Modellbau
Hochtechnisierte Ingold AG: Die Oltner Firma hat grosse technologische Schritte vollzogen

Die Oltner Firma Ingold, bald 120-jährig, entwickelte sich von der Modellschreinerei zum Modellbauer.

Urs Amacher
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Lukas Metternich mit den Gussmodellen für die Kapitelle am Zürcher Hauptbahnhof.

Lukas Metternich mit den Gussmodellen für die Kapitelle am Zürcher Hauptbahnhof.

Urs Amacher

Ende Januar 1984 bauten die Modellschreiner der Firma Ingold die letzten Gussmodelle für die Ludwig von Roll’schen Eisenwerke. Dann schloss die Giesserei das Werk in Olten. Dadurch brach der Modellschreinerei Ingold AG ein wichtiger Auftraggeber weg.

Gegründet wurde die an der Aarauerstrasse domizilierte Modellbau-Firma durch Franz Pfulg-Klingler. Ursprünglich arbeitete er als Modellschreiner in der Oltner Giesserei Von Roll. Zusammen mit dem Schreiner Severin Maritz bewohnte er ein Doppeleinfamilienhaus an der Aarauerstrasse Nr. 110/112. Im Jahr 1902 erwarb Pfulg von Gottlieb Weber-Fluri, Wirt zur damaligen «Eintracht», ein Nachbargrundstück von 7 Aren und liess darauf eine Werkstatt bauen. Der 45-jährige Pfulg kündigte bei der Von Roll und machte sich selbstständig.

Die Von Roll hatte zwar eine eigene Modellschreinerei. Bei grossen Serien konnte diese jedoch nicht alle Arbeiten selber bewältigen und vergab einige auswärts. Auf diese Weise erhielt Franz Pfulg stets Aufträge von den Ludwig von Roll’schen Eisenwerken. Er baute aber auch Gussmodelle für andere örtliche Industriefirmen wie Giroud-Olma und Berna oder für die SBB-Werkstätte, etwa Bremsklötze. Bereits 1907 stellte Pfulg mit Ernst Ingold aus Rothrist den ersten Lehrling ein.

Der einstige Lehrling blieb Olten treu

Nach der Lehre blieb Ingold in der Modellschreinerei, wurde gar Pfulgs Schwiegersohn; Ernst Ingold und Pauline, die Tochter von Franz und Ida Pfulg-Klingler, heirateten nämlich und bezogen das Nachbarhaus. Pfulgs Sohn Josef absolvierte ebenfalls eine Modellschreinerlehre. 1920 wurde Ernst Ingold Teilhaber, die Firma in Pfulg & Ingold umbenannt.

Ernst Ingold und der um mehr als sechs Jahre jüngere Schwager vertrugen sich jedoch schlecht, sodass Josef Pfulg 1948 schliesslich aus der Firma ausschied und in Dulliken ein eigenes Unternehmen gründete. Seine Arbeit verschob sich mehr zur Serienfabrikation von Holzspezialartikeln. So stellte er Gehäuse für Radios oder Revox-­Tonbandgeräte her und schreinerte Kleiderbügel, für welche er ein eigenes Patent eintragen liess, oder Bügelbretter. Für die Schönenwerder Schuhfabrik Bally produzierte er hölzerne Absätze für Damenschuhe.

An der Aarauerstrasse begann der ältere Sohn des Firmeninhabers, Willy Ingold, 1932 ebenfalls eine Modellschreinerlehre. Nach Gesellenjahren bei Brown, Boveri & Cie. (heute ABB) in Baden kehrte er ins elterliche Geschäft zurück. Einen schönen Auftrag konnten die Ingold-Schreiner ausführen, als sie 1958 die Figuren am Berner Zytgloggeturm restaurierten.

Die Aera Metternich beginnt 1959

Der Name «Ingold AG» blieb bestehen, auch wenn inzwischen Metternichs die Firma führen. Franz Metternich wurde 1937 als Sohn eines Gussformers in Velbert im Rheinland geboren. Erst 14-jährig trat er seine Lehrstelle als Modellschreiner bei der örtlichen Firma Berninghaus & Söhne an und blieb nach der Gesellenprüfung vorerst im Lehrbetrieb. «Doch schliesslich wollte ich in die Welt hinaus und Neues kennen lernen», erzählt Franz Metternich heute.

