Ein erstaunlicher Auftakt des Kammermusikkonzertabends mit dem Hagen Quartett: Im ersten Satz des Streichquartetts A-Dur, op.55, Nr.1 von Joseph Haydn dominiert die erste Geige. Erstaunlich ist dies deshalb, weil Haydn in früheren Quartettkompositionen sehr darauf bedacht war, jedem der vier Musiker eine gleichberechtigte Rolle zuzuweisen. Mit virtuosen Läufen und radikaler Klarheit führte Lukas Hagen seine drei Mitmusiker durch das recht schnell gespielte Allegro – eher weg vom allzu schönen Klang. Und auch dies ist erstaunlich: Gleich der nächste Satz zeigte in einem Adagio cantabile, welch liebliche Töne, welch wunderschöne Klangeffekte die vier ausserordentlichen Musiker ihren alten Meisterinstrumenten entlocken können.
Hier findet sich die noch immer dominierende erste Geige in einem leicht ironisch gefärbten Wechselspiel mit der zweiten Violine.

Fast eine Familie

Die drei aus einer Salzburger Musikerfamilie stammenden Geschwister Lukas, Veronika und Clemens Hagen sind seit den 1970er-Jahren unterwegs. Beim damals bereits erfolgreichen Kinder-Quartett war noch ihre Schwester Angelika dabei, die mittlerweile als Solistin Karriere gemacht hat. Sie verliess das Ensemble 1981 und seit über 30 Jahren spielt der heute in Basel lebende und an der dortigen Musikakademie lehrende Rainer Schmidt die zweite Geige. Dank der langjährigen Zusammenarbeit und der Konstanz in der Besetzung, den zahlreichen Platten- und CD-Aufnahmen sowie der vielen Auftritte auch mit anderen international bekannten Künstlern gehört das Hagen Quartett zu den führenden Kammermusik-Ensembles der Gegenwart. Ein Glücksfall, dass dieses weltberühmte Ensemble im Oltner Konzertsaal auftrat. Normalerweise spielt das Hagen Quartett in Weltstädten – am nächsten Montag beispielsweise im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Die Vorliebe des Hagen Quartetts gehört zwar zweifellos der klassischen Streichquartett-Literatur, doch finden sich auch moderne Komponisten im Repertoire. In ihrem für Olten und Berlin zusammengestellten Konzertprogramm beschränkten sie sich auf drei klassische Werke, die aber seinerzeit Neues wagten, Neues, auf das man sich erst einlassen musste.

Beginn und Abschluss

So wurde etwa das zweite Werk des Konzertabends, das Streichquartett Nr.8 in B-Dur, lange Zeit als eher verunglückte Fingerübung des 17-jährigen Franz Schubert missverstanden. Es widersprach dem gängigen Aufbau, Melodien und Themen brechen oft abrupt ab und werden wenig später wieder aufgenommen, musikalische Effekte setzte der Komponist schrill gegeneinander, von Harmonie ist gelegentlich wenig zu hören. Kurz und gut: Schubert war seiner Zeit voraus und spielte mit Formen, die erst ein Jahrhundert später aktuell und geläufig wurden. In der Interpretation des Hagen Quartetts fand dies alles zu einer Richtigkeit, die in ihrer kalten Schönheit und Perfektion berührte. Passend dann das Streichquartett in A-Dur, op. 41, Nr. 3 von Robert Schumann, ebenfalls ein Werk, das in seinem fordernden Charakter so gar nicht zur Romantik zu gehören scheint. Für Schumann war dieses Streichquartett ein Abschluss; er komponierte danach keines mehr. Das Hagen Quartett spielte das Meisterwerk mit viel Dramatik, kalkulierter Spielfreude und einem Zusammenspiel, das unvergleichlich ist. Zum Dank für die Aufmerksamkeit des Oltner Publikums gab es einen Satz aus einem Mozart-Quartett als ersehnte Zugabe.