Olten
«Hier drin ist er nicht mein Sohn»

Robert und Beat Kissling sind als Vater und Sohn zusammen seit 54 Jahren in derselben Zunft. Als Altstädtler brüten sie gemeinsam über Schnitzelbankversen.

Urs Huber
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Beat (links) und Robert Kissling im Zunftlokal; Vater und Sohn machen seit vielen Jahren bei der Altstadtzunft zu Olten mit.

Beat (links) und Robert Kissling im Zunftlokal; Vater und Sohn machen seit vielen Jahren bei der Altstadtzunft zu Olten mit.

HR.Aeschbacher

Die Frage, ob Vater und Sohn sich in der Zunftarbeit gegenseitig behindern würden, der eine auf den andern Rücksicht nehme, fällt im Zunftlokal der Altstadtzunft zu Olten auf fruchtbaren Boden. «Hier drin ist er nicht mein Sohn», sagt Robert Kissling (66), seit 1980 Mitglied der Altstadtzunft, einstiger Zunftmeister und Obernaar. «Natürlich bin ich mittlerweile etwas ruhiger geworden, aber wenn ich den Eindruck habe, etwas sagen zu müssen, dann sag ichs.» Sohn Beat nickt. Als aktueller Zunftmeister kann der 43 jährige das Statement von Vater Robert untermauern. Verwandtschaftliche Beziehungen spielen im Dunstkreis des Zunftlebens - wenn überhaupt - eben eine untergeordnete Rolle. «Jeder von uns beiden denkt in eigenen Mustern», sagt Beat. Meinungsverschiedenheiten würden ausgetragen. Friedlich. Und fetzen - fetzten würden sie sich sowieso nicht. «Dafür nehmen wir die Fasnacht wohl dann doch zu wenig ernst», sinnieren beide. Und schliesslich seien sie nicht die einzigen Entscheidungsträger in der Zunft. «Da reden ja alle andern auch mit», sagt Robert.

Tja, die Gene

Dass die Kisslings in fasnächtlicher Hinsicht ein bisschen nach der Affiche «Wenn der Vater mit dem Sohne...» ticken, liegt wohl auch ein wenig in den Genen. Bereits Roberts Eltern waren Fasnachtsnarren, die zu Hause zwischen Schmutzigem Donnerstag und Aschermittwoch «zeinewiis Chnöiblätze und Schänkeli» bereithielten, wie sich Robert ausdrückt. Damals seien auch fasnächtliche Hausbesuche die Regel gewesen, in Wolfwil, wo die Kisslings herkommen. «Ich bin durch einen Kollegen zur Altstadtzunft gestossen», erinnert sich Robert. Aber er habe nur unter der Bedingungen zugesagt, von allem Anfang an mitfasnächteln zu können. «Andernfalls hätt’ ich es bleiben lassen.» Kissling konnte. So wurde Robert 1980 Altstädtler.

Einstieg unkomplizierter

Da hatte es Sohn Beat knapp 15 Jahre später besser. Mitfasnächteln - das ging von allem Anfang an. Mitmachen bei der Altstadtzunft - so etwas wie eine Selbstverständlichkeit für ihn. «Diesbezügliche hatte ich keine Berührungsängste. Und die jugendliche Protestphase, in der man etwa keinesfalls so sein will wie die Eltern, lag beim Eintritt bereits hinter mir.»

Jetzt brüten beide gemeinsam eifrig Schnitzelbänke aus. Das einzige Zunftfeld, in dem sie mit stupender Selbstverständlichkeit als Tandem aktiv sind. Und sonst? Gemeinsam bedauern sie, dass die Fasnacht immer mehr zu einer Insiderveranstaltung wird. Woran man das erkenne? «Ja, an den Beizen, wo sich vor allem die Fasnächtler treffen und andere Gäste kaum mehr zu finden sind.» Wohl nicht zu ändern? «Schwer zu sagen», räumen beide ein.

Vielleicht ändert das ja schon in der kommenden Fasnacht. Nächstes Jahr stellt die Altstadtzunft mit Räffu I. den Obernaaren und feiert gleichzeitig ihr 50-jähriges Bestehen: Und wenn auch das nicht hilft, so ist doch immerhin der fasnächtliche Nachwuchs bei Kisslings so gut wie gesichert. Beat ist verheiratete mit der aktuell zweiten Zunftmeisterin der Sälizunft. Was deren Kinder dereinst zwischen Schmudo und Aschermittwoch wohl machen werden?