Olten

«Ich wollte jungen Leuten die Augen öffnen»: Franz Derendinger wird nach 38 Dienstjahren pensioniert

Franz Derendinger am Ort seines jahrelangen Wirkens, dem Zimmer 212, in der Berufsschule Olten.

Franz Derendinger am Ort seines jahrelangen Wirkens, dem Zimmer 212, in der Berufsschule Olten.

Mit Franz Derendinger wurde an der Berufsschule ein Lehrer-Original nach 38 Dienstjahren pensioniert.

Er sprang auf Schulpulte, erfüllte mit seinem ohrenbetäubenden Nachahmen von Sirenengeheul das gesamte Schulhaus oder schlug zur Abwechslung auch mal den Kopf gegen den Schrank. Gleichzeitig erschien er stets in piekfeiner Kleidung mit blütenweissem Hemd, schwarzen Anzugshosen und dunklen Loafer-Schuhen. Nein, ein Lehrer wie jeder andere war Franz Derendinger bestimmt nicht. Und doch bleibt mir von ihm weniger seine ausgefallenen Aktionen als vielmehr die hingebungsvolle Art in Erinnerung, wie er mir als Berufsmatura-Schüler durch das Medium Film den Kulturwandel auf philosophische Art und Weise näherbrachte.

Zum Ende des abgelaufenen Schuljahres wurde Franz Derendinger nach 38 Jahren als Lehrer für Deutsch und Kulturgeschichte an der Berufsschule in Olten pensioniert. Ob Kaufleute, Nachwuchs aus Gesundheits- und Sozialberufen oder aber junge Fachkräfte aus dem technischen Bereich – so mannigfaltig seine Klientel war, so blieb sein Ansatz immer derselbe: «Ich wollte den jungen Leuten die Augen öffnen.» Die Augen öffnen in Bezug auf das «Knacken von literarischen und filmischen Geschichten».

Denn wer beim blossen Konsumieren und Bedürfnisbefriedigen bleibe, der erlebe nicht dieselbe Genugtuung: «Ich gehe davon aus, dass der Mensch glücklicher ist, wenn er sich in eine aktive Position zu einer Sache begibt.» Es gehe darum, sich mit einer Sache, einer Geschichte auseinanderzusetzen, sich reinzudenken. Sein einleuchtender Vergleich: «Wer etwas von Wein versteht und sich damit auseinandersetzt, der hat mehr davon als einer, der ihn einfach reinschüttet.»

Berufswahl als Eingebung

Die Absicht, Lehrer zu werden, sei in ihm, der in Wettingen aufgewachsen ist, schon früh gereift: «Mit 14 Jahren erlebte ich einen typischen pubertären Durchhänger in der Schule, bis es mir glasklar erschien, dass ich eines Tages als Lehrer tätig sein möchte. So fand ich neue Motivation und meine Leistungen wurden wieder besser.» Der Weg durch die Kantonsschule gestaltete sich problemlos. Zu diesen Zeiten seien es noch die Naturwissenschaften gewesen, welche ihn begeisterten. «Mit 17 war Physik für mich eine Art Religionsersatz», meint Derendinger. So schlug er ein Studium in naturwissenschaftlicher Richtung ein, was sich als Fehlgriff erwies: «Ich erlebte eine Art Schock, als ich realisierte, dass die Materie derart stromlinienförmig ist», blickt er zurück.

Daraufhin zog er die Notbremse, um sich im Jahr darauf einem Studium in Germanistik und Geschichte zu verschreiben. Hier habe er seine Leidenschaft wiedergefunden, aber nicht etwa in der klassischen Sprachlehre, «das hat mich nie sonderlich interessiert», sondern vielmehr «das Geschichten-Aufnehmen, -Durchdringen und -Knacken». Der heute emeritierte Professor Peter von Matt war sein Lehrmeister. Schon bald darauf habe er seine erste feste Anstellung an der Berufsschule in Olten angenommen. Mit 28 Jahren wurde er erstmals Vater. Zusammen mit seiner Frau Renata zog er insgesamt drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, gross. Gleichzeitig eignete er sich mit einem Zweitstudium in Philosophie eine weitere Facette an.

