Amtsgericht Olten-Gösgen

«Hätte ich ihn töten wollen, wäre er jetzt tot»: Eine Familienfehde endet vor Gericht

Onur K. musste sich vor Gericht verantworten, weil er versucht haben soll, seinen türkischen Landsmann zu töten. (Symbolbild)

Onur K. musste sich vor Gericht verantworten, weil er versucht haben soll, seinen türkischen Landsmann zu töten. (Symbolbild)

Ein Mann musste sich am Montag wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten. Dem Türken Onur K.* wird vorgeworfen, dass er nach einem Streit seinen Cousin Azim K.* mit einem Messer töten wollte.

Meinungsverschiedenheiten während Scheidungen kommen vor. Über Geld wird gestritten. Böse Worte werden zwischen Verwandten ausgetauscht. Doch während die meisten solchen Familienstreitereien intern gelöst werden können, enden gewisse vor Gericht. So auch der Fall der beiden Cousins Azim K*. und Onur K.*.

Letzterer musste sich am Montag vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen unter der Leitung von Amtsgerichtspräsidentin Barbara Hunkeler verantworten. Er soll versucht haben, seinen türkischen Landsmann zu töten.

Die Anklage: versuchte vorsätzliche Tötung, möglicherweise schwere Körperverletzung oder einfache Körperverletzung mit gefährlichem Gegenstand. Mit einem Messer, das er am Tag zuvor gekauft hatte, soll Onur K. seinen Cousin Azim K. im August 2013 verletzt haben. Grund dafür war ein Streit, in den die beiden Männer schon seit längerer Zeit verwickelt waren.

Scheidung führte zu Streit

Azim K. war früher mit seiner Cousine verheiratet, welche die Schwester Onurs ist. Der laufende Scheidungsprozess führte zwischen den Cousins zu einem Streit, der mehrmals in Form körperlicher Gewalt ausgetragen wurde. Onur K. hatte schon zwei Vorstrafen wegen des Streits, als es am 23. August 2013 zur verhängnisvollen Tat kam.

Wie genau dieser Abend ablief, ist unklar. Denn die beiden Männer und auch zwei andere Zeugen machten unterschiedliche Angaben. Fest steht, dass sich Onur K. mit zwei Kollegen in der Gartenwirtschaft des Restaurants «Bahnhof» in Wangen befand, als Azim K. dort plötzlich auftauchte. Azim beschimpfte Onur nach seiner Ankunft mit obszönen Aussagen über dessen Familie.

Dann kommt der Punkt, wo sich die Geschichten unterscheiden. In Onurs Variante fand auf dem Parkplatz eine Schlägerei statt, in der er unterlegen war und sein Messer zur Verteidigung zückte. Mit «Scheibenwischerbewegungen» habe er dann mit dem Messer herumgefuchtelt, um seinem Cousin Angst einzujagen. Dabei müsse es passiert sein, dass Azim verletzt wurde. Absichtlich auf ihn eingestochen habe er jedoch nicht: «Hätte ich ihn töten wollen, wäre er jetzt tot.»

Angst wegen Drohungen

Azim jedoch beteuerte – wie auch die beiden Zeugen –, dass das Messer schon gezückt wurde, als Onur von seinem Stuhl aufstand. «In dem Moment war es mir egal, ob ich sterben würde. Ich konnte mit dem Stress einfach nicht mehr leben», erklärt Azim vor Gericht. Denn wegen mehrfacher Drohungen seines Cousins habe er sich kaum mehr auf die Strasse getraut. Auch Onur beteuerte, dass er von seinem Cousin mehrmals bedroht wurde und sich vor diesem fürchtete – weswegen er sich auch ein Messer gekauft hatte.

Resultat des Abends war eine 7 Zentimeter tiefe Stichwunde in Azims Brustgegend, eine Schnittverletzung an der Hüfte, die einen Ledergürtel und den Bund seiner Jeans durchdrang und eine Verletzung an der Hand.

«Herr K., mein Cousin, lügt wie gedruckt. Und sein Anwalt, Herr Bitterli, verteidigt seine Lügen», so die letzten Worte von Onur K. – denn er habe aus Notwehr gehandelt und ihn versehentlich verletzt. Doch auch Azim K. betonte immer wieder, dass sein Cousin nicht die Wahrheit sagt – Absicht sei es gewesen, mit der er auf ihn eingestochen hat.

Schuldspruch oder Freispruch?

So unterschiedlich, wie die Aussagen der beiden Männer waren, fielen auch die Plädoyers aus. Staatsanwältin Kerstin von Arx forderte einen Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, eine unbedingte Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten sowie die Bezahlung der gesamten Verfahrenskosten. Daniel Bitterli, der Azim K. vertrat, schloss sich an und verlangte zusätzlich eine Genugtuung von 10'000 Franken für seinen Klienten.

Verteidigerin Dana Matanovic sah dies jedoch anders: In einem einstündigen Plädoyer forderte sie einen Freispruch in allen Punkten sowie eine Entschädigung für ihren Klienten. Das Urteil wird demnächst schriftlich eröffnet.

*Namen der Redaktion bekannt

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