«Ich bin Vereinssprecher des Anatolien Kulturvereins mit Sitz in Olten und als Vizepräsident der Stiftung Lernforum tätig», sagt Gökhan Karabas. Beide Organisationen würden sich von den Ideen Fethullah Gülens, dem einstigen Mitstreiter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, inspirieren lassen. Aha. Und das heisst?

Gökhan Karabas hält inne. «Welches sind die drei Hauptübel der Menschheit?», fragt er rhetorisch. Und setzt an: «Gemäss Gülen sind dies Armut, mangelnde Bildung und Zwietracht.» Und er, Gülen, lehre vor allem, dass der Islam durchaus demokratiekonform sei und sich Demokratie und Islam keineswegs ausschliessen würden.

Tönt alles irgendwie anrüchig, ein bisschen nach Sektierertum? Karabas sagt: «Das hör ich nicht zum ersten Mal. Aber inspiriert sein von den Ideen Gülens hat nichts mit einer doktrinären Glaubensrichtung und schon gar nicht mit einer Glaubensgemeinschaft zu tun.»

Gülen habe er nie kennen gelernt. «Seine Bücher hab ich gelesen», sagt Karabas, der als Kind türkischer Eltern in der Schweiz geboren und häufig von einer Schweizer Tagesmutter betreut wurde.

In der Schweiz sicher

Wer mit den Idee Fetullah Gülens sympathisiert, lebt derzeit eher gefährlich in der Türkei, wie Medienberichte zeigen. In der Schweiz fühlt sich Karabas zwar sicher, aber seinen Arbeitgeber möchte er hier nicht genannt haben. «Gut möglich, dass ein Kunde meine Affinität zu Gülen missverstehen könnte», sagt er. Und in der Türkei? «In die Türkei reisen? Aktuell eher nicht», gesteht der verheiratete 31-Jährige, Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion in Oltens Gemeindeparlament und Vater eines Kindes.

Weswegen? Erdoğan wirft der Gülen-Bewegung vor, sie habe den gescheiterten Putschversuch vom Juli geplant, sei daran beteiligt gewesen. Erdogan will aufräumen. Das Denunziantentum blühe, sagt Karabas. «Inwiefern Gülen-Anhänger am Putschversuch mitmachten, kann ich nicht beurteilen», sagt der schweizerisch-türkische Doppelbürger zum Vorhalt.

Vorstellbar sei das durchaus. Aber dass der Putsch von Gülen selbst oder der Bewegung geplant und gesteuert worden sei, das hält er für ausgeschlossen. Die Hizmet-Bewegung, so nennt sich die mehrheitlich unorganisierte Anhängerschaft Gülens, versteht dessen Idee so, sich unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit für andere zu engagieren und für die Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht liesse sich Hizmet noch mit einem andern Begriff denn «Dienst» übersetzen? Karabas sinniert. «Vielleicht wäre der christliche Begriff der Nächstenliebe noch gut», findet er. Auf jeden Fall versteht Karabas Gülen-Sympathisanten als grundsätzlich harmlos.

Keine Infiltration

Apropos Nächstenliebe: 2007 erhielt die Stiftung Lernforum den Sozialpreis des Kantons Solothurn; Karabas sitzt dort im Stiftungsrat als dessen Vizepräsident. Im Rat finden sich ausser Karabas keine Schweizer Bürger. «Leider nicht», bedauert er. Dass die Nachhilfeschüler, pro Jahr zwischen 20 und 40, ideologisch bearbeitet würden, negiert der Doppelbürger entschieden.

«Zum einen sind die Lehrkräfte ausschliesslich Schweizer, zum andern stammt ein Teil der Kinder ebenfalls aus der Schweiz.» Und drittens bestimme der Lehrplan auch die Inhalte. «Vielleicht hätte mir ein persönliches Coaching damals auch gutgetan», sinniert Karabas. Finanziert wird die Schule über Elternbeiträge und Spendenaktivitäten. «Wer im Stiftungsrat sitzt, der gewinnt dabei mit Bestimmtheit kein Geld», sagt er.

«Je mehr Schüler wir im Lernforum betreuen können, desto besser gestalten sich unsere finanziellen Möglichkeiten, um Angebote wie Seminare oder Projektbeteiligungen anzugehen. Im letzten Schuljahr etwa gehörte der Pangea-Wettbewerb für Mathematik zu den ausgesuchten Projekten. Denn auch in der Mathematik sieht die Stiftung eine Möglichkeit, Kultur übergreifend Menschen zusammenzubringen. Karabas nickt.

Ähnlich Verbindendes, aber mit eher niederschwelligerem Charakter, praktiziert auch das Anatolien Kulturzentrum an der Konradstrasse 21 in Olten, dessen Sprecher Karabas ist. «Der Verein ist relativ jung, ein paar Jahre alt», sagt er. Wers genauer will: Er wurde am
1. August 2013 aus der Taufe gehoben. Rund 20 Mitglieder, Frauen wie Männer, versuchen mit eher ungewöhnlichen und doch so normalen Aktionen Vertreterinnen und Vertreter anderer Kulturen zusammenzubringen, Barrieren zu durchbrechen und das friedliche Miteinander zu fördern.

Im Juli dieses Jahres lud der Verein zum gemeinsamen Fastenbrechen auf Schloss Wartenfels ob Lostorf; die Vereinsmitglieder hatten dazu Nachbarn, Freunde und Bekannte aus verschiedenen Kulturen und Religionen eingeladen. Unter ihnen auch ein bekannter Schriftsteller aus Olten oder der Diakon und Co-Leiter des «Pastoralraums SO 11». «Wir waren vielleicht an die 40 Personen; ich denke, mehr als die Hälfte von ihnen Schweizer», erinnert sich Karabas.

Noah Fest als Renner

Der prominenteste Anlass des «Anatolien Kulturvereins» sei jedoch das Noah-Fest. Im Dezember 2015 trafen sich die Gäste zu einer Schifffahrt auf dem Hallwilersee. Es wurden Vertreter der Religionsgemeinschaften sowie politische Vertreter diverser Parteien, Unternehmer, Medienschaffende, Akademiker und andere Multiplikatoren eingeladen. Es waren unter anderem zwei Nationalräte von SP und GLP anwesend. «Auf diesem Boot können Differenzen und Meinungsverschiedenheiten diskutiert und kritisch betrachtet werden», sagt Karabas.

Nein, sie hätten nichts zu verstecken, ihren Aktivitäten hafte keine Untergrundmentalität, keine Subversion an. «Wissen Sie», sagt Karabas, «weder Lernforum noch der Anatolische Kulturverein sind von irgendwelchen unbekannten Grössen gesteuert und im Sinne einer Ideologie manipuliert. Wir handeln einfach im Sinne Gülens und versuchen, über Bildung Armut und Zwietracht in der Gesellschaft zu minimieren.» Dann nimmt er einen Schluck Kaffee aus der Tasse. «Das ist eigentlich auch schon alles.»