Familienusus versus Vaters Spott

Woher denn diese aus dem Rahmen gefallenen Aktionen? «Man muss wissen, dass ich mütterlicherseits in einem Umfeld umzingelt von Lehrern aufwuchs. Gleichzeitig war mein Vater regelrecht ein Lehrerfresser.» Er habe Lehrer, überhaupt Autoritäten, gehasst. Stets sei er in einem Spannungsfeld zwischen Mutter und Vater gestanden. So sehr er der Familientradition auf Mutters Seite folgen und sich dem Lehrerberuf verschreiben wollte, war ihm klar: «Ich wollte auf keinen Fall zum Typus Lehrer werden, über den mein Vater zu spotten pflegte.»

Zum Ursprung des Pultsprungs hält er eine Anekdote bereit: «Im Rahmen eines Schultheaters spielte ich einen durchgeknallten Lehrer, dabei sprang ich zufällig auf ein Pult. Als ich realisierte, dass mir dies ohne Probleme aus dem Stand gelingt, praktizierte ich es immer mal wieder.» Die ausgefallenen Aktionen seien zu seinem Markenzeichen geworden, meint er mit einem Lachen und nicht etwa beschämt.

In all den Jahren habe er grosse Freiheiten genossen: «Ich konnte immer meine Schwerpunkte im Unterricht setzen, wie ich es für richtig hielt.» Sprich: Statt Satzlehre, Versmass oder Diskussionen über die Form, war das Erwerben von Medienkompetenz, Psychologie oder Kulturwandel angesagt. Sein Mittel zum Zweck, zum Vermitteln seiner Botschaft, war der Thriller. So standen der fiktive Serienmörder Hannibal Lecter, Hitchcocks «Birds» oder auch Fight Club auf dem Programm. Vielleicht hätten ihm die abscheulichen Geschichten als Ventil gedient.

Die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde gefalle ihm so gut, weil er sich stets für die Spaltung in der Persönlichkeit interessiere und er sich ein Stück weit darin sehe: «Ich lebe zwar eine bürgerliche Existenz, doch ich hege auch dunkle Gedanken.» Mit einer gewissen Altersmilde wurde Derendinger empfänglicher für softere Stoffe wie die romantische Komödie «Chocolat».

Rückblickend sei es sehr befriedigend, dass er seine grosse Leidenschaft an seine Schüler – es dürften weit über tausend gewesen sein – weitergeben konnte. «Die meisten sind erst einmal überrumpelt. Nach einigen Wochen bis Monaten spürte ich jeweils richtiggehend, wie die Augen aufgingen.» Er blieb in seiner Rolle immer authentisch: «Viele Lehrer füllen eine Rolle aus, ziehen ein Mänteli über, sobald sie vor die Klasse treten. Das musste ich nie.»

Folgt das Publizieren?

Vor einem Jahr, als die Pensionierung bereits zur Diskussion stand, habe er grosse Ungewissheit gespürt, wie es weitergehen solle. In der Zwischenzeit sei diese Furcht gewichen und er freue sich auf den Ruhestand, meint Derendinger. Während vieler Jahre verfasste der Lehrer in der Freizeit Texte. Beachtung fanden dabei seine Essays für das Kino-Fachmagazin «Zoom» in den 90er-Jahren. In letzter Zeit schrieb er als scharfsinniger Beobachter unserer Gesellschaft im stillen Kämmerchen. Nach ersten Einblicken darf ein wahrer Fundus an gesellschaftskritischen Schriften erahnt werden. «Wenn ich es schaffe, meinen Mut zusammenzunehmen, möchte ich gerne veröffentlichen», lässt Derendinger durchblicken.

Doch erst einmal will er zusammen mit seiner Frau Renata seinem liebsten Medium frönen. Gleich für zwei Wochen geht es nach Locarno zum Filmfestival. Ein Anlass, den er immer wieder gerne besuchte und den er dank dem Rentnerdasein nun endlich in vollen Zügen geniessen kann.

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