Wie so oft steigt Pedro Lenz in den Zug von Olten nach Zürich. Es ist ein Doppelstöcker, Typ S-Bahn. Lenz setzt sich unten in ein Viererabteil. Ein Mann in den Dreissigern, kurz geschorenes Haar, Trainerhosen, T-Shirt, muskulöse Oberarme, gesellt sich zu ihm, nimmt ihm gegenüber Platz. Er macht eine Bemerkung zu Lenz. Englisch. Lenz gibt eine zurück. Der Muskulöse, ein serbischer Boxer, hat in Olten ein Trainingslager absolviert. Er ist auf dem Weg nach Zürich, am Sihlquai will er den Fernbus nehmen zurück nach Hause. Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Gespräch. Über Sport und Krieg und das Leben überhaupt.

So läuft das also beim Lenz, denkt man sich als Zuhörer im Abteil gegenüber. Die Geschichten finden den einfach. «Ich muss nöch sein, ganz nöch», sagt Pedro Lenz selbst. Im «Gleis 13» beim Bahnhof Olten setzt er die Kaffeetasse an die Lippen, nimmt einen Zug an der Zigarette. Sein Restaurant «Flügelrad» liegt in unmittelbarer Nähe. Die Beizer am Bahnhof unterstützen sich gegenseitig; wenns einem von ihnen gut geht, gehts auch den anderen gut.

«Nicht so sesshaft»

«Ich bin eigentlich nicht so ferrophil», sagt Lenz. Das muss er erklären. Er, der über dem «Flügelrad» wohnt, Sicht auf die Geleise, Durchsagen auf Italienisch vom Gleis 12, der Eurocity fährt bis Mailand. Er, der durch das Fenster seiner Wohnung die Züge beobachtet und «praktisch täglich» in einen von ihnen einsteigt. Nach Zürich, Basel, Bern und sonst wohin. Bautypen und Zugkompositionen interessieren ihn nicht, sagt er. Etwas anderes macht das Zugfahren für ihn aus: «Ich bin gerne in Bewegung.»

Sein Lebensgefühl: «nicht so sesshaft». Ihm ist wohl beim Gedanken, tagsüber nach Bern ins Radiostudio zu fahren und am Abend weiter an eine Lesung nach Winterthur. Er hat ein GA zweiter Klasse, in der zweiten Klasse erlebt er mehr. Ist der Zug voll, begibt er sich in den Speisewagen. Dort ist seiner Erfahrung nach meist noch Platz.

Trotzdem ist er froh, wenn er nicht zu Stosszeiten fahren muss. Auch einen Kaffee vom Imbisswagen nimmt er jeweils gerne. «Das gefällt mir, dass mir wer ein Kafi serviert», sagt er. Seit dem Jahr 2000 hält er regelmässig Lesungen in der ganzen Deutschschweiz. Er kennt inzwischen den einen oder anderen Kondukteur. «Dann reden wir ein paar Worte.»

Lenz nutzt das gesamte Schweizer Bahnnetz. Auch wenn er frei hat, fährt er Zug. Häufig liest er. Schreiben aber, das gehe schlecht. Dafür muss er sich konzentrieren können. «Ich nehme wahr, was für Menschen unterwegs sind», sagt er. Die Inspiration fürs Schreiben, die geschieht nebenbei, unbewusst.

«Es kommt vor, dass ich einen skurrilen Dialog oder einen lustigen Satz höre.» Wenn etwa eine Mutter ihr Kind ermahnt, es solle nicht immer so rhetorische Fragen stellen. Sprachliche Kleinigkeiten. Die fast normal sind, aber eben nicht ganz. Er notiert sie. Am Schreibtisch kann er sie später verarbeiten.

Aber nicht deswegen fährt er so viel Zug. «Ich bin gerne im öffentlichen Raum», erklärt er. «Allein unter Leuten», wie der Schriftsteller Peter Bichsel es nannte. Da kann Lenz seinen Gedanken nachhängen. Und er redet mit den Menschen, er nimmt Anteil. Um zu verstehen, wie sie leben. «Ich bin sehr gerne ganz nahe dran. Ich muss ein Gefühl für etwas kriegen.» Nur über solche Dinge kann er schreiben. Er käme sich sonst als Betrüger vor.

«Ich habe die Schweiz extrem gut kennen gelernt», sagt Lenz. Er weiss etwa, dass ein Kafi in Zürich 5 Franken kostet und in La Chaux-de-Fonds 3.20 Franken. Die gleichen Unterschiede fänden sich in den Mietzinsen wieder. Kehrt er aus den Ferien zurück, freut er sich über die Schweizer Ortsschilder. Weiss auf blauem Grund. «Wenn ich in Basel einfahre, dann weiss ich, dass mir nichts mehr passieren kann.»

«Das muss man ertragen»

Noch etwas anderes hat er auf seinen Zugfahrten festgestellt. «Es gibt in der Schweiz einen Stadt-Land-Graben», sagt er. Im Bummler zu fahren sei ein anderes Gefühl als im Intercity. «Das Meiste in der Schweiz ist Agglomeration, ist Dazwischen.» So wie Olten. Olten sei Stadt, sei Provinz, das Normale eben. Das Mittelland ist die Schweiz, die Lenz jeden Tag erlebt. Die er aufsaugt und in seinen Texten wiedergibt.

Was hält das Land zusammen? Pedro Lenz wirft die Frage auf. Und er hat eine Antwort darauf gefunden. Die Armee ist es seiner Meinung nach nicht. Sondern, in seinen Augen, die Bahn. Die SBB, die einen Wiedererkennungswert schafft, weil sie überall im Land gleich aussieht.

Für die uniformen Railcity-Einkaufspassagen kann er sich allerdings nicht begeistern. Lenz stört, dass der Bahnhof als öffentlicher Raum in den vergangenen 20 bis 30 Jahren immer mehr einer hochrentablen Kommerzzone gewichen sei. «Es gibt immer weniger Orte, wo sich Menschen grundlos treffen können», glaubt er. Bahnhöfe würden immer mehr zu Ladenstrasse und weniger zu Begegnungsorten. Sitzbänke verschwänden.

Und die sogenannt Randständigen seien hier nicht mehr erwünscht. «Es gibt immer weniger Verständnis dafür, dass nicht alle Menschen ihr Leben im Griff haben.» Auch sie wollten sich an einem normalen Ort aufhalten. «Das muss man ertragen.»

Er erinnert sich an ein Erlebnis im Zug. Ein alkoholisiertes, psychisch auffälliges Pärchen stieg ein. «Ich dachte, hoffentlich kommen die nicht zu mir, weil sie nerven», erzählt Lenz. Er widmete sich wieder seiner Lektüre. Da schrie sie: «Du Hanspeter, lueg da, der Pedro Lenz!» Die beiden wollten dann Fotos machen mit ihm. Er zuckt mit den Achseln. «Ich dachte mir: Ach, isch doch gliich.»