Der Themenabend der FDP Rickenbach und sieben weiterer Ortsparteien hatte einen breiten informativen Gehalt. Auch wenn relativ wenig Gäste in die Mehrzweckhalle kamen, ihrer 70 vielleicht. Dabei wurden planerische Zeithorizonte für einmal plastisch dargestellt. Wo heute nämlich noch das Kernkraftwerk Mühleberg steht, wird sich im Jahr 2034 womöglich eine grüne Wiese finden. Dies jedenfalls stellte Philipp Hänggi, Leiter Nuklear und Kohle bei den Bernischen Kraftwerken (BKW) in Aussicht. Die Besitzerin hatte sich bereits vor Jahren aus wirtschaftlichen Gründen entschieden, das Kraftwerk Ende 2019 still zulegen und rückzubauen. Allerdings gibts die grüne Wiese nur dann, wenn sich kein anderer Verwendungszweck für das Gelände findet. «Aber es ist zu früh, um darüber zu spekulieren», so Hänggi, der als Rickenbacher in seiner einstigen Wohngemeinde besonders herzlich begrüsst wurde.

Lange Vorbereitungszeit

«Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist an sich keine Neuheit», so Hänggi. «Das gabs schon in Deutschland und den USA.» Technologisch sei das auch nicht wahnsinnig anspruchsvoll, aber doch aufwendig. «Aufwendig ist der Prozess auch deshalb, weil sämtliche Gebäudeteile samt Infrastruktur auf ihre Radioaktivität überprüft werden.» Der Rickenbacher betonte dabei so en passant, die BKW und ihre Verantwortlichen hätten die mehrjährige Vorbereitungszeit zwar intensiv, aber ohne Druck nutzen können. Eine so lange Vorlaufzeit sei eher selten, wie Hänggi zu verstehen gab.

Was an statistischen Angaben anfiel: Bei Rückbau der Anlage fallen insgesamt 200 000 Tonnen Material an, von denen 4000 Tonnen als radioaktiver Abfall bezeichnet werden. Das Hauptziel sei, dabei möglichst wenig radioaktive Abfälle zu produzieren. «Deshalb reinigen wir so viel Material wie möglich.» Manchmal reiche Abwaschwasser, teils komme ein leistungsfähiger Hochdruckreiniger zum Einsatz. «Wasser wird darum etwa der Sandstrahlbehandlung vorgezogen, weil die radioaktiven Rückstände vom Wasser später leichter zu trennen sind als vom Sand», so Hänggi weiter. Was nicht gereinigt werden kann, wird verpackt für die spätere Tiefenlagerung beziehungsweise die Lagerung im Zwischenlager Würenlingen.

Das gilt auch für den "heissesten" Stoff aus Mühleberg, die Brennelemente. Sie klingen erst mehrere Jahre im Brennelementelagerbecken Mühleberg ab. «Bis 2024 aber sind alle Brennelemente aus dem Kernkraftwerk Mühleberg abtransportiert», so Hänggi. Insgesamt nimmt der nukleare Rückbau satte fünf Jahre in Anspruch und wird Ende 2030 abgeschlossen sein. Ab 2031 ist das Areal freigegeben und wird auf weitere radioaktive Kontamination untersucht. Sind keine entsprechenden Gefahrenquellen mehr auszumachen, erfolgt der konventionelle Rückbau. Will heissen: Abbruch der nicht mehr benötigten Gebäude, der 2034 ein Ende findet.

Die Stilllegung von Mühleberg schlägt mit einer knappen Milliarde Franken zu Buch. «Die Finanzierung ist gesichert» so Hänggi auf eine Frage aus der Zuhörerschaft. Noch einmal 1,25 Mia. fallen für die Entsorgung an. Auch hier sprach Hänggi von einer gesicherten Finanzierung. Und sollten die BKW zahlungsunfähig werden, wie aus dem Plenum spekulativ in den Raum gestellt wurde, so springen die anderen Betreiber von Kernkraftwerken in die Bresche.

Das Endlager fehlt (noch)

«Erst wenn diese Kräfte versagen, kommt die Eidgenossenschaft ins Spiel», erklärte der zweite Referent, Markus Fritschi als stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung NAGRA, der nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Noch findet sich in der Schweiz nämlich kein Standort für ein Endlager.

Allerdings verhiess Fritschi Licht am Ende des Tunnels. «Bis in 15 Jahren dürfte die Standortfrage geklärt sein.» Solothurner können dem Entscheid eher gelassen entgegensehen, nachdem das einstige Gebiet «Jurasüdfuss» im Grenzgebiet Niederamt/Aargau zurückgestellt wurde und die NAGRA im Auftrage des Bundes sich jetzt auf drei andere Regionen konzentriert: Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürich Nordost werden abschliessend untersucht. «Alle drei Standortgebiete eignen sich sowohl für ein geologisches Tiefenlager für hochaktive Abfälle als auch schwach- und mittelaktive Abfälle oder aber für ein Kombilager mit einem gemeinsamen Standort der beiden Lagertypen», so Fritschi.

Nach der Standortwahl werden aber noch zwei, drei Jahrzehnte ins Land ziehen. Das Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle dürfte im Jahr 2050, jenes für hochaktive Abfälle 2060 in Betrieb gehen. Um ein sicheres Endlagers zu gewährleisten, muss dieses in einer Opalinustonschicht rund 900 Meter unter Tag zu liegen kommen. «Darüber herrscht international Einigkeit», so Fritschi. Ein Tongestein, welches vor rund 175 Millionen Jahren in einem Flachmeer der Jurazeit entstanden ist. «Die Schicht ist extrem dicht und stabil», so Fritschi weiter. Doch beruhigend für die Zuhörerschaft.