Olten
«Hey: Es sind doch nur Worte»: Turmrede der 29. Kabarett-Tage im Wortlaut

Lesen Sie hier die Turmrede anlässlich der 29. Oltner Kabarett-Tage im Wortlaut.

Renato Kaiser
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PATRICK LUETHY

«Mir fehlen die Worte! Was für eine Ehre, dass ich hier und heute diese Turmrede halten darf, freut mich sehr. Um aber doch noch ein paar Worte zusammenzukratzen, habe ich im Vorfeld dieser Rede mit einigen Oltnern gesprochen, auch aus der Kabarett- und Kleinkunstszene, wie das denn hier so sei, um mir ein bisschen Nervosität zu nehmen, Mut zu geben und solche Dinge zu sagen: ‹Hey: Es sind doch nur Worte!› Und alle gratulierten mir herzlich, ja. Das sei eine schöne Anfrage, ja mehr als das, eine Ehre. Ein Ritterschlag, sagten sie. Und noch bevor ich mir denken konnte, «Ach, das sind doch nur Worte!», setzte der eine noch einen drauf und sagte, dass mein direkter Vorgänger als Turmredner Moritz Leuenberger gewesen sei. Und als würde mir das nicht schon genug Angstschweiss zwischen die Tippfinger treiben, fügte er noch an: «Und der hat das richtig gut gemacht.» Na toll. Die Worte hätte ich jetzt wortwörtlich nicht gebraucht. Nicht nur, dass meine erste Vergleichsgrösse ein ehemaliger Bundesrat ist, nein, sondern auch noch einer, der offenbar mächtig abgeliefert hat. Ab dem Zeitpunkt entwickelte ich ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zu ihm. Auf einmal fand ich den gar nicht mehr so sympathisch.

Dabei hatte ich nie was gegen Moritz Leuenberger, ganz im Gegenteil. Mit seinem intellektuell neurotischen Nagetiercharme war er für mich schon immer so etwas wie der Woody Allen von Bundesbern, der nette, verwirrte Bibliothekar von nebenan und mehr als das: Er war ein Politiker, bei dem ich mich irgendwie immer wohlfühlte, weil er eben aussah, als fühle er selbst sich nie richtig wohl. Und das kam mir damals sehr entgegen. Sie müssen verstehen: Als Moritz Leuenberger in den Bundesrat kam, kam ich so langsam in die Pubertät. Und sie wissen ja bestimmt auch aus eigener Erfahrung: Die Pubertät ist eine finstere Zeit. Eine Zeit, in der man sich unverstanden fühlt. Eine Zeit, in der einem der Körper weniger Tempel und mehr Gefängnis ist. Eine Zeit, in der alles an einem wächst, mal in die Länge, mal in die Breite, aber ganz bestimmt nicht gleichzeitig und erst recht nicht regelmässig. Eine Zeit, in der das Hosenbein oft zu kurz und der Ärmel oft zu lang ist. In einer Zeit, in der einen keiner versteht, da fühlte ich mich verstanden von diesem Mann. Denn keiner sah unverstandener aus als er. Er, der gleichermassen gefangen schien in seinem Körper, der wiederum gefangen schien in einem Anzug, der aussah, als müsse auch Moritz Leuenberger die Kleider seines grossen Bruders austragen, so wie ich. Mein Lieblingsfilm zu jener Zeit war der Stop-Motion-Klassiker ‹Nightmare before Christmas› und ich bin mir sicher: Hätte Tim Burton meine dunkle pubertäre Seelenwelt aufzeichnen müssen, es wäre Moritz Leuenberger dabei rausgekommen. Andere tätowierten sich einen Bären, einen Adler oder einen Wolf auf die Haut, ich liess mir das Porträt von Moritz Leuenberger in die Brust stechen. Moritz Leuenberger war mein Krafttier. Mein Seelenverwandter.

