Ottavio Ferrara
Hungerstrecke beendet: In der Oltner Innenstadt gibts wieder einen Marronimann

Der 54-jährige Sizilianer Ottavio Ferrara aus Oftringen röstet die Edelkastanien neu vor dem Coop City in Olten. Bisher hatte er in seinem Aargauer Wohnort einen Stand anzutreffen.

Isabel Hempen
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Ottavio Ferrara: «Als Marronimann habe ich keinen Druck, und ich mag den Kontakt mit den Leuten.»
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Seit etwas mehr als einer Woche verkauft Ottavio Ferrara seine Marroni vor dem Coop City.
Davor hatte er einen Stand beim Perry-Center in Oftringen.
Oltner Marronimann Ottavio Ferrara
Der 54-jährige Sizilianer ist Marronimann aus Leidenschaft.

Ottavio Ferrara: «Als Marronimann habe ich keinen Druck, und ich mag den Kontakt mit den Leuten.»

Bruno Kissling

«Innenstadt ohne Marronimann?» titelte diese Zeitung im Oktober 2014. Tatsächlich war der Marroni-Notstand ausgebrochen: Denn der Standplatz des bis dahin amtierenden Marronimanns Yousef Bitar am Westende der Alten Holzbrücke stand nicht mehr zur Verfügung, bei der Bahnhofsbrücke oder im Bifang versuchte der Syrer noch kurz sein Glück – vergeblich. Fast zwei Jahre lang blieb er ohne Nachfolger – und die Oltner Innenstadt ohne Marroni.

Nun aber dürfte freudig überrascht sein, wer durch die Baslerstrasse oder die Kirchgasse schlendert. Nicht zu übersehen ist das nigelnagelneue Holzhäuschen neben dem Coop-City-Eingang, das von Marroni, Magenbrot, Kokosmakronen und gebrannten Mandeln kündet und noch darauf wartet, vom Wetter gegerbt zu werden. Seit dem 11. Oktober ist es in Betrieb. Der Mann, der für Olten seit kurzem Marroni brät, heisst Ottavio Ferrara.

Bisher in Oftringen einen Stand

Der 54-jährige Sizilianer ist Marronimann «con passione», wie er sagt – aus Leidenschaft. Von 2006 bis 2015 röstete er die Edelkastanien in Oftringen, wo er wohnt. Allerdings mit zwei Jahren Unterbruch wegen gesundheitlichen Problemen. Als er im Herbst 2015 seine Tätigkeit vor dem Einkaufszentrum Perry Center nach zwei ausgefallenen Saisons wieder aufnahm, musste er feststellen, dass seine zwischenzeitlichen Vertreter nicht so sehr auf die Qualität ihrer Produkte geachtet hatten. Sein über Jahre aufgebautes Stammpublikum war stark geschrumpft.

Nun ist er gespannt, wie sein Geschäft in Olten laufen wird. Er ist noch skeptisch: «Die Leute kennen mich noch nicht.» Dass auch er seine Kunden kennt, ist ihm wichtig. «Dann kommen sie wieder», weiss er aus Erfahrung. Er bietet eine Kastanie zum Probieren an. Sie ist gross, saftig, leicht zu schälen. Seine Marroni beziehe er aus Süditalien, sagt er, aus der Region Basilikata. Er achte immer auf gute Qualität.

Seinen Standplatz mietet Ottavio Ferrara direkt bei Coop City. Auf 600 und 700 Franken komme ihm zufolge die Miete monatlich zu stehen. Für das Häuschen bezahle er eine Saisonpauschale von 1400 Franken. Vor vier Monaten gab er das Standgesuch ein.

Normalerweise beginne er die Marronisaison am 1. Oktober, aber der Vertrag sei erst später zustandegekommen. «Es war ein bisschen stressig», berichtet er. Am Tag zuvor sei zudem plötzlich der Warmhalteofen ausgefallen, der Kontakt funktionierte nicht. Nun scheint aber alles nach Plan zu laufen, der Elektriker war soeben da.

Aus der Marronipfanne steigt der Dampf, einzig die Kunden sind noch etwas spärlich. Ideal wäre es, wenn das Wetter etwas kühler wäre, zwölf Grad oder darunter, sagt Ottavio Ferrara, . Ein älterer Herr nähert sich dem Marronihäuschen. «Möchten Sie Magenbrot oder Mandeln probieren?» Ferrara hält ihm ein Tellerchen mit Kostproben hin. Der Mann greift beherzt zu. «Ich bin froh, dass es wieder einen Marronistand gibt in der Stadt, das habe ich vermisst», gesteht der 70-jährige Trimbacher.

Wie prekär die Marroni-Hungerstrecke für Olten gewesen sein muss, zeigt auch das Beispiel des grünliberalen Gemeinderats Christian Ginsig: Er hatte schon Kontakt mit einem Marronimann und setzte sich persönlich dafür ein, dass es in der Innenstadt wieder einen Marronistand gebe, mit einer Anstossfinanzierung durch Crowdfunding. Allerdings habe sich Ginsig dann zu wenig engagiert, wie er sagt, weshalb daraus nichts wurde.

Obschon Ferrara unsicher ist, wie sich das Geschäft entwickeln wird – «das hängt vom Wetter und den Leuten ab» – ist er froh um seinen neuen Stand. Aufgrund verschiedener Operationen, an Fuss, Arm, Rücken, sieht er für sich in einem anderen Beruf keine Chance. «Als Marronimann habe ich keinen Druck, und ich mag den Kontakt mit den Leuten. Die Arbeit ist gut für meine Moral», sagt er.

Voraussichtlich bis Ende März möchte er von Montag bis Samstag ab rund 13 Uhr in seinem Häuschen stehen. «Je nach Wetter», wie er nochmals betont. Vielleicht werde er auch am Sonntag Kastanien rösten, das werde er noch ausprobieren. Sollte sich der Standort beim Coop City bewähren, dann kann er sich vorstellen, im Sommer handgemachte Gelati aus dem Tessin zu verkaufen. Und nächsten Herbst dann wieder – Marroni.

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