Sie blutet. Susanne Klein hält ihren verletzten Finger unter den Wasserhahn. Mit einem Stück Küchenpapier stoppt sie die Blutung der Wunde anschliessend. «Das esch doch nor en Chratzer», sagt sie und spaziert unbekümmert und lächelnd weiter durch ihr Zuhause, die wohlbekannten Korridore des Tierdörfli Olten. Barmherzig streckt sie beim Vorbeilaufen weiteren aufgeregten Pflegehunden ihre Hand zu.

Die Angst vor weiteren Bissen scheint sie nicht abzuschrecken. Auch die sengende Mittagssonne scheint der 80-jährigen Leiterin des Tierdörfli nichts auszumachen: Während die Katzen des Tierheims in den Schatten flüchten, führt sie voller Elan durch die verzweigten Gänge des Tierheims. Hier und da hält sie an, um sich einen Moment lang die Schildkröten im Teich anzuschauen oder ein Frettchen zu streicheln. «Isches ned härzig», sagt sie und legt das Tier zurück in seine Unterkunft. Die 50 Jahre Erfahrung, die Susanne Klein mit Tieren und deren Pflege hat, kann keiner fälschen. Auch ihre Liebe zu den vom Schicksal gebeutelten Lebewesen nicht.

Keine Zeit für eine eigene Familie

«Das Tierheim esch mis Läbe, mis Chind», sagt sie. Zeit für eine eigene Familie hatte sie nie. Und wollte es auch so. «E ha mini Familie do», fährt sie fort und meint sowohl die Tiere als auch ihre Schwester und ihre Nichte, die sie tagtäglich unterstützen. Seit Susanne Klein 1969 mit 30 Jahren gemeinsam mit einigen weiteren Oltner Tierfreunden den ersten Tierschutzverein in Olten und Umgebung gründete, kann sie auf die Unterstützung ihrer Familie zählen.

Doch als es rund vierzehn Jahre zuvor um die Wahl einer Lehre ging, hätten ihr die Eltern geraten «en rächte Bruef» zu lernen. «Met Tier het me denne brueflich no nüt gschiids chönne afoh», erklärt Klein. Sie habe sich anschliessend für eine Lehre als Kauffrau entschieden und eine Stelle bei der Oltner Stadtverwaltung gefunden. Erst später, als eine Ausbildung für die Arbeit mit Tieren Pflicht wurde, habe sie sich als eine der ersten schweizweit zur Tierpflegerin und anschliessend zur Lehrmeisterin ausbilden lassen.

Eine Tierfreundin der ersten Stunde

«E ha scho emmer Tier wöue», sagt sie. «Aber ha nie eis dörfe ha.» So habe sie als Kind immer die Nachbarshunde gehütet und ihre Sommerferien auf Bauernhöfen verbracht. Mit der Eigenständigkeit nach der Lehre gesellten sich dann aber ein Pferd, ein Pony, ein Hund und eine Katze zu ihr. Doch dabei blieb es nicht. Nach der Gründung des Vereins stieg ihre Verantwortung für ausgesetzte Tiere. «E ha ständig Telefon is Stadthuus becho, dass en usgsetzte Hond oder en Chatz gfonde worde esch», erinnert sich Susanne Klein.

Unterbringen konnte sie die gefundenen Tiere zunächst noch privat. Schon bald teilte ihr Pferd den Stall mit Kaninchen und Schwänen. Auch in ihrer Wohnung nahm Klein damals Nager und Vögel auf. Hunde habe der neu gegründete Verein jeweils in ein Ferienheim geschickt. Doch so konnte es nicht ewig weitergehen, denn die Anzahl ausgesetzter Tiere sei gross gewesen: Deren Platzierung ins geeignete Zuhause gestaltete sich für die Vollzeit-Angestellte damals sehr mühsam. «E ha e Standort müesse sueche, wo me alles zentralisiere cha», sagt Susanne Klein.

Eine jahrelange Suche findet ein Ende

Knapp drei Jahre lang habe die Suche gedauert, bis der Verein 1974 mit dem Bauernhaus Bumeloch in Starrkirch-Wil fündig wurde. Mit dem gesammelten Geld des Vereins mietete Klein kurzerhand das Haus.

