Gibt es eine eigentliche Fotopolitik? Was ist ein erhaltungswürdiges fotografisches Dokument? Wer soll sinnvollerweise die allfällige Triage vornehmen? Wer soll welche Fotobestände erhalten? Diesen und weiteren Fragen versuchte die Podiumsdiskussion zum Thema «Die Erhaltung von Fotoarchiven», auf den Grund zu gehen. Auch wenn die meisten Fragen ungeklärt blieben, entwickelte sich doch ein aufschlussreiches Gespräch.

Eigentlich war man sich einig

Eingeladen hatte am Mittwochabend ins Theaterstudio das Historische Museum Olten im Rahmen der Ausstellung «Fotografie der Gegenwart am Jurasüdfuss». Unter der Gesprächsleitung des stellvertretenden Chefredaktors des Oltner Tagblatts, Ueli Wild, diskutierten Kurt Deggeller (Direktor Memoriav, Verein zur Erhaltung audiovisuellen Kulturguts der Schweiz, seit wenigen Tagen in Pension), Alain Gantenbein (Präsident Fachkommission Film und Fotografie des Kuratoriums für Kulturförderung des Kantons Solothurn), Leonardo Bezzola (Fotograf aus Bätterkinden) und Markus Schürpf (Fotohistoriker, Leiter Fotobüro Bern). Alle waren sich einig: Es fehlt eine Fotopolitik.

Offene Türen eingerannt

«Wann fangt Ihr endlich an, die Archive der Fotografen sicherzustellen», hatte Leonardo Bezzola in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Solothurner Kunstpreises 2005 gefragt. «Die Lokalpresse hat mich deshalb des Undanks bezichtigt», erinnert er sich. Doch habe er scheinbar offene Türen eingerannt. Es habe damals geheissen beim Kanton, in wenigen Monaten werde er informiert. «Darauf warte ich immer noch», so Bezzola. Und weiter: «Die Schweizer Fotografie bringt mehr klingende Namen hervor als der Schweizer Film, doch der Film hat eine Lobby und mehr Prestige.» Eine Übersicht über die Fotoarchive könne ein Schritt in die richtige Richtung sein, so Bezzola.

«Die Kommission machte Bestandesaufnahmen im Kanton Solothurn», sagte dazu Alain Gantenbein. Meist sei der Kanton bei der Kultur finanziell beteiligt. Doch: Es herrsche ein Grabenkrieg zwischen Kanton und Gemeinden auf Kosten der Kulturschaffenden. Cornelia Meyer, Museologin aus Küsnacht, hatte das Mandat, alle Fotografen «am Jurasüdfuss» aufzusuchen und ihr Archiv unter die Lupe zu nehmen: «Es tat weh zu sehen, dass die Fotografien zum Teil sehr unprofessionell gelagert werden, etwa in Bananenschachteln auf dem Estrich.»

Eine schmerzliche Frage

Der Gesprächsleiter fragte nach, ob denn bei den Fotografen eine «Triage» stattfinde. «Das ist eine schmerzliche Frage», so Kurt Deggeller. Der Übergang vom privaten Archiv in die Öffentlichkeit sei das Problem. Denn ein Archiv finde in der Öffentlichkeit statt. Da müsse die Triage schon stattgefunden haben. «Dazu gibt es keine Formel. Man kann etwa einfach einen Teil einer Sammlung auswählen.» Aber: «Alles zu behalten, ist das Schlimmste, was man tun kann.»

«Schmerzlich ist der Prozess auch deshalb, weil kein Geld da ist. Vom Fotografen wird verlangt, seine Ware gratis abzuliefern», so Bezzola. Wenn das Geld das Problem sei, könnte der Weg allenfalls in Richtung eines interkantonalen Projekts führen, das die zentrale sachgemässe Lagerung der Bestände erlaube», so Kurt Deggeller.

Aargau erhält Ringier-Archiv

«In einigen Tagen wird das Staatsarchiv Aargau, das die riesige Fotosammlung der Medienunternehmen von Ringier in Zofingen erhalten hat, eine Tagung durchführen», wies Peter Kaiser, Kurator des Kunstmuseums Olten, auf die Fotoarchiv-Problematik anderer Kantone hin. Markus Schürpf ist dort ebenfalls integriert. «Aus 140 Quadratmetern (Paletten) Fotos mussten wir selektionieren.» Es sei subjektiv, welche Dokumente erhaltenswürdig seien und welche nicht. «Man kann sich die Frage stellen: ‹Ist es ein Dokument oder ein Kunstwerk?›. Fotografie ist Fotografie.» Leider fehle aber das Bewusstsein und auch das Geld, damit die Fotografie richtig archiviert werden könne. «Fotografie ist überall und hat eventuell deshalb so wenig Prestige.»

Und zum Schluss fragte Leandro Bezzola erneut: «Wird nun etwas geschehen? Hat der Berg ein Mäuschen geboren?» Ja: «Den Vorhang zu und alle Fragen offen», schloss Ueli Wild die Diskussion mit einem Zitat von Bertolt Brecht.