Das balzende Amselmännchen will sich gerade im Sturzflug auf ein Weibchen schmeissen, da drückt Daniel Portmann ab. Ein kurzer Blick aufs Display seiner Kamera und der 57-Jährige lächelt zufrieden: ein aussergewöhnlicher Schnappschuss. Im Vordergrund die wegen des schnellen Flügelschlags verschwommene Amsel, dahinter die Silhouette von Homberg und Umgebung im Morgenlicht.

Portmann nennt das Bild «Rolligamselmann» und fügt es zu seiner Serie hinzu. «Happymann», «Bluesmann», «WEFmann»… Das Prinzip ist immer dasselbe. Portmann macht ein Bild von der Silhouette der Jurahügel, die wie Stirn, Nase, Mund und Bart eines liegenden Mannes aussehen. Dann gibt er dem Bild je nach Wirkung oder an diesem Tag Erlebtem aus dem Bauch heraus einen Namen. Mittlerweile hat Portmann über 200 dieser Männer-Porträts beisammen.

Im Sommer 2016 verliebt sich der gebürtige Luzerner und aus Zürich zugewanderte Oltner in die Silhouette des Hombergs und der umliegenden Hügel. Von seiner neuen Wohnung an der Aarauerstrasse aus hat der Hobbyfotograf den besten Blick auf «meinen Mann», wie Portmann den Berg liebevoll nennt. Genau 2,4 Kilometer Luftlinie trennen die beiden.

Im März 2017 beschliesst Portmann, den schlafenden Riesen regelmässig abzulichten. Ein Jahr lang will er durchhalten. Dass es nicht jeden Tag ein neues Bild gibt, liegt nicht am Fotografen, sondern am Berg. «Manchmal sieht der Mann auch drei Tage am Stück gleich aus. Das ist langweilig. Dafür bietet er an anderen Tagen im Minutentakt neue Fotomotive.»

«Der Typ hat so viele Gesichter»

Der Berg bestimmt den Tagesrhythmus. Nach dem Aufstehen geht Portmann mit seinem Morgenkaffee stets zum Wohnzimmerfenster und blickt über die Dächer Oltens hinweg auf den Mann. Je nach Wetter, Tages- und Jahreszeit erscheint dieser in einem völlig anderen Licht. «Der Typ hat so viele Gesichter», sagt Portmann. Wenn ihm das Motiv gefällt, hält er durch das geöffnete Fenster drauf. Tagsüber lässt er den Mann dann ruhen. Das liegt daran, dass Portmann zum einen als selbstständiger Werbetexter ins Büro nach Zürich pendelt und der Berg zum anderen tagsüber kein gutes Fotomotiv abgibt. «Das Licht muss dramatisch sein», so der Fotograf. Wenn er am Abend wieder in Olten ist und die Sonne im Westen langsam unter geht, ist das oft der Fall.

Spezielles Equipment ist nicht nötig. Eine kleine Kompaktkamera im Effektmodus «satte Farben» reicht. Stativ und Blitzlicht kommen nicht infrage: «Sonst wacht er mir eines Tages noch auf.» Das Flachdach des Nachbarhauses dient als Bildunterkante und ist die erste von mehreren Ebenen, die auf allen Bildern zu erkennen sind. Auch die Fahne des Stadthauses und die Turmspitzen der St. Martins-Kirche dürfen nicht fehlen. In der Nachbearbeitung begradigt Portmann lediglich das Bild und schneidet den Ausschnitt zurecht. Filter und andere Schummeleien sind nicht sein Ding.

Portmann freut sich an kleinen Details. Wenn beim «Nationalfeiertagmann» statt der Oltner die Schweizer Fahne weht, wenn beim «Jetmann» gerade zwei Flugzeuge ihre Spuren im Himmel hinterlassen hatten, oder wenn der «Fleckenmann» von Schneefeldern befleckt ist.

Buchprojekt mit Alex Capus geplant

Portmanns Fotos kommen überall gut an. Wenn er sie auf Facebook postet, bekommen sie zahlreiche Likes und Kommentare. Spitzenreiter ist der «Blutrotmann» mit über 250 Likes. Richtig imposant sind die Bilder vor allem nebeneinander. Dann kommt die Vielseitigkeit des schlafenden Riesen schön zur Geltung. Das kann man seit Kurzem in der Oltner Badi bestaunen, wo 16 Exemplare ausgehängt sind. Portmann ist Stammgast im Schwimmbad und seine Idee, die verwaisten Bilderrahmen an den Kabinenaussenwänden zu einer Mini-Ausstellung umzufunktionieren, stiess bei Chef-Badmeister Thomas Müller auf offene Ohren.

Doch bei der Badi-Ausstellung soll es nicht bleiben. Portmann hat gemeinsam mit Thomas Knapp vom Oltner Knapp-Verlag, Daniel Fertsch, der die Gestaltung übernimmt, und Alex Capus ein Buchprojekt geplant. Der Oltner Schriftsteller wird das quadratische Buch seines Freundes Portmann mit mehr als 100 Porträts des schlafenden Riesen mit einem Gastbeitrag bereichern. Noch werden einige Sponsoren gesucht, doch pünktlich zur Oltner Buchmesse im November soll das Werk präsentiert werden. «Mein Mann freut sich schon jetzt, ganz gross rauszukommen.»