Der Umzug mit den ersten Tieren erfolgte in der Silvesternacht. Die offizielle Eröffnung des Tierheims Bumeloch datierte vom 1. Januar 1975. «Chum hemmer agfange, esch s’Huus scho bumsvoll gsi», erinnert sie sich schmunzelnd. Nach drei Monaten gab sie schliesslich ihren Job im Stadthaus auf und schloss sich den Tieren im Bumeloch an. Mit den Spendengeldern der 1984 gegründeten Stiftung Tierheim Bumeloch erwarb sie später die Liegenschaft und blieb 20 Jahre in deren Besitz.

Aber: «Mer hend duurend Problem met em Nochber gha», erzählt Klein stirnrunzelnd. Sie kann noch heute sein Verhalten nicht nachvollziehen. Die einzige Möglichkeit, ihn nicht zu stören, war: mit den Hunden in den Wald gehen. Dies und die wachsende Zahl der aufgenommenen Tiere im Heim zwangen den Verein schlussendlich zum Auszug aus dem Bumeloch.

Das Tierdörfli Olten entsteht im Gheid

Vor 24 Jahren bezog der Verein seinen heutigen Standort an idyllischer Lage am Aspweg in Wangen bei Olten: Zufluchtsort und neue Heimat für rund 350 Tiere sowie Arbeitsplatz für 21 tierliebende Angestellte. Seither ist die Stiftung Eigentümerin, während sich der Verein um den Unterhalt der Tiere kümmert. Rund 20 Franken koste ein Tier pro Tag, weiss Klein. «Mer hend emmer finanzielli Problem gha.» Die eingelieferten Tiere müssen allesamt ärztlich untersucht, geimpft, entwurmt und je nach Zustand des Tieres auch operiert werden.

Auch kostspielige Quarantänen seien keine Seltenheit: Rund drei Viertel der beherbergten Hunde beispielsweise seien im Ausland gekauft worden, meistens über Internetportale. «Das send alles Hönd, wo onöberleit kauft worde sind», sagt die Leiterin etwas energisch. Nicht selten seien darunter auch Hunde aus Ländern, wo man noch die Tollwut kennt. Obwohl alle Tierpfleger des Heims dagegen geimpft sind, macht das Thema die Inhaberin wütend. «Sie wärde eifach abgäh ond mer müesse d’Köschte träge.» Dennoch komme das Einschläfern der befallenen Tier für sie nicht infrage. «Das brengi ned öbers Härz.»

Auch mit 80 Jahren und nach 50 Jahren Tierschutzarbeit gibt sie sich den Tieren mit der puren Liebe und Freude eines Kindes hin. Die einzelnen Schicksale der Tiere lassen sie nach wie vor nicht kalt. «E be no ned abgstumpft», sagt sie. Doch sie beobachte, wie der Respekt gegenüber Tieren heutzutage schwinde. «Sie wärde hüfig als Spöuzüg gseh und wärde kauft, wöu em Bsitzer grad längwilig esch.» Daher lege sie grossen Wert auf Aufklärung: Jedes Jahr besuchen Schulklassen und während der Schulferien auch andere Kinder das Tierheim. In Kursen lernen sie den Umgang mit Tieren und deren spezifische Bedürfnisse kennen. Für zukünftigen Tierpflege-Nachwuchs sorgt das Tierheim zusätzlich mit Lehrstellen.

In Zukunft aber beschäftigen das Tierheim vor allem Themen finanzieller Natur: Für die Sanierung der Hundehäuser fehle dem Verein eine sechsstellige Summe, teilt die Leiterin mit. Dass das Geld dringend gebraucht wird, lässt Susanne Klein subtil durchschimmern. Sie wirkt jedoch gelassen und hoffnungsvoll. «E spiele immer öppe Lotto und hoffe uf nes Wunder – e ha immer Glück gha bis jetzt.»

Dankbar für die grosszügige Unterstützung

Für die grosszügige Unterstützung, die ihr in den vergangenen 50 Jahren entgegengebracht wurde, ist sie sehr dankbar. Von Erschöpfung ist ihr aber nichts anzumerken. «E mache witter, solang e gsond bi», sagt sie. Sie weiss, dass ihr Tierheim in guten Händen sein wird. Auch wenn sie einmal nicht mehr durch die Korridore ihres Zuhauses laufen und sich um ihre Tiere kümmern kann.