Und immer wenn er dann unwillig und gequält auf all die Fragen antworten musste, die ihn auf die gleiche Weise in seiner Intelligenz zu beleidigen schienen, wie mich damals die Fragen meiner Lehrerin oder meiner Eltern oder manchmal auch der Polizei, dann, wenn Moritz Leuenberger all das Leid der Welt in seinem Gesicht versammelte und seine Augen verzweifelt in die Kamera flüsterten: ‹Warum bin ich überhaupt hier!›, dann rief ich ihm zu: ‹Ich weiss es auch nicht, Moritz, aber ich verstehe Dich! Ja. Ich verstehe Dich.› Das sagte ich, zeichnete einen besonders liebenswerten Totenkopf in mein Tagebuch und dachte dabei an ihn. Für andere in meinem Alter war Kurt Cobain die Stimme ihrer Generation, wegen all der unterdrückten Wut oder Che Guevara wegen der Rebellion, aber meine Stimme war immer die von Moritz Leuenberger. Denn meiner Meinung nach zeichnet sich die Adoleszenz nicht in erster Linie durch Wut oder Rebellion aus, sondern durch Scheitern. Und die Stimme von Moritz Leuenberger ist – nur schon rein akustisch – das Klang gewordene Scheitern.

Dass aber gerade er hier, bei der Turmrede, nicht gescheitert ist, macht mich nervös. Darum verzeihen Sie mir, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, dass ich nun mit Ihnen vor meinem inneren Auge das mache, was ich immer mache, wenn ich vor Leuten sprechen muss und nervös bin: Ich stelle mir vor, jeder und jede von ihnen wäre Moritz Leuenberger.

Nun, wie dem auch sei. Die einen von Ihnen fragen sich vielleicht die ganze Zeit schon: ‹Apropos Worte: Warum spricht der denn eigentlich hochdeutsch? Der kommt doch aus der Schweiz!› Worauf die anderen vielleicht antworten: ‹Sei doch froh, dass er hochdeutsch spricht – der kommt doch aus St. Gallen.› Worauf ich dann vielleicht sage: ‹Seien Sie doch froh, dass ich nicht aus dem Thurgau komme, der Dialekt ist noch schlimmer!› Worauf Sie dann vielleicht wieder sagen: ‹Ach, Thurgau, St. Gallen, das sind doch nur verschiedene Wörter für ein und dasselbe!› ‹Jaja, sagen Sie das mal zu dem deutschen Einwanderer, der Oltener sagt anstatt Oltner und dann von wütenden Eingeborenen aus dem Dorf gejagt wird! Aber grundsätzlich haben Sie schon recht, ich sage ja auch immer: Olten oder Solothurn, egal, Hauptsache Aargau!› Und schon haben wir den Salat, ja. Das ist ja wieder mal typisch, ja. Stereotypisch Kantönligeist! Dem einen kommt die St. Galle hoch, der andere spürt den Supaargau, der eine nennt den anderen einen Solothurensohn, ‹Ja dialeck mich doch am Arsch!›, werden Sie sich jetzt denken, ‹will der da oben wirklich über Dialekte reden? Über Kantone? Und das Ganze mit dem einen oder anderen Wortspiel oder halbgaren Aargauerwitz aufwerten? Haben wir denn keine anderen Probleme zurzeit?› Und recht haben Sie, ja, wir haben ja wirklich andere Probleme zurzeit! Bankenkrise, Frankenkrise, ja auch in Olten, habe ich gehört, ja: ein Finanzüberschuss von 5 Millionen! Was für eine Krise! ‹Schliesst die Museen, wir fahren alle zusammen ans Mittelmeer!› Aber da wartet ja auch schon die nächste Krise, Flüchtlingskrise. Da aus Afrika und aus dem Osten. ‹St. Galler sind nicht die Einzigen mit Ostmigrationshintergrund! Hahaha!›, sagen Sie dann vielleicht. Und Sie haben recht, um Ihnen diesen mageren Witz jetzt einfach mal in den Mund zu legen und in die Schuhe zu schieben. Ein Ostschweizer zu sein, ist wirklich kein Problem, da stimme ich Ihnen zu! Das mag jetzt vielleicht komisch klingen, wenn das einer sagt, der wie ich ein Buch geschrieben hat mit dem Titel ‹Uufpassä, nöd aapassä – Erlebnisse aus der Selbsthilfegruppe für Anonyme Ostschweizer›, das gebe ich zu. Aber trotzdem haben Sie recht. Wir Ostschweizer haben kein Problem mit unserem Dialekt. Alle anderen haben ein Problem mit unserem Dialekt. Wir sagen: ‹Das sind doch nur Worte!› und die sagen dann: ‹Nein! Das ist Körperverletzung!› Und das ist dann auch gar nicht als Witz gemeint! Wenn ich zum Beispiel auf Facebook ein Video poste, auf dem ich auf St.-Gallerdeutsch in die Kamera spreche, dann hat schon mehr als einmal jemand kommentiert mit: ‹Hör auf mit diesem Dialekt! Warum tust Du mir das an!›

