Olten
«Herr, gib mir Boden unter meine Füsse!»

Das neue Chilbihighlight 2014 - der Swiss Tower - weckt die Neugierde der Besucher. Nur zögerlich wird er hingegen tatsächlich ausprobiert - ein Selbstversuch.

Urs Huber
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Swiss Tower Chilbi

Swiss Tower Chilbi

AZ

Gut 80 Meter hochfahren und dann gut 80 Meter tief – fallen. Logisch, im Sicherheitssitz und wohl von allerlei andern, wenn auch kaum wahrnehmbaren Sicherheitsvorkehrungen umschlungen. Um mich herum kreischen die ersten Frauen bereits beim Hochfahren, in Erwartung des (un)behaglichen Schreckens, der sie und uns bald einfangen wird. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, wissen zwar nichts voneinander und auf Gedeih und Verderb der Technik des Swiss Tower ausgeliefert, der Chilbineuheit 2014 in Olten. Was die Schicksalsgemeinschaft verbindet: Dort am Swiss Tower wirken die Schwerkräfte und ich kriege wohl endlich mal zu spüren, was der Physiklehrer damals mit der sogenannten Erdanziehungskraft «g» beziehungsweise der Beschleunigung meinte, die er ferner mit 9,8 Metern pro Sekunde hoch 2 definierte. Das ist, was uns verbindet. Aber ich schreie nicht, nicht der Physik wegen, nein: Erstens traue ich mich nicht und zweitens bin ich nicht extravertiert.

Herausforderung Anfahrtsweg

Bereits der Anfahrtsweg zum Kulminationspunkt mit 23 weiteren Personen ist für nicht Schwindelfreie so etwas wie eine Herausforderung. Selbst wer den Freiluftblick über die Stadt mag, wird unruhig, empfindet plötzlich die Sitzfläche als zu klein, wagt kaum die Füsse auszustrecken wie vom Einpeitscher am Lautsprecher unten geheissen. Ich denke: «Hört der Aufstieg denn nie auf?» Ich versuche – völlig unnötigerweise – das Gleichgewicht zu halten, presse meinen Körper in die Sitzschale, kralle mich an die Fixierstrebe, überprüfe, ob meine Füsse noch in den Schuhen stecken, und nehme die Lichter der Stadt wahr, die mir in diesem Moment aber völlig gleichgültig sind.

Gipfelruhe

Oben dann wirds ruhig. Vielleicht bin ich auch so mit mir beschäftigt, dass ich keinen Laut mehr wahrzunehmen vermag. Das Verharren der Plattform über den Dächern der Stadt dauert gefühlte Ewigkeiten und meine beruhigende Beobachtung von vorhin, gemacht in der Warteschlange, habe ich vergessen. Unten noch wollte ich nämlich bemerkt haben, dass der Regisseur bei grossem Publikumsandrang die Plattform relativ rasch löst und der Erde zuschickt. «Herr, gib mir Boden unter meine Füsse», denke ich als ehemaliger Ministrant. Es hilft nichts, der Mann am Lautsprecher wartet, während meine Anspannung steigt: Wohlfühlklima muss anders sein.

Ein leises Klack

Dann endlich, die Erlösung. Ein leises Klack ist wahrzunehmen und die Plattform saust (vorerst) ungebremst und immer schneller werdend in die Tiefe. Beschleunigung g – ich weiss. Die Sinne korrumpieren derweil einander gegenseitig; ich nehme kaum mehr eine klare Kontur wahr, aber ich sehe Olten, der Fahrtwind deutet auf Geschwindigkeit hin, aber die Zeit – steht still. Ich bilde mir ein, die Augäpfel nach oben verdreht zu haben. Der freie Fall dauert bloss ein, zwei Sekunden; das weiss ich. Ich hab vor gefühlten Urzeiten, als ich in der Warteschlange stand, deswegen auf die Uhr geblickt und gesehen, dass der Bahnbesitzer genüsslich eine Zigarre raucht. «Kann nichts passieren», dachte ich.

Und dann: sanfter Stillstand; alles vorbei, der sichere Boden in greifbarer Nähe. Die zuvor aus Sicherheitsgründen deponierten Handtaschen, Mokassins, Jacken, Mützen der Mitfahrenden finden ihre Eigentümer wieder, zwei, drei Helfer machen mit wenigen Armbewegungen klar, wo sich der Ausgang befindet. Die Erde hat uns wieder.