Stadttheater Olten

Ihr Leben hängt an seidenen Fäden: Lautten Compagney Berlin zu Gast in Olten

Lautten Compagney Berlin im Oltner Stadttheater

Marionetten der Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli waren nur eine Attraktion in der Aufführung von Händels «Rinaldo».

Händels Oper Rinaldo wurde im Stadttheater Olten mit Marionetten und von grandiosem Musiker- und Sängerensemble umgesetzt.

Eine Oper ohne Sängerinnen und Sänger? Gibt es nicht. Aber es gibt Opern, die ohne Sänger auf der Bühne gespielt werden, weil diese im Orchestergraben postiert sind und von dort den Protagonisten auf der Bühne Leben einhauchen.

Von der musikalischen Sogwirkung erfasst

«Die da oben» sind also seelenvolle Geschöpfe, die von der Sogwirkung von Georg Friedrich Händels glühend-brillanter Musik erfasst werden. Und das so sehr, dass die Zuschauer mit Rinaldo, Armida, Almirena, Argante, Mago, Goffredo und Eustazio mitfiebern und -leiden, obwohl die Genannten aus Holz gefertigt sind und ihr Leben nicht bloss von den Sängern abhängt, sondern primär an den seidenen Fäden der Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli hängt: eine italienische Puppenspielerdynastie, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Dreizehn, dem Publikum verborgene Könner stehen auf einer Brücke und lenken von dort die Geschicke von sieben Figuren, deren Geschichte eine in der Barockzeit beliebte war: Kreuzritter, die gegen das Böse ins Feld ziehen; eine Liebe, die durch eine Zauberin gefährdet wird; ein Feind, der sich in die Falsche verliebt und wieder zur Richtigen findet und ein König, der Rinaldo und seiner Geliebten Almirena endlich seinen Segen gibt.

Ein gefundenes Fressen für ein Bühnenfeuer

Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo ist für die Compagnia ein gefundenes Fressen, ein Bühnenfeuer zu entfachen, über das man nur staunen kann. Diese perspektivisch so verblüffenden Szenerien! Ein Beispiel: Rinaldo steigt an der Rampe in das Boot einer Zauberin – worauf er Augenblicke später nur noch als winziger Mensch im Meer zu erkennen ist. Dessen Wellen bewegen sich hin und her sowie auf und ab und lassen Meerjungfrauen auf- und abtauchen. Und weiter: Wie imaginiert man einen Garten? Indem man die Blockflöte im Orchestergraben zwitschern und auf der Bühne Vögel flattern lässt. Einmal mehr wird von den Puppenspielern filigrane Massarbeit gefordert, was ebenso für die in die Szene platzenden Drachen gilt. Diese blähen ihre Nüstern – und schon ist die Bühne vernebelt. Noch einmal: Was vor unseren Augen abläuft, lässt uns wie ein Kind staunen und beglückt uns.

Marionetten geben sich Atem Händels heim

Das Schönste dieser Rinaldo-Inszenierung aber ist, wie sehr sich die Marionetten dem Atem von Händels Musik anheimgeben. Sie holen vermeintlich tief Luft, bevor sie ein Koloraturfeuerwerk abbrennen; sie verdeutlichen mit hochfahrenden Gesten ihre Nöte – und dabei zittern ihre Lippen. Dass sie das überhaupt können, verdankt sich einem Unterkiefer, der mittels Fäden bewegt werden kann.

Was will man sonst noch wissen? Nichts mehr

Über das weitere Wie will man gar nichts mehr wissen, denn was auf der Bühne so strahlend und wirkungsvoll erscheint, ist auf die Impulse aus dem Orchestergraben zurückzuführen. Dort wird hörbar, was die (nicht nur) auf Barockmusik spezialisierte Lautten Compagney aus Berlin auszeichnet: eine federnde Leichtigkeit und eine Virtuosität von Musikern, die trotz ihrer solistischen Ausflüge nie das Ganze und damit das Ensemble vergessen.

Wolfgang Katschner ist ein Dirigent, der bei Händels Partitur auf Transparenz setzt und Akzente – etwa vom Schlagwerk – zwar kräftig, aber dennoch nie als Knalleffekte versteht. Doch was wären die Puppen ohne Sängerinnen und Sänger wie Nicholas Tamagna, Myrsini Margariti, Hanna Herfurtner, Elias Arranz, Julia Böhme und Georg Arssenij Bochow, die sich furchtlos in die Koloraturen stürzen und Rinaldo mit ihrem dramatischen und lyrischen Impetus beseelen. So sehr, dass die Kreuzritter-Zauberoper einen Begeisterungssturm entfacht, dem am Ende eine Standing Ovation folgt.

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