Die breite Gefühlspalette von Emoticons, mit der man auf Facebook neuerdings mit nur einem Klick auf Beiträge reagieren kann, reichte ihm offensichtlich nicht aus. Denn da gibt es zwar einen Daumen für ‹Gefällt mir›, ein Herz für ‹Love›, ein lachendes Gesicht für ‹Haha›, ein staunendes Gesicht für ‹wow›, ein weinendes Gesicht für ‹traurig› und ein wütendes Gesicht für ‹wütend›, aber eben kein Emoticon für ‹blankes Entsetzen wegen St.-Gallerdeutsch!›

Und ich kann ihn verstehen. Auch ich finde diese Emoticons unpraktisch. Aber vor allem, weil man sich eben für eins davon entscheiden muss! Wenn zum Beispiel jemand ein Video postet, von jenem Gespräch zwischen Roger Schawinski und Christoph Blocher, über dessen Nazivergleich, dann spüre ich in mir einen Daumen, ein Herz und ein lachendes Gesicht gleichzeitig! Weil es mi gefällt, weil ich es herzig finde, weil es mich glücklich macht, wenn ein Mann in seinem Alter noch so viel Energie hat. Aber zusätzlich bin ich auch entsetzt und staune ein stilles ‹Wow› in mich hinein bei all seinen wirren Aussagen und bin traurig und wütend zugleich, dass man diesem alten Mann immer noch eine solche Bühne bietet – und von Christoph Blocher ganz zu schweigen!

Und ‹ganz zu schweigen› trifft es eigentlich ganz gut, weil einem durch dieses Multiple Choice an Gefühlen, das Facebook anbietet, das Schweigen ja auch nahegelegt wird. ‹Sag es mit Worten›, würde einem der Psychiater sagen, Facebook nicht. Und da ja Facebook so etwas wie die Psychiatrie des kleinen Mannes ist, sagt einem Mark Zuckerberg eben: ‹Sag es mit einem Smiley.› Und schliesslich muss man ja auch nicht immer reden. Manchmal fehlen einem ja auch einfach die Worte. Und da hilft ein solches Emoticon dann natürlich, damit man wenigstens ein stumpfes Gefühl ausdrücken kann. Immer noch besser, als hinzuschreiben: ‹Mir fehlen die Worte!› Weil das ja völlig absurd ist. Weil es ja eigentlich heissen müsste: ‹Mir fehlen die Worte. Ausser die vier. Oh. Und die, die jetzt noch dazugekommen sind, und die. Und die. Und die. Aaaah– gefällt mir!›

‹Das mit den Flüchtlingen? Ja, schlimm, schlimm, mhm. Mir fehlen die Worte.› ‹Ja offensichtlich nicht!›, möchte man da entgegenbellen, ‹die vier hast Du ja scheinbar gefunden!› Schliesslich fehlen uns die Worte meistens gar nicht, wir sind einfach zu faul, sie zu suchen. Also nicht wir alle natürlich. Roger Köppel zum Beispiel ist da sehr fleissig. Wie damals in der ZDF-Talkshow ‹Günther Jauch›, wo die Frage aufgeworfen wurde: ‹Flüchtlingsdrama, was ist unsere Pflicht?› Da antwortete er: Es sei nicht nur unsere Pflicht, all die Flüchtlinge aufzunehmen, sondern vielmehr dafür zu sorgen, dass sie erst gar nicht kommen. Man müsse diesen Todeskanal Mittelmeer endlich schliessen und diesen Leuten einfach mal klipp und klar sagen: ‹Ihr könnt nicht auf diesem illegalen Weg nach Europa kommen, das geht einfach nicht.› Tja. Und dann waren sie eben da. Diese Worte. Aus dem Nichts. Und wir müssen irgendwie damit umgehen, ja mit allen. Von denen wurde keines verschluckt, oder ist auf halbem Wege abgesoffen, nein: Sie sind voll und ganz bei uns angekommen. Da möchte man doch eigentlich sagen: ‹Ja, die Worte haben mir jetzt wirklich nicht gefehlt.› Und man möchte weitergehen und sagen: ‹Genau das ist doch das Problem: Es ist doch nicht unsere Pflicht, all die Worte aufzunehmen! Vielmehr müssen wir doch dafür sorgen, dass die erst gar nicht kommen! Da muss man doch vor Ort besser helfen, da wo die Worte eben herkommen, in diesem ... Krisengebiet!› Aber so einfach ist das nicht. Manchmal kann man sich eben nicht aussuchen, welche Worte da kommen. Ich persönlich würde ja Geld dafür zahlen, dass ich mit den Worten ‹Oberwil-Lieli›, ‹Stacheldrahtzaun›, ‹Wirtschaftsflüchtlinge› und ‹Andreas Glarner› nichts zu tun haben muss, aber ich kann mir das finanziell nicht leisten. Ausserdem habe ich ja nichts gegen das Wort ‹Glarner›. Glarner ist nicht gleich Glarner! Einige meiner besten Freunde sind Glarner ... Und die haben es ja jetzt gerade schwer genug. Seit es Andreas Glarner gibt, wäre es ja vielen Glarnern lieber, man würde sie nicht so nennen, sondern ‹Ostschweizer›. Ja! So weit ist es schon gekommen! Dabei wollten die Glarner bis jetzt mit Ostschweizern so wenig wie möglich zu tun haben. Ihre Eigenständigkeit war ihnen so wichtig, wie es den Oltnern wichtig ist, nicht zum Kanton Aargau zu gehören. Und seit Andreas Glarner kann ich beides auch endlich wirklich nachvollziehen.

