Olten

Heimatschutz-Theater inszeniert «Verwandte sind auch nur Menschen»

Vorwärts, marsch! Kommandant Zehnder mit seiner Kompanie

Vorwärts, marsch! Kommandant Zehnder mit seiner Kompanie

Das Heimatschutz-Theater brilliert mit Erich Kästners «Au Verwandti si nume Mönsche» im Stadttheater. Witzige Dialoge und krachende Lacher sind vorprogrammiert.

Keine Regel ohne Ausnahme. Dies ist auch beim Heimatschutz-Theater Olten der Fall. Traditionsgemäss mit Stücken von Gotthelf und mit der Mundart verbunden, wagt sich die Gruppe heuer, wie bereits letztes Jahr, an ein Stück von Erich Kästner. In seiner 107. Inszenierung erweist es Kästner mit dem heiteren Stück «Verwandte sind auch nur Menschen» alle Ehre.

Um der Mundart Rechnung zu tragen, verwendet das Heimatschutz-Theater jedoch nicht das Original, sondern die schweizerdeutsche Bearbeitung von Martin Willi mit dem Titel «Au Verwandti si nume Mönsche». Doch auch diese Fassung musste sich einer Änderung unterziehen: Wegen des grossen Ansturms beim Casting schrieb Regisseurin Lotti Walti zusätzliche Szenen und entwickelte Extrarollen. «Ganz schön knifflig, aber mir wäre das Herz gebrochen, wenn ich junge Leute hätte abweisen müssen.»

Dieses Stück lasse einen bunten Flickenteppich von jungen und alten, schrägen und ruhigen Personen zu, erklärt sie die Wahl. Und so standen bald unerfahrene und routinierte, junge und etwas in die Jahre gekommene Schauspieler auf der Bühne, um mit Enthusiasmus und Spielfreude an der Hauptprobe vom vergangenen Dienstag der Komödie Leben einzuhauchen.

Alle wollen sie erben

Erbschaft lautet das grosse Schlagwort des Stücks: Es erzählt die Geschichte des in die USA ausgewanderten Stefan Schmidhauser (Hansruedi König). Der wurde vor 40 Jahren von Verwandten bei seiner Erbschaft betrogen und mauserte sich im Land der tausend Möglichkeiten zum Multimillionär. Die Schandtat seiner Familie hat er nie vergessen und er möchte sich nun rächen: So täuscht er seinen Tod vor und beordert alle Verwandten zur Testamentsverlesung in seine Villa in der Schweiz.

Nach und nach trudeln die Erbwilligen dann auch ein – was sich als amüsantes Spektakel entpuppt. Professor Doktor Christian Schmidhauser (Markus Spiegel) und seine vornehme Gattin (Beatrice Käser) erscheinen zuerst und werden vom mürrischen Diener Friedrich Rutschi empfangen. Was bis zum Schluss des Stückes niemand weiss: Der Diener ist in Wahrheit Stefan Schmidhauser selbst.

«Tolle Bude, wir kommen das Geld abholen» ertönt es wenig später und die verwaisten Geschwister Emil und Therese Brem (Michael Wyss und Colleen Fritschi) betreten die Bühne. Die elegante Aufmachung der beiden lässt Zweifel an ihrer Beteuerung arm zu sein, aufkommen. Kurz darauf marschieren zu Militärmusik der ausgemusterte Hauptmann Otto Zehnder (Peter Zingg) und seine Kompanie, bestehend aus Frau und Kindern, ins Haus – «bereit zur Inspektion».

Mit Cécile Schmidhauser (Sandra Do Aido) alias Bianca erscheint das pure Gegenteil im Scheinwerferlicht: rosa Röckchen, bunte Jacke, High Heels, toupierte Haare. Hier kommt zur Geltung, dass die Handlung von Lotti Walti in die 60er Jahre versetzt wurde: «Die Buntheit und Ausgeflipptheit dieser Zeit sollen zur Geltung kommen.»

Farbenfroh sind nicht nur die Kostüme der Darsteller, sondern auch die Kulisse. So sticht der Garten mit seinen saftigen Grüntönen und den roten Rosen sofort heraus. Auch Charaktere wie die bodenständige Emmi Gautschi (Heidi Spring), ein vermeintlicher Journalist (Ricardo Dalla Via) oder die ältere Dame Paula Schmidhauser (Sonja Epprecht), die vielen Kuriositäten auf die Schliche kommt, setzen Akzente.

Anwalt auf Motorrad

Die wohl grösste Überraschung landet Stefan Schmidhausers Anwalt (Robert Bohli), dessen Ankunft mit röhrendem Motorradlärm eingeläutet wird. Dieser könnte mit Lederkostüm, langen Haaren und Stirnfransen glatt als Hippie durchgehen. «Ich hasse jede Art von Beschäftigung», meint er und will deshalb sofort mit der Testamentsverlesung beginnen: Der angeblich Verstorbene ernennt seinen Diener zum Universalerben und möchte, dass die Verwandten vier Tage in Eintracht in der Villa leben und die Zeit nutzen, um sich kennen und lieben zu lernen. Nach diesen vier Tagen soll der Inhalt eines weiteren Briefes gelüftet werden.

Im Verlauf der Zeit jedoch realisiert Stefan Schmidhauser, dass «meine Verwandten keine Monster, sondern ganz normale Menschen sind» und wird sich des ganzen Schlamassels bewusst. Der Raub des zweiten Briefes, ein absurder Mordverdacht des selbst ernannten Detektivs Emil und das Aufkeimen einer Liebe sorgen für reichlich Abwechslung und Kurzweiligkeit.

1. Liebeserklärung mit 60 Jahren

Als der wirkliche Diener Friedrich Rutschi (Andy Siegenthaler) aus seinen angeordneten Zwangsferien zurückkehrt und mit einem Kriminalkommissar verwechselt wird, ist es an der Zeit die Lüge aufzudecken. «Ich wollte mir mit dieser Aktion die Schlechtigkeit meiner Verwandten beweisen», gesteht Stefan Schmidhauser. Was er in seiner «1. Liebeserklärung mit über 60 Jahren» sonst noch sagt, wie auch der Ausgang der Geschichte, sollen vorerst noch offen bleiben. Zwei Dinge seien trotzdem verraten: Lügen haben kurze Beine und noch so manches Geheimnis wird gelüftet. Kein Geheimnis ist, dass das Heimatschutz-Theater nur so vor Spielfreude und Ausdrucksstärke strotzt und die 19 Darsteller garantiert für heitere Stunden sorgen.

Aufführungen im Stadttheater: Freitag 24. Januar; Samstag 25. Januar, jeweils 20 Uhr; Sonntag 26. Januar, 14 Uhr.

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