Olten
Im Zwist um den Verbleib einer Bewohnerin gerät das Altersheim Weingarten zwischen die Fronten

Ist es eine Summe von Missverständnissen, simple Willkür, Unverständnis? Eine Mischung aus allem? Was die Fuhrers aus dem bernischen Hasle-­Rüegsau beschreiben, ist unschön, beelendend, traurig; so etwas wie eine Odyssee.

Urs Huber
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Das Alters- und Pflegeheim Weingarten stand im Zentrum einer Auseinandersetzung um die Frage: Wohin mit einer Bewohnerin, die eigentlich nur nach Hause wollte?

Das Alters- und Pflegeheim Weingarten stand im Zentrum einer Auseinandersetzung um die Frage: Wohin mit einer Bewohnerin, die eigentlich nur nach Hause wollte?

Oltner Tagblatt

Sie fühlen sich kompromittiert. In einem nicht nur für Aussenstehende schwer nachvollziehbaren Prozess eskaliert eine Geschichte, die anders hätte verlaufen können.

Drei Parteien als Hauptakteure einer Odyssee

Die Beteiligten: die Fuhrers, die 94-jährige Rita Lehmann aus Trimbach und Mutter von Susanne Fuhrer, das Alters- und Pflegeheim Weingarten in Olten. Die Geschichte nimmt ihren Anfang im November vergangenen Jahres. Damals stürzt die blinde und alleinlebende Rita Lehmann zu Hause vom Stuhl, bricht sich einen Brustwirbel.

Im Spital in Olten lehnt man eine Operation ab, weil die verunfallte Seniorin mit diversen Krankheiten vorbelastet ist und eine «allenfalls notwendige Intensivbetreuung wegen Corona nicht hätte gewährleistet werden können», wie sich Tochter Susanne Fuhrer erinnert. Sicher aber halten die Ärzte des Spitals fest: Rita Lehmann kann nicht mehr in ihre eigene Wohnung zurückkehren.

Keine guten Aussichten. «Wir wussten, dass Mutter sich damit nur ganz schwer abfinden würde», sagt die Tochter. Der Sozialdienst des Kantonsspitals organisiert eine Verlegung ins Alters- und Pflegeheim Weingarten. «Nur dort waren noch Plätze frei», erinnert sich Susanne Fuhrer.

«Ich habe der Verlegung nach Rücksprache mit meiner Mutter zugestimmt. Ein Ferienzimmer für zwei Monate sollte es sein.» Denn Rita Lehmann hatte sich immer so geäussert, bestenfalls im «Stadtpark» ihren Lebensabend verbringen zu wollen. Am liebsten aber wäre sie, dies hatte die Seniorin immer wieder betont, wieder in die vertrauten vier Wände in Trimbach zurückgekehrt. Später soll sie gar mit einem Suizid gedroht haben, würde man sie nicht wieder in ihre vier Wände zurücklassen. Eine Äusserung, die letztlich mit dem Hausarzt von Rita Lehmann besprochen wird. Der rät zu einer umgehenden Verlegung ins Spital. Allerdings gibt die Heimleitung zu verstehen, die Bewohnerin hätte sich wieder beruhigt, das Heim könne ihre Sicherheit garantieren.

So kommen Heimleitung und Hausarzt überein, die Überführung erst am folgenden Morgen zu vollziehen. Zu dieser Überführung aber wird es nicht kommen. Denn gemäss Aussagen des Heims fehlt dazu die schriftliche Verordnung des Hausarztes der Bewohnerin.

Heinz Eng, Präsident der Heimkommission, bestätigt dies. «Ohne diese Papiere kann das Heim keinen Bewohner einer Drittperson oder einer Ambulanz übergeben.» Die Tochter rügt: «Wir haben von der abgebrochenen Aktion, die ohne Rücksprache mit dem Hausarzt ausgelöst wurde, nichts erfahren. Und diese schriftliche Verordnung wurde von der Heimleitung erst nach der Absage des Transportes verlangt.»

Drohkulisse sollte Wunsch der Bewohnerin verstärken

Ihre Suiziddrohung hatte Rita Lehmann später relativiert, wie sich herausstellte. Die Drohung sollte als Druckmittel gegen diejenigen dienen, die sie von ihren vier Wänden fernhielten. Item. Rita Lehmann zeigt sich als manchmal renitente, aber auch kooperative Bewohnerin im Weingarten. Mal verweigert sie das Essen, lässt sich nicht waschen. Stunden später ist alles vergessen, geht alles ganz ordentlich.

Die Besuche der Tochter sorgen jeweils – je nach Sichtweise – für eine Beruhigung der Situation oder Ungewissheit bei Rita Lehmann. Das Stichwort Langzeitpflege hingegen für Eskalation.

Und dann: Nennen wir’s eine psychologische Ungeschicktheit. Rita Lehmann gibt dem Personal zu verstehen, sie wisse nicht, weshalb sie nicht nach Hause dürfe. Das sei eine Entscheidung ihrer Tochter, gibt das Pflegepersonal zu verstehen. «Morgen wird ein Familiengespräch stattfinden», bekommt die Bewohnerin weiter erklärt. Eine Ankündigung, die Rita Lehmann beruhigt. «Kein Wunder», sagt die Tochter. «Die Heimleitung nötigte ja meine blinde Mutter zu unterschreiben, dass sie nicht mehr ins Spital will.»

