Jubiläumstheater
Hobby-Schneiderinnen nähen in Olten für den Generalstreik

Freiwillige schneidern noch bis Juni über 1000 Kleidungsstücke für die Kostüme des Jubiläumstheaters 1918.

Jakob Weber
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Nähen für die Aufführung 1918.ch
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Nähen für die Aufführung 1918.ch

Bruno Kissling

Drei Nähmaschinen, zwei Bügelbretter und ein grosser Gruppenarbeitstisch. Ein Klassenzimmer im Oltner Bifang-Schulhaus hat sich in eine Kostüm-Werkstatt verwandelt. Überall hängen oder liegen Kleidungsstücke. Fünf ältere Damen sind eifrig am Werkeln. Franziska kürzt einen Ärmel, Verena versucht eine neue Nadel in die Nähmaschine einzusetzen und Esther näht von Hand eine auf Stoff geschriebene Botschaft auf eine Hose. «Neuwahlen jetzt. 48 Stunden sind genug.» Die Hobby-Schneiderinnen nähen für den Generalstreik.

Generalstreik

1918 drohte der Schweiz ein Bürgerkrieg

In den ersten Novembertagen 1918 kommt es in 19 Schweizer Städten zuerst zu einem Warnstreik und dann zum ersten und einzigen Landesstreik der Schweizer Geschichte. Am Warnstreik vom 9. November und am nachfolgenden Landesstreik nahmen etwa 250 000 Erwerbstätige teil. Gestreikt wurde vor allem in der Deutschschweiz, teilweise aber auch in der Westschweiz und im Tessin. Die Teilnehmer legten die Arbeit nieder und verliehen damit den Forderungen des vom Berner Nationalrat und späteren Regierungsrat Robert Grimm angeführten Oltener Aktionskomitees Nachdruck. Mit dem grössten in der Schweiz je für den Ordnungsdienst erlassenen Truppenaufgebot von 110'000 bewaffneten Soldaten vorwiegend aus ländlichen Gebieten demonstrierten Bundesrat, General und Bundesversammlung nach anfänglichem Verhandlungswillen Unnachgiebigkeit und Härte. Am 14. November sah sich das Oltener Aktionskomitee gezwungen, den Streik bedingungslos abzubrechen. Das rasche Ende des Landesstreiks ist aus historischer Sicht nicht bloss als Niederlage zu sehen. Tatsächlich wurden wichtige Forderungen der Arbeiterschaft und breiter Teile der Bevölkerung später mit demokratischen Mitteln erfüllt. Dazu gehörte die 48-Stunden-Woche, die Neuwahl des Nationalrats auf Grundlage des Proporzes, mit grosser Verzögerung die Einführung der AHV/IV 1947/1948 und des Frauenstimmrechts 1971. Mit der Erfahrung der gefährlichen Konfrontation von 1918 – es gab Tote in Zürich und Grenchen, und manche fürchteten einen Bürgerkrieg – legte der Landesstreik wohl auch einen Grundstein zu jener konsensualen politischen Verhandlungskultur, welche die Schweiz danach viele Jahre geprägt – und von anderen Ländern unterschieden hat. Der Landesstreik wird als zentrales historisches Ereignis in seiner Bedeutung für die heutige Schweiz unterschätzt. Die Inszenierung des Jubiläumstheaters 1918 soll das ändern. (MGT)

Genauer gesagt, für das Theater zum 100-jährigen Jubiläum des Streiks von 1918 (siehe Box). Am 16. August steigt die Premiere in der alten SBB-Hauptwerkstätte in Olten.
Angeleitet werden die freiwilligen Helfer von Eva Butzkies. Die Deutsche ist verantwortlich für das Kostümdesign des Theaterstücks. Prototypen entwerfen, Schneidern, Anprobe. Butzkies wäre gerne an mehreren Orten gleichzeitig, um ihrem «150-Prozent-Job» gerecht zu werden. Weil sie nicht alles alleine machen kann, ist der Wirbelwind froh, in Rita Lanz und Esther Gerhard zwei Verbündete gefunden zu haben.

Lanz ist Gründungsmitglied des Begegnungszentrums Cultibo. An einem Infoabend wird sie auf das Jubiläumstheaterstück aufmerksam und bietet Butzkies ihre Hilfe an. «Das wird ein tolles Theaterstück. Es ist schön, etwas Spezielles nach Olten zu bringen», sagt Lanz. Durch ihre Kontakte kam auch die Schneiderwerkstatt im Bifangschulhaus zustande.

1000 Kostüme, kein Lohn

Die Werkstatt wird von Butzkies zweitem «Glücksgriff» geleitet. Weil die Kostümbildnerin nicht immer selbst anwesend sein kann, hat Esther Gerhard die Rolle der Schneiderwerkstattleiterin übernommen. Gerhard war zwar jahrelang für das Outfit einer Gugge verantwortlich. Als Theaterkostümdesignerin ist sie aber Autodidakt. Jetzt kümmert sich Gerhard um die Schichtpläne und ist als einzige immer mit dabei, wenn wieder eine Gruppe Freiwilliger für eine Nähschicht im Bifangschulhaus zusammenkommt. Für ihren grossen Einsatz wird Gerhard nur mit einem symbolischen Obolus entlöhnt. «Mit Kultur kann man nicht reich werden», sagt Butzkies. Die freiwilligen Helfer wie Verena und Franziska kommen, weil sie Spass am Nähen und an der Gesellschaft haben.

Das Nähgrüppchen besteht aus 20 bis 25 Leuten. Wenn mehr als drei Zeit haben, wird die Schicht durchgeführt. Man muss kein Profi sein, um mithelfen zu können. Jeder ist willkommen. Auch Männer. «Nähen ist kein Hexenwerk. Sollte ein Mann bei uns vorbeischauen, gibt es auch einen Einführungskurs von mir», sagt Butzkies. Im Juni für die Gesamtdurchläufe sollen die Kostüme fertig sein. Bis dahin haben die fleissigen Schneiderlein – so der Plan – die über 1000 Kleidungsstücke für die rund 120 Schauspieler fertig genäht.

Lust mitzuhelfen? Anmeldung an eva@evabutzkies.com. Weitere Infos und Tickets für das Theater auf 1918.ch.