den Wochenenden sind die Menschen die ganze Nacht auf der Strasse. Es ist unglaublich!

Haben Sie selbst schon gefährliche
Situationen erlebt?

Eigentlich kaum. Bei der letztjährigen Prozession am Ostermontag mit bis zu 3000 Gläubigen fiel in der Nähe eine Bombe auf ein Hausdach. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Gott hat uns in diesem Moment geschützt. Wir erfahren immer wieder Wunder wie diese. Das zeigt mir: Unser Glaube ist stark und die vom Krieg gebeutelten Menschen sind kräftig im Glauben. Unsere Kirchen sind voll. Das macht mir Hoffnung. Es gibt in unserer Gesellschaft noch Leute mit einer starken moralischen Kraft.

Es sind bis zu 200 Kirchen in Syrien zerstört worden: Wie gut können die Christen ihren Glauben noch ausleben?

Das ist kein Problem. Dort, wo es möglich ist, wurden Kirchen auch wieder aufgebaut. Wir können unsere Messen, unsere Feste, unsere Prozessionen feiern. In der Karwoche zum Beispiel sind wir bis um Mitternacht durch die Altstadt von Damaskus prozessiert.

Sie werden heute Abend nach der Messe in der St.-Martins-Kirche einen Vortrag halten. Was werden Sie den Menschen hier sagen?

Erstens bin ich dankbar für die Hilfe für unser Land. Das ist eine grosse Solidarität der Schweizer und der Europäer für uns Syrer. Zweitens möchten wir, dass die Kirchen in Europa meine ausgewanderten Landsleute aufnehmen. Und drittens wünsche ich mir, dass die Kirchen hier in Europa eine stärkere Rolle spielen als bisher, um mehr Druck auf ihre Regierungen ausüben zu können: Die Politiker sollen Frieden schaffen im Nahen Osten. Zudem sollten die Bischöfe eine Konferenz abhalten mit der Frage: Wie soll das christliche Europa dem Islam begegnen? Nicht im Sinne einer Bekehrung, nicht fundamentalistisch, nicht mit einem laizistischen Staat wie in Frankreich mit strikter Trennung zwischen Kirche und Staat, sondern auf der Ebene des Glaubens. Das ist meine Hoffnung und mein Wunsch.

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