Olten
Häusliche Gewalt: «Heute ist man eher bereit, die Polizei zu benachrichtigen»

Bis zum 10. Dezember dauert die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Für die Kommission für die Gleichstellung von Mann und Frau der Stadt Olten Grund genug, Fachleute an den Gesprächstisch einzuladen.

Urs Huber
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Rund zwei Dutzend Mal rückte die Polizei auf Stadtgebiet wegen häuslicher Gewalt zwischen Januar und November 2013 aus.

Rund zwei Dutzend Mal rückte die Polizei auf Stadtgebiet wegen häuslicher Gewalt zwischen Januar und November 2013 aus.

zvg

Auch wenn sich in andern gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen in den Geschlechterrollen abzeichnen: «Dass häusliche Gewalt grossmehrheitlich von Männern ausgeht, ist unbestritten. Die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», in der Schweiz lanciert vom Christlichen Friedensdienst cfd, die noch bis zum 10. Dezember läuft, macht dies deutlich, so der Hinweis von Theresa Späni, Mitglied der Gleichstellungskommission. «Lediglich in 20 Prozent der Fälle sind Männer die Opfer», sagt Tanja Brigger von der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn. Die Zahlen beziehen sich auf die Einsätze der Kantonspolizei Solothurn 2012 betreffend häuslicher Gewalt (HG).

Im Jahr 2012 waren in 80 Prozent der Einsätze die Beschuldigten männlich. Man kann aber sagen, dass dies allgemein das Verhältnis bezüglich Männern und Frauen als Gewaltausübende bei häuslicher Gewalt in Form von systematischem Kontrollverhalten widerspiegelt (bei HG in Form von spontanem Konfliktverhalten ist das Verhältnis 50:50).

Und: Häusliche Gewalt sei nicht ein schichtspezifisches Phänomen und keineswegs auf bildungsferne Schichten beschränkt. Den Weg zur Beratungsstelle finden die Opfer häuslicher Gewalt jedenfalls auf den unterschiedlichsten Wegen: «Viele kommen aus eigenem Antrieb, andere werden auf Wunsch von der Polizei gemeldet», sagt Brigger. Die Beratungsstelle berät sie dann in rechtlichen Fragen, besorgt allenfalls einen Rechtsanwalt, vermittelt das Opfer gegebenenfalls an ein Frauenhaus.

«Verfügt die Polizei eine Wegweisung, kann die Frau weiterhin zu Hause wohnen, sich sammeln und zur Ruhe kommen», weiss Brigger. Allenfalls kann beim Gericht eine superprovisorische Verfügung erwirkt werden, sodass die gewaltausübende Person bis zur Trennungsverhandlung nicht mehr in die Wohnung zurück darf. Das entspanne die Situation fürs Opfer merklich.

Gerade was die Wegweisung, jeweils durch die Polizei verhängt, angeht, wünscht sich die Opferhilfe, dass die Polizei das Maximum von 10 Tagen verfügt. «Wenn es beispielsweise am Freitagabend zu einem Vorfall kommt, vergehen schon mindestens zwei Tage, bis wir überhaupt informiert werden und mit dem Opfer Kontakt aufnehmen können, weiss Brigger. So verstreiche häufig ein Grossteil der Wegweisungsverfügung, die längstens für zehn Tage verhängt werden kann, ungenutzt. Wenn eine Anwältin vermittelt werden und diese einen Antrag bezüglich superprovisorischen Massnahmen beim Gericht schreiben muss, benötigt man dafür Zeit.

Trennung angestrebt

Viele Frauen haben den Wunsch, sich nach Gewaltvorfällen von ihren Partnern zu trennen. «Überrascht bin ich, mit welcher Hartnäckigkeit auch ausländische Frauen aus bestimmten Kulturen auf eine Trennung hinarbeiten», sagt Brigger. Sowieso aber werde die Frage nach Trennung oder Rückkehr tendenziell eher mit dem Entscheid Trennung beantwortet. Wenig verwunderlich. «Häufig beraten wir doch Frauen, die nicht zum ersten Mal Opfer von Gewalt geworden sind», weiss die Beraterin. Irgendwann ist das sprichwörtliche Fass eben voll.

Der Nachbar ruft an

Wie erfährt denn die Polizei vom Vorfall der häuslichen Gewalt? Bürki: «Vom Opfer selbst oder einer Meldung aus der Nachbarschaft, meist per Telefon.» Den Einsatz vor Ort bezeichnet er als einen, welcher dem Vorfall «die Spitze bricht». Der Täter kann für 24 Stunden in Polizeigewahrsam genommen werden; aufgrund der anschliessenden Einvernahme wird, gegebenenfalls, eine Wegweisung verfügt.

«Die Polizisten werden bereits in ihrer Grundausbildung mit der Problematik der häuslichen Gewalt konfrontiert und geschult, im Übrigen auch immer wieder nachgeschult. Im Bereich der Beratung kann die Polizei aber nur einen kleinen Teil abdecken. «Wir arbeiten in dieser Beziehung eng. mit der Opferhilfe zusammen», weiss Bürki. Inwiefern die Opferzahlen sich im Laufe der Jahre entwickelt hätten, kann der Kommandant nicht sagen. «Sicher aber sind die Leute sensibler geworden und eher bereit, die Polizei vom Vorfall in Kenntnis zu setzen,» ergänzt er.

Wie reagieren als Aussenstehende

Für Theresa Späni, Mitglied der Oltner Gleichstellungskommission, steht auch die Sensibilisierung die fürsorgliche Reaktion Aussenstehender bei häuslichen Gewaltvorfällen im Fokus. Es sei nicht einfach, potenzielle Opfer auf vermutete Vorfälle anzusprechen, meint Brigger. «Wenn ein gewisses Vertrauensverhältnis besteht, kann man die betroffene Person darauf ansprechen und sagen, dass man sich Sorgen macht», meint sie.

Wenn man unsicher ist oder nicht weiss, was man tun kann, kann man sich bei der Opferhilfe melden und sich bezüglich dem weiteren Vorgehen beraten lassen. «Man kann sich bei uns auch anonym beraten lassen. Wir unterliegen einer gesetzlichen Schweigepflicht», sagt Brigger.

Nicht weghören, nicht wegsehen

Auf alle Fälle aber soll nicht weggesehen und nicht weggehört werden. Dies zu betonen scheint überflüssig, aber Erfahrungen zeigen, dass Zeugen von häuslicher Gewalt diese zu Beginn gar nicht als solche erkennen und einen wahrgenommenen Vorfall als etwas «einmalige Geschehenes» werten - und dann wieder vergessen. Tragisch, denn wie die Kampagne des cfd festhält, ist Gewalt innerhalb von Partnerschaften und Beziehungen «die am meisten verbreitete Form von Gewalt an Frauen.»

Und die Beratungsstelle Opferhilfe bilanziert: «Gemäss Studien wird davon ausgegangen, dass jede fünfte Frau in ihrem Leben mindestens einmal von ihrem Partner körperliche und/oder psychische Gewalt erlebt hat. Wird psychische Gewalt dazugerechnet, sind gut 40 Prozent der Frauen betroffen.» Gewalt zerstört Vertrauen, schränkt ein und verbreitet Angst. Manche Gewalterlebnisse verletzen Menschen ein Leben lang. Deshalb hat die Kampagne die Affiche «Respekt & Liebe statt Druck & Hiebe» an oberste Stelle gerückt.