«Komm, gehen wir ins Haus», ruft die 6-jährige Cheyenne. Ihre gleichaltrige Spielkameradin Leona bewegt sich mit Kissen unter den Füssen in Richtung des mit blauen Tüchern bedeckten Kartontunnels. Beide verschwinden im «Haus», um wenige Sekunden später blitzschnell herauszukrabbeln.

Dann geht ein Wettrennen los. Schlachtrufe. Weiter gehts auf der anderen Seite des Raums, in der leeren Holzburg. Sturmfrei. Ihre Bewohner, Puppen und Plüschtiere, sind «in den Ferien». Genauso wie derzeit alle anderen Spielsachen in den Kindergärten 2, 3 und 5 des Säli-Schulhauses.

Im Rahmen des Projekts «Spielzeugfreier Kindergarten» der Oltner Suchthilfe Ost GmbH räumten Anfang Jahr Kinder mit ihren Lehrpersonen in verschiedenen Kindergärten der Region Olten ihre Spielstätten aus. Geblieben sind lediglich sogenannte unstrukturierte Materialien wie Karton, Büchsen und Tücher. Während dreier Monate müssen sich die Kinder damit beschäftigen.

Grenzen gibt es abgesehen vom Einhalten der Sicherheit keine. Das Ziel der Aktion: Kinder sollen sich neu erleben und ihre Lebenskompetenzen trainieren können, wie zum Beispiel das Problemlösen, die Kommunikationsfähigkeit und das Selbstbewusstsein. Die Lehrperson hält sich bewusst im Hintergrund und nimmt als «Hüterin der Grenzen» grundsätzlich die Beobachterrolle ein.

Angela Carere, Lehrerin im Kindergarten Säli 2, führt das Projekt zum dritten Mal durch, in Olten bereits zum zweiten Mal. «Ich habe bis jetzt sehr positive Erfahrungen mit diesem Projekt gemacht», sagt sie begeistert. Die meisten Kinder entwickelten sich in dieser Zeit stark weiter. «Schüchterne Kinder gehen zum Beispiel plötzlich auf die anderen Kinder zu und nehmen in der Gruppe eine ganz andere Rolle ein.» Auffallend sei auch die explodierende Kreativität der Kinder. «Hölzli werden zu Bananen, das Seil wird zu einer Schlange und Röhren zu Trompeten.» Spannend sei auch, dass die verschiedenen Gegenstände je nach Spielsituation etwas anderes darstellen. 

Mitten im Schulzimmer sind Stühle hintereinander eingereiht und mit einem weissen Leintuch überdeckt. «Heute Morgen haben die Kinder zum Beispiel eine Achterbahn gebaut», erzählt Angela Carere. In die spezielle Spielart wurden die Kinder zu Beginn des Projekts eingeführt, unter anderem mit einer Bildergeschichte. «Wir haben auch zusammen die Spielsachen weggeräumt.»

Rebelliert habe dabei niemand. Sobald den Kindern die neuen Möglichkeiten bewusst werden, wünschen sich die meisten laut Carere die Spielsachen gar nicht mehr zurück. «Auch uns Lehrpersonen wird dann wieder bewusst, wie wenig Spielzeug Kinder eigentlich brauchen.»

Nicht alle Kinder lassen sich aber gleichermassen von ihren Gspänli mitreissen. «Ich habe auch Fälle erlebt, bei denen Kinder vier Wochen lang nur mit Chlötzli Türme gebaut haben», erzählt sie. Der Knopf muss aber von alleine aufgehen. «Das braucht dann sehr viel Geduld, da wir uns nicht einmischen dürfen.» Diese zahle sich aber aus. Alle würden früher oder später ihren Platz in der Gruppe finden.

Dass dies nicht passiert, davor haben einige Eltern Angst. «Es gab Eltern, die zu Beginn Bedenken äusserten, weil sie befürchteten, ihr Kind würde in der Menge untergehen.»

Umso mehr staunten sie aber, als sie die während der Lektionen aufgenommenen Videos sahen: Ihre schüchterne Prinzessin wurde zur Wildsau.

Nicht für alle Klassen geeignet

Im Kindergarten Säli 5 schlagen einige Kinder mit Kartonröhren auf Büchsen, während andere die Röhren als Trompeten benutzen. Besucher wünschen sich in diesem Moment Ohrenschützer. Patricia Müller, stellvertretende Lehrerin im Kindergarten Säli 5, strahlt trotz Lärm. Sie erlebt das Projekt zum ersten Mal. «Diese Art von Kindergarten ist sowohl für die Kinder als auch für mich sehr spannend und lehrreich», sagt sie. Der Unterricht sei für die Lehrperson aber auch auf eine andere Art herausfordernd.

Neben der hohen Lautstärke müsse man die Kinder stets sehr gut im Auge behalten. Nicht selten können gefährliche Situationen entstehen, zum Beispiel beim Herumklettern und beim Spielen mit Seilen. «Da musste ich bis jetzt einmal einschreiten», sagt Patricia Müller. Ansonsten bleibe es genauso wie im traditionellen Kindergarten meist bei harmloseren Kratzern und Beulen.

Da die Kinder wirklich viel Freiheit haben, eigne sich ihrer Meinung und den Erfahrungsberichten von Kolleginnen nach diese Spielart nicht für alle Klassen. Gibt es viele schwierige Kinder, könnte die Situation schnell ausarten. «Das ist dann für alle weniger ideal.»