1972: Was war da doch gleich? Genau. Jenes Jahr war das längste des gregorianischen Kalenders. Es war als Schaltjahr um einen Tag und zwei Schaltsekunden länger als üblich. Ein Omen für Hugo Schenker, der im Herbst dieses Jahres als Primarlehrer in Fulenbach eine Verweserstelle antrat? Mag sein.

Aber es war nicht nur Zufall, dass der Mann dem Ort die Treue hielt und fast 46 Jahre blieb; stets als Lehrer der 5. und 6. Klasse. Denn eigentlich wollte der damals noch nicht 20-Jährige nur seine ersten Berufsjahre in Fulenbach verbringen und später in Olten unterrichten. Er, der Oltner.

Aber: Mit dem damals praktizierten Übertrittscheck dort, wo’s ausschliesslich darum ging, möglichst viele Schülerinnen und Schüler an die Bez, wie sie damals noch hiess, zu bringen, konnte er sich nicht identifizieren. «Das war mir irgendwie doch zu sehr am Naturell des einzelnen Kindes vorbei», sagt Schenker in der Rückblende, der sich mittlerweile auch ein bisschen als beruflicher Dinosaurier sieht. Eine solche Dienstalterszahl im Schulbereich ist selten geworden. Und hinterlässt Spuren. Schenker nickt.

«Ich musste mich nie bewerben»

Warum er überhaupt nach Fulenbach kam? «Ganz einfach», sagt er. «Fernando von Arb, der spätere Gitarrist von Krokus, und ich hatten die Wahl zwischen Boningen und Fulenbach. Und weil Fernando als Fulenbacher nicht im eigenen Dorf unterrichten wollte, ging er nach Boningen – und ich kam hierher.» An sich noch kein Grund, ein Leben lang im Dorf zu bleiben?

«Es war halt alles sehr unkompliziert hier», sagt der Lehrer, die Behörden der Schule wohl gesonnen. Auf der «Chouscht» des damaligen Schulpräsidenten sitzend habe die Vorstellungsrunde stattgefunden. Und irgendwann, kurz vor Ablauf der Verweserfrist, habe ihn der Präsident gefragt: «Wotsch bliibe?» Schenker wollte, unter der Bedingung, dass er einen Hellraumprojektor zur Verfügung gestellt bekommt. Das mediale Nonplusultra jener Zeit. «Ich musste dann ein paar Jahre drauf warten», lacht er heute. «Aber dafür musste ich mich auch nie bewerben.»

Dass er überhaupt Lehrer werden wollte, ist angeblich einem einzigen Umstand geschuldet: Der kleine Hugo hatte sich in seine Erstklasslehrerin verliebt. Damals reichte solches durchaus noch für eine nachhaltige Berufswahl aus.

Die Zahl 40+ ist eine wichtige im Leben des Fulenbacher Primarlehrers, den alle Hügu nennen. Fast 46 Dienstjahre ergeben nämlich in Fulenbach mehr als 40 Skilager, mehr als 40 Schulreisen, mehr als 40 Schulsporttage. Letzterer ist übrigens eine seiner Erfindungen. «Seinerzeit gabs noch die Einrichtung ‹dr schnällscht Schwiizer›», erinnert er sich. Da habe er mit den Kindern aus Fulenbach teilnehmen wollen. Dazu mussten aber die Schnellsten im Dorf ermittelt werden. Und weil die Bürgergemeinde damals just ihren Hirschpark einweihte und bei der Schule nachfragte, ob sie nicht etwas zum Unterhaltungsprogramm beisteuern könne, habe sich «dr schnällscht Fulebacher» ergeben.

Der Sporttag war geboren und ist als Institution in unterschiedlichster Ausprägung bis heute lebendig geblieben. Ungezählt sind übrigens auch die Tage, an denen die Schulen ihre Papiersammlung durchführten. «Und nie ist in all den Jahren etwas wirklich Gravierendes passiert», sagt Schenker. Das sei auch so etwas wie ein Geschenk.

«D Zäller Wiehnacht» als Höhepunkt

Schenker gehört nicht zu jenen, die vergangenen Zeiten nachtrauern. Bereuen? Nein, bereuen würde er nichts. Aber es habe da unter all den positiven Erinnerungen so etwas wie einen Höhepunkt gegeben: die seinerzeitige Aufführung der «Zäller Wiehnacht» von Kindergarten, Primarschule und Oberstufe. «Die Kirche war proppenvoll, und wir haben das Ganze nur ein einziges Mal aufgeführt», sagt Hügu. «Das bedaure ich manchmal.»

Apropos Höhepunkte: In den Siebzigern war er mit seiner Klasse auch mal bei Bundesrat Willi Ritschard zu Besuch in Bern. «Das war sehr eindrücklich», meint Schenker. Vor allem hat ihm imponiert, wie sich der Bundesrat mit den Schülern unterhalten hat. «Unkompliziert, ohne staatsmännische Attitüden.»

Schenkers Wirkungskreis beschränkte sich nicht nur auf den schulischen Bereich: Zusammen mit zwei Schulhauskollegen war er Initiant und Gründer der Zagge Zunft. Ein Trio mit unterschiedlichem Fasnachtshintergrund; er, der Oltner, Roland Fluri, der Solothurner, und Ludwig Schwaller, der Mann aus dem Entlebuch. «Das hat einfach gepasst», sagt Schenker. Dass die Zagge Zunft übrigens noch heute prächtig funktioniert, freut ihn besonders.

Was den guten Lehrer ausmacht

Doch zurück zur Schule? Was den guten Lehrer ausmacht? Eine Standardfrage, die man einem mit fast 46-jähriger Dienstzeit durchaus stellen kann. Schenker stutzt eine Sekunde. «Man muss Kinder spüren und auf sie eingehen können; bei einer gesunden Distanz auch Persönliches teilen», sagt er dann. «Und es ist auch nicht schlecht, als Lehrkraft ausschliesslich berechenbare Macken zu pflegen.» Er sagt dies ernst, als ob er wüsste, dass unberechenbar Macken häufig zu Konfrontationen führen.

Und jetzt? Nach fast einem halben Jahrhundert Primarlehrerdasein in Fulenbach? Jetzt will er sich allenfalls für Stellvertretung bereithalten, Coaching am Rande betreiben. Wenn 46 Jahre Erfahrung entschwinden, kann man doch immer wieder darauf zurückgreifen. Und sonst? Ein paar schöne Flecken des Landes will er besuchen, wie er sagt. Sich wieder dem Werken widmen, dafür habe er ein gewisses Sensorium, sagt Hügu. Der 65-Jährige lässt keine Wehmut aufkommen; oder aber er vermeidet, sie zu zeigen. Man weiss das nie so genau bei ihm. Der Schreibende hat mit ihm zusammen im selben Schulhaus über zehn Jahre lang unterrichtet.