Olten SüdWest
Hier ist Gärtnern Nebensache: «Urban Gardening» soll die Begegnung fördern

Die Verwaltung von Olten SüdWest will mit dem Gartenprojekt «Urban Gardening» die Begegnung fördern: «Bisher fehlte ein richtiger Begegnungsort für die Bewohner.» Das soll sich nun ändern.

Deborah Onnis
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Vis-à-vis der Erfinderstrasse in Olten SüdWest pflanzt das junge Paar Myriam Ebinger (22) und Kevin Ilg (26) seine Setzlinge an.

Vis-à-vis der Erfinderstrasse in Olten SüdWest pflanzt das junge Paar Myriam Ebinger (22) und Kevin Ilg (26) seine Setzlinge an.

Bruno Kissling

Eine einfache Paletten-Konstruktion verbindet den Teerboden neben dem Bloomell Coffeehouse und einer Wohnblock-Reihe mit einem höher gelegenen, steinigen und bei Regen auch schlammigen Geländebereich in Olten SüdWest. Bis vor kurzem war diese Stelle kahl. Seit vergangenem Donnerstag sind dort rund 55 Kisten verteilt. Hochbeete nach dem Motto «Urban Gardening».

Auf der anderen Seite der Paletten-Brücke sind auf beiden Seiten Steine aufgetürmt, wie sie oft auch auf Postkarten zu sehen sind. Der Eingang zum neusten Projekt im Quartier Olten SüdWest, das 300 Mieter, oder zumindest einige davon, zusammenbringen soll.

«Es gibt ja schon das Bloomell Coffeehouse, das gut besucht wird, aber leider mehrheitlich von externen Gästen, da fast alle Mieter tagsüber arbeiten», erklärt Karim Belahcen, Immobilienbewirtschafter der Sturzenegger Immobilien AG in Zürich, der Verwaltung von Olten SüdWest. «Bisher fehlte ein richtiger Begegnungsort für die Bewohner.»

Also musste eine Idee her. Und die kam vom Büroangestellten der Liegenschaftsverwaltung Philipp Christen, selbst begeisterter Hobby-Gärtner. Auf der brachliegenden Fläche in Olten SüdWest sollte ein «urbaner Garten» entstehen. Online meldeten sich dann sogleich 35 Bewohner an, 20 hätte es mindestens gebraucht, um das Projekt durchzuführen.

Und so kam es: Büroangestellte der Verwaltungsfirma krempelten die Ärmel hoch und befüllten zusammen mit Hausabwarten und Gartenexperten 55 Hochbeete mit Humus, Holzspänen, Steine und Dünger. Am Bezugstag konnten die Mieter dann gleich bequem ihre Pflänzchen setzen. Der Spass kostet den Vermietern einen höheren vierstelligen Betrag. Die Mieter aber müssen lediglich ihre Pflanzen mitbringen und der Wille, zu ihnen zu schauen.

Bereits «gueti Lüüt» getroffen

Zu den frischgebackenen Gärtli-Besitzern gehört das im Oktober eingezogene junge Paar Myriam Ebinger (22) und Kevin Ilg (26). In ihren zwei Kisten schauen einige grüne Pflänzchen aus der Erde. Tomaten, Sellerie und Zucchetti soll das mal geben. Garten-Experten sind sie beide nicht.

Ilg, Banking- and-Finance-Student, half mal im Garten der Eltern mit, Psychologie-Studentin Ebinger setzt zum ersten Mal die Finger in die Erde. Bei diesem Projekt geht es ihnen aber gar nicht ums Gärtnern. «Wir wollen endlich ein paar Leute aus der Nachbarschaft kennenlernen.»

Vor dem Projektstart hatten sie es nur mit den Mietern in ihrem Block zu tun. Am selben Tag, als sie ihre Kisten zugeteilt erhielten, lernten sie gleich ein paar «gueti Lüüt» kennen. Begeistert sind sie vom Projekt auch aus einem weiteren Grund: Aus dem Fenster ihrer Wohnung an der Erfinderstrasse sahen sie bis kürzlich nur auf ein braches, mit Steinen überschüttetes, verlassenes Stück Land. «Jetzt sieht die Landschaft freundlicher aus.» So profitieren sie als Hobby-Köche gleich dreifach.

Ein paar Kisten weiter vorne hat Monika Leuthold (53) ihr Gärtli bezogen. Nur knapp zehn Zentimeter Abstand sind zwischen den vielen Kräuterpflänzchen. «Im Vierjahreszeiten-Raum in meiner Wohnung blühen die Pflanzen nicht so gut», sagt die Cranio-Sacral-Therapeutin, deshalb sei ein kleiner eigener Garten für sie ideal.

Sie hat sich vorgenommen, jeden Tag mal bei ihrer Kiste vorbeizuschauen. Sie erfreut sich aber nicht nur an ihren Pflänzchen, sondern auch an der Begegnung mit bisher unbekannten Nachbarn. «Viele habe ich am Bezugstag das erste Mal gesehen», sagt sie lachend.

Die Hausabwartin Jasmina Kondic kennt hingegen alle. Auch sie macht beim Urban Gardening-Projekt mit. Um die Sträuchlein in ihren zwei Kisten hat sie, wie bei der Paletten-Brücke am Eingang, Steine aufeinander getürmt und jeweils ein Deko-Fröschchen aufgestellt. Sie hebt es auf und es quakt. Sie lächelt zufrieden. Ihr Erkennungszeichen sei zu Ehren der Fröschchen, die im Naturschutzgebiet zu Hause sind.

Die 47-Jährige ist aber nicht nur auf ihr Gärtli stolz. Sie geht ein paar Kisten weiter. «Schauen Sie mal, was in dieser Kiste gepflanzt wurde», sagt sie beeindruckt, wie es oft nur Kinder sind. «Zwerg Tamarillo» und «Wasabi» steht auf den Schildchen vor dem grünen Gewächs. Dieses gehört einer chinesischen Familie, weiss Kondic und fasst gleich routiniert in eine andere Kiste. «Das gibt dann mal Peperoni», sagt sie zufrieden.

Und was ist, falls einige Mieter, müde von der Arbeit oder beschäftigt mit sonst was, ihre Pflanzen einfach mal «vergessen»? Jasmina Kondic lächelt wie eine verständnisvolle Mama. Ja, bei Bedarf, werde sie zu allen ein bisschen schauen. Neben der Paletten-Brücke spriesst eine Mohnblume aus der steinigen Erde. Um sie hervorzuheben und gleichzeitig zu schützen, wurde sie liebevoll umrahmt. Mit Steinen.

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