Dabei habe ich ja gar nichts gegen SVP-Politiker. Nein wirklich. Da gibt es schliesslich auch Gute drunter, jaja! Ich habe nichts gegen SVP-Politiker ... Aaaber: Sie nehmen uns Satirikern die Arbeitsplätze weg! Ja! Zum Beispiel Christoph Mörgeli! Sie erinnern sich bestimmt daran, wie er im letzten Jahr auf Facebook diesen viel beachteten Post veröffentlicht hat: Ein Foto von einem Schiff in einem Hafen, das vor Flüchtlingen nur so überquoll und darüber stand in grossen Buchstaben: ‹Die Fachkräfte kommen.› Das Foto selbst war aus dem Jahre 1991. Christoph Mörgeli benutzte also die Opfer einer Tragödie aus der Vergangenheit, um sich über die Opfer einer Tragödie der Gegenwart lustig zu machen. Viele waren damals der Meinung: Politiker sollten einfach keine Satire machen. Christoph Mörgeli sah das genau so: Er ist jetzt nicht mehr Politiker.

Andreas Glarner ist da nicht so konsequent. Er postete auf Facebook wenig später eine Annonce auf der stand: ‹Gesucht: Gebrauchte, aber noch intakte Koffer/Reisetaschen, Rucksäckli, Kinderschuhe (...) für Asylanten-Unterkunft›. Die Passagen ‹Asylanten-Unterkunft› und ‹Koffer/Reisetaschen› waren dabei gelb hervorgehoben und darüber stand sein Kommentar: ‹Es besteht noch Hoffnung.› Es zeugt schon von einer sehr speziellen Definition von Satire, wenn man so etwas direkt über das Wort ‹Kinderschuhe› schreibt. Da könnte man sagen: Ja, Satire darf alles. Aber nicht jeder darf Satire.

Doch das stimmt nicht. Natürlich darf jeder Satire. Und schliesslich sollte man ja niemandem den Mund verbieten, ganz im Gegenteil. Darum möchte ich hiermit und an dieser Stelle einen Wunsch an die Verantwortlichen der Kabaretttage Olten richten. Bitte engagieren Sie für die Turmrede im nächsten Jahr Andreas Glarner. Denn so sehr ich Moritz Leuenberger auch liebe: Wenn ein Satiriker auf dieser Bühne ein ehemaliger Politiker sein sollte, dann doch bitte Andreas Glarner. Tun Sie es für das Land, die Politik, die Meinungsfreiheit, für den Aargau, den Kanton Glarus und für mich.»

*«Turmredner» Renato Kaiser, geb. 1985, ist einer der erfolgreichsten Schweizer Poetry-Slammer. Im März 2005 trat er zum ersten Mal an einem Poetry-Slam auf. Seither hat er zahlreiche Slams gewonnen, unter anderem in Zürich, Salzburg, Berlin und München.