Vermittelt über die Internationale Arbeitsorganisation (I.A.O.) erhielt er ein Stellenangebot der Firma Ingold. 1959 kam Franz Metternich in Olten an. «Ich kannte den Kolping-Verein von zu Hause und erkundigte mich in Olten danach», erinnert er sich. Und so fand er ein Zimmer im sogenannten Kolping-Gesellenhaus neben der Martinskirche. Dort lernte er auch seine heutige Ehefrau Martha Kälin kennen, die im Kolping als Köchin und Leiterin wirkte.

In der Firma Ingold übernahm Franz Metternich nach und nach zusätzliche Aufgaben. «Ich war zuständig für die Lehrlingsausbildung», berichtet er, «denn wir boten jedes Jahr Lehrstellen an.» Zudem war Metternich verantwortlich für die Abschlusskontrolle der hergestellten Produkte. So war es nur logisch, dass er 1981 die Geschäftsführung übernahm und zusammen mit Willy Ingold Teilhaber an der AG wurde.

Die Schliessung der Von Roll 1984 war für die Ingold AG nicht existenziell. Inzwischen hatte sie einen breiten Kundenstamm von Maschinenfabriken und Giessereien. Franz Metternich übernahm sogar die Modellbauerlehrlinge von der Oltner Von Roll. 1991 trat Sohn Lukas Metternich in das Unternehmen ein. Im gleichen Jahr verstarb Patron Willy Ingold, sodass die Familie Metternich die Firma 1995 ganz übernehmen konnte.

Anhand von Planskizzen fertigte der Modellschreiner dreidimensionale Urexemplare von Gussstücken aus Ahornholz an. «Diese bestehen aus zwei Teilen, da die Gussform immer auch aus zwei Hälften besteht», erklärt Franz Metternich. «Dabei arbeitet man mit spanabhebenden Werkzeugen wie Fräse, Raspel und Feile.» Dabei verwendet der Modellschreiner ein besonderes Messgerät, eine Schieblehre mit Prozent-Skala. Da das Gussstück beim Erkalten immer einige Prozente schwindet, muss diese Volumenabnahme bereits beim Bau der Gussmodelle einberechnet werden.

Jetzt auch modernste Technologie im Einsatz

«Das Herstellen von Gussmodellen ist nach wie vor das wichtigste Standbein», erklärt Lukas Metternich, der heutige Geschäftsführer der Ingold AG. Allerdings hat sich die Arbeit des Modellbauers vom geschreinerten Holzmodell für die Metallgiesserei weiterentwickelt zu modernsten Technologien. Mithilfe des 3D-rundum-Scanners werden bestehende Architekturelemente erfasst. Mit diesen Daten wird die computergesteuerte Fünf-Achsen-Fräse (CNC-­Fräse) gefüttert, die aus einem Block aus Holz oder Kunststoff die exakte Kopie herausarbeitet. Diese Kopie dient anschliessend als Gussmodell.

Auf diese Weise wurden beispielsweise die «steinernen» Treppengeländer im Landesmuseum Zürich aus Beton neu gegossen. Auch die Formen der Figuren am Museum Aarau stammen aus dem Haus Ingold. Soeben hat Modellbauer Lukas Metternich auch die Matrizen der Kapitelle am Zürcher Hauptbahnhof mit der computergesteuerten Fräse geformt.

Solche Betonguss-Matrizen können auch ohne Vorlage direkt am Computer konstruiert werden. Für den runden Brunnen auf der Oltner Kirchgasse wurde die 3D-Konstruktion ebenfalls durch die Firma Ingold entworfen und das Gussmodel gebaut. Neben diesem Zweig, den Metternich unter dem Label «Ingostone» pflegt, betreibt er nach wie vor die traditionellen Fertigungen aus Holz sowie den Modellbau.