Der in die USA ausgewanderte Hägendörfer Lorenz Studer ist der diesjährige Gewinner des «Genie-Preises» der MacArthur Foundation. Die Auszeichnung ist mit 625 000 US-Dollar dotiert, die dem 49-jährigen Stammzellen-Biologe nun frei zur Verfügung stehen (siehe Kasten). 

Der Familienvater lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern seit 15 Jahren in New York City (Manhattan) und forscht im Bereich der Stammzellenbiologie. Im Zentrum für Stammzellenbiologie ist er auch Direktor und ist zudem Professor in Entwicklungsgeschichte. 

Welche waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfahren haben, dass Sie den Preis gewonnen haben?

Lorenz Studer: Ich war sehr überrascht, da ich nicht einmal wusste, dass ich überhaupt nominiert war. Die Auswahl der Kandidaten ist ja geheim. Zusätzlich war ich an jenem Tag, an dem ich die gute Nachricht erfahren habe, krank im Bett mit fast 40 Grad Fieber. Nach dem Telefonanruf mit all den Details über den Award war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob der Anruf überhaupt echt war oder nur eine Fieber-induzierte Einbildung. Deshalb war ich ganz froh, als ich am Abend das Mail von der MacArthur Foundation mit der Bestätigung erhielt.

Wie haben Sie denn vor, das Preisgeld einzusetzen?

Ich bin mir noch nicht zu 100 Prozent sicher, aber ich denke, dass ich einen Teil des Geldes für wissenschaftliche Projekte einsetzen möchte, deren Finanzierung speziell gefährdet ist und die nicht mit normalen Subventionen finanziert werden können. Der Preis betont die Kreativität, und ich hoffe zumindest, einen Teil des Geldes in wissenschaftliche Kreativität zu investieren. Aber ich werde mir vermutlich auch einige persönliche Dinge gönnen. Zum Beispiel plane ich ein neues Velo zu kaufen. Mein aktuelles Velo ist bereits 15 Jahre alt. Sport ist für mich ein sehr wichtiger Ausgleich im Leben. Deshalb gehe ich auch jeden Tag joggen, typischerweise im Central Park.

Was bedeutet Ihnen der Preis?

Es ist eine ganz besondere Anerkennung für mich und für die Stammzellen-Biologie generell. Der Preis ist sehr speziell, da er nicht nur Wissenschafter ehrt, sondern auch Musiker, Schriftsteller, Historiker und Personen aus anderen kreativen Disziplinen. Dass ich da als einer der ganz wenigen Wissenschafter, über alle Disziplinen hinweg, ausgewählt wurde, ist schon ganz speziell.

Wem und/oder was haben Sie den Preis denn zu verdanken?

Der Preis wurde für meine Forschungserfolge vergeben, speziell für unsere Studien für eine neuartige Zelltherapie beim Morbus Parkinson. Wir entwickeln diese Therapie für die ersten Versuche am Menschen, die voraussichtlich 2017 starten werden. Speziell erwähnt wurde auch unsere Arbeit, mit der wir das Altern von Nerven- oder Hautzellen manipulieren können. Unsere Arbeit ermöglicht grob gesagt die Produktionen von mehr also 45 verschiedenen humanen Zelltypen in unserem Körper – also nicht nur Dopamin-Nervenzellen für Parkinson, sondern mehr als 40 zusätzliche Zelltypen, die eventuell für andere Krankheiten eingesetzt werden können. Natürlich verdanke ich den Preis auch der Hilfe meiner talentierten Mitarbeiter und verschiedenen Mentoren.

Was haben Sie künftig noch alles vor?

Ich hoffe, weiterhin der Stammzellforschung treu zu bleiben und das therapeutische und basiswissenschaftliche Potenzial dieser Zellen voll zu realisieren. Wir hoffen, dass diese Zellen ein wichtiges Instrument im medizinischen Instrumentarium der Zukunft sein werden. Ich stelle mir vor, dass dann nicht mehr nur traditionelle Medikamente eingesetzt werden, sondern Zelltherapie zusätzlich für viele spezifische Krankheiten eingesetzt wird.

Ihre Ziele in der Forschung?

Unmittelbares Ziel ist die Anwendung der Zellen bei Parkinson und dann eine breitere Anwendung der Zellen für andere degenerative Krankheiten. In der Basiswissenschaft möchte ich den kompletten Bauplan für die Herstellung aller menschlichen Zellen verstehen – nicht nur 40 oder 50 Zelltypen. Zusätzlich hoffe ich, dass meine Idee, das Altern von Zellen zu manipulieren, zu neuen Methoden führen wird bei der Entwicklung besserer Medikamente und möglicherweise zu Methoden führen wird für die Verjüngerung von Zellen oder menschlichen Geweben.

Sie haben in der Schweiz studiert und doktoriert. Was trieb Sie in die USA?

Ich wollte Stammzellen studieren. Damals waren nur sehr wenige Labors aktiv in dem Gebiet. Ich habe dann ein Labor in den USA gefunden, wo ich diese Arbeiten erstmals ausführen konnte – dank eines Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds.

Und dann sind Sie geblieben.

Ich plante zuerst in die Schweiz zurückzukehren, habe mich dann aus privaten – Heirat und Kinder – und beruflichen – wissenschaftliches Umfeld für Stammzellforschung – Gründen entschieden, in den USA zu bleiben.

Vermissen Sie die Schweiz?

Ich vermisse die Schweiz schon immer wieder. Speziell die wunderbare Natur, die Berge, Familie und Freunde. Ich bin aber regelmässig in Kontakt mit ihnen. Und reise auch ein bis zwei Mal im Jahr in die Schweiz. Eine definitive Rückkehr ist derzeit unwahrscheinlich, da mich die Arbeit und die Familie an NY binden. Allerdings könnte ich mir schon vorstellen, in Zukunft eine Wohnung in der Schweiz zu haben und dort mehr Zeit zu verbringen, zum Beispiel für Ferien oder eventuell gar nach der Pensionierung.