Ein Familiengespräch eskaliert

Das Familiengespräch wird zum Desaster. «Was mich sehr irritiert hat: Dies war kein Familiengespräch, sondern fand im Beisein von weiteren Angestellten des Heims statt.» Die Heimleitung habe zum Ausdruck gebracht, sie wolle damit verhindern, ihr die Worte im Mund zu verdrehen. Die Tochter wertet diese Tatsache als Zeichen des Misstrauens.

«Ich bin davon ausgegangen, wir würden im Gespräch herausfinden, wie der Verbleib meiner Mutter im Heim mit meiner Hilfe gesichert werden kann.» Irrtum: Sie bekommt ein Schreiben zur Unterschrift vorgesetzt. Inhaltlich erklärte Rita Lehmann erneut ihren ausdrücklichen Willen, nach Hause zu wollen. Damit soll sich die Tochter einverstanden erklären.

«Damit war ich überhaupt nicht einverstanden; also habe ich das Papier auch nicht unterschrieben», so die Tochter. Woher der vermeintlich plötzliche Gesinnungswandel bei der Heimleitung stammt, kann sich die Tochter nicht erklären. Sicher ist: Im Laufe dieses Familiengesprächs hatte Rita Lehmann schwere Vorhalte an die Adresse der Tochter erhoben.

Es kommt zu unschönen Szenen im Gesprächszimmer, die Parteien Fuhrer und Lehmann wollen sich quasi im Besprechungszimmer festgesetzt sehen. «Über dreieinhalb Stunden dauerte das Ganze», sagt die Tochter. Noch nicht mal die unter Schmerzen leidende Mutter hätte sie aufs Zimmer begleiten können. «Es hiess: Hier geht niemand raus.» Auch Heinz Eng hält fest, dass es bei diesem Familiengespräch ziemlich «klöpft heig», wie er so schön sagt.

Fazit: «Es ist schon so: Wenn eine Bewohnerin um jeden Preis nicht im Heim bleiben will und sie ist bei Sinnen und zurechnungsfähig, gibt es für uns keinen Grund, sie daran zu hindern, das Haus zu verlassen», sagt Eng.

Die Tochter aber ist der Überzeugung, die Heimleitung habe der Mutter suggeriert, mit Hilfe der Spitex durchaus zu Hause leben zu können. «Mir hielt man vor, ich würde an meiner Mutter Freiheitsberaubung betreiben», so ihre Erinnerung. Dabei hätten die Ärzte im Spital befunden, die Mutter könne nicht mehr alleine leben. Heimleiterin Helga Bethke meint auf Anfrage: «Ich teile die Auffassung von Fuhrers nicht und bedaure sie.»

Kompliziertes geht meist nicht ohne Fehler über die Bühne

«Es sind unsererseits sicher auch Fehler gemacht worden in der Kommunikation», meint der Präsident der Heimkommission dann. «Es wurden Dinge nach aussen getragen, die heimintern zu besprechen gewesen wären.»

Nach dem Familiengespräch jedenfalls setzt sich Susanne Fuhrer mit dem Hausarzt in Verbindung. Der veranlasst, Rita Lehmann ungesehen notfallmässig ins Kantonsspital zu überweisen. Der von der Arztpraxis organisierte Ambulanzwagen bricht aber nach Klärung der Sachlage seinen Einsatz vor Ort ab.

Grund: fehlende Papiere. Denn ohne entsprechende Unterlagen wird keine Person gegen ihren Willen mitgenommen.

Erst im zweiten Versuch erfolgt die Überweisung

Erst der zweite Überweisungsversuch klappt. Die notwendigen Papiere liegen vor. Rita Lehmann wird angeblich gegen ihren Willen auf der Bahre fixiert und ins Kantonsspital überführt. Fuhrers können sich, wie sie zu verstehen geben, diesen Akt nicht mitansehen und halten sich während der Vorbereitungen zum Transport nach eigenen Angaben auf dem etwas abseits gelegenen Parkplatz auf. Der Abtransport habe sie schwer belastet.

Noch immer sind Fuhrers aufgewühlt. Die Aktion bezeichnen sie auch heute als «Rauswurf». Mehrmals haben sie ein klärendes Gespräch verlangt. «Mit einer gewissen Eigenmächtigkeit und Überheblichkeit wurde uns das bislang verwehrt», so Susanne Fuhrer.

Und Rita Lehmann? Nach der Überführung ins Kantonsspital Olten wurde die 94-Jährige kurze Zeit später in die Psychiatrische Klinik nach Langendorf verbracht. «Es hat ihr dort gefallen», weiss Susanne Fuhrer.

Am 12. Dezember ist die Seniorin verschieden. Ihre Geschichte hallt nach. Fuhrers wollen mit den Verantwortlichen des Alters- und Pflegeheims Weingarten noch immer reden, erwarten eine Abmahnung der Heimleitung. «Das wäre das Mindeste», erklären sie.

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