Die Bezeichnung «Vater der Kabarett-Tage» relativiert er subito: «Mittlerweile Grossvater, wenn Sie so wollen.» Seis drum. So viel ist sicher: Peter Niklaus wird im Sommer
70-jährig und ist der Gründer der Oltner Kabarett-Tage. Oder Cabarettage, wie sie sich damals noch nannten. Die Zeiten ändern und mit ihnen die Schreibweisen. Er sei ein bisschen stolz, dass sich die Dinge zum eigentlichen Festival entwickelt hätten, meint er. Wen wunderts: Was 1986 mit einem Dutzend Kabarettisten begann, präsentiert sich heute als Grossveranstaltung mit bald 30 verschiedenen Aufführungen und programmatischen Ausläufern nach irgendwo in der Deutschschweiz. Heuer etwa sind Schötz LU und Laufen BL Zielorte.

Kabarett-Tage: dem Zufall geschuldet

Wer Peter Niklaus beim Kramen in Erinnerungen zuhört, kommt zum Schluss: Die Kabarett-Tage sind nicht zuletzt einem Zufall zu verdanken. Wie so oft: Aus Zufälligkeiten entsteht oft Supranationales. Die Oltner Kabarett-Tage sind nämlich auch in der Szene Deutschlands ein Begriff. Und selbst in Österreich hallt deren Name nach. Aber eben, der Anfang? «Der Umstand, dass Hans Hohler zu Beginn der 1980er-Jahre als Vorsteher der Sekundarschule Olten zurücktrat und ich dieses Amt übernahm, war der eigentliche Start», sagt Niklaus. Und wie lässt sich der Transfer vom Schulvorsteher zu den Kabarett-Tagen herstellen? «Na ja», sagt Niklaus, «Hans war noch Präsident der Kulturförderungskommission und ich sollte eigentlich auch noch diese Aufgabe übernehmen.»

Die habe ihn übrigens fast mehr interessiert als das Vorsteheramt, räumt der Gründervater heute ein. Jedenfalls, der damalige Sekundarlehrer sagte auch dazu Ja. Aber weil er die Aufgabe der Kulturförderungskommission, auf irgendwelche Anregungen von aussen Preisverleihungen umzusetzen, auf die Dauer doch zu eintönig fand, begann Niklaus zu sinnieren. Und kam, in Anlehnung an die Solothurner Literatur- beziehungsweise Filmtage auf «...tage», wie er – mehr als 30 Jahre danach – schon fast kabarettistisch erklärt. «Es gibt doch diese Rivalität zwischen der Kantonshauptstadt und Olten», schiebt er hinterher. Stimmt. Das erklärt vieles.

Niklaus sagt, er habe seinerzeit eigentlich keine spezielle Affinität zum Kabarett gehabt, aber Erfahrungen als Schnitzelbankdichter und solche mit der Dramaturgie der Schnitzelbank – aus Subingen mitgebracht. «Kabarett machte mir zwar Freude, aber intensiver hatte ich mich zuvor nicht damit beschäftigt.» Und so wurde das Jahr 1984 zum Gründungsjahr der Gesellschaft Oltner Cabarettage. «Ich fand das Wort Verein für unser Anliegen unpassend», sagt Niklaus. «Und der Begriff Gesellschaft wirkt etwas gehobener», reicht er süffisant lächelnd hinterher.

Ein paar Getreue hatte er damals um sich geschart. Im Boot eine Auswahl von Hauptdarstellern jener Zeit: Hans Hohler, alt Stadtpräsident Hans Derendinger, dessen Nachfolger Philipp Schumacher, die Kulturjournalistin Madeleine Schüpfer, Massimo Hauswirth, damals noch Leiter des Kleintheaters am Zielemp, der damalige Färbi-Leiter René Steiner. Der Vorstand der Gesellschaft zählte vielleicht ein halbes Dutzend Köpfe, drum herum vielleicht noch einmal so viele getreue Helferinnen und Helfer. «Genaueres weiss ich heute nicht mehr», sagt Niklaus lächelnd.

Kabarett – ein bisschen tot

Woran sich der Vater der Kabarett-Tage aber noch genau erinnert: «Irgendwie hielt man das Kabarett damals ein bisschen für tot.» Selbst die Kabarettisten äusserten ihre Skepsis, als Niklaus sie mit seiner Idee konfrontierte. «Vielleicht, aber eher nicht in Olten» so deren Einschätzung. Niklaus’ Biss jedenfalls ists zu verdanken, dass 1986 die erste Auflage über die Bühne ging. Zum damaligen Line-up, wie das heute heisst, gehörten nicht wenige der eigentlichen Kabarett-Creme: Elsie Attenhofer, Hanns Dieter Hüsch, Lore Lorentz, Cabaret Rotstift, Osy Zimmermann, Fredy Lienhard oder Joachim Rittmeyer. Zu vielen pflegt Niklaus bis auf den heutigen Tag eine «gute, wenn auch lose Beziehung», wie er sagt.

Fragen der kabarettistischen Neuorientierungen widerspiegelten sich in den Anfangszeiten permanent. «Es gab stets programmatische Diskussionen, wie sich die Szene neu beleben liesse», erzählt Niklaus. Umweltfragen etwa standen vor der Tür. Und so richtete man die Plattform «5 vor 12» ein, bei welcher das Publikum von der Holzbrücke aus kabarettistische Produktionen auf der Aare auf Höhe des Zielemps mitverfolgen konnte. «Lange gehalten hat sich keiner der nonkonformen Auftrittsmoden», bilanziert Niklaus. Das klassische Setting mit sitzendem Publikum und den Hauptdarstellenden vor Augen setzte sich durch.

Im Nachgang schon fast rührend hört sich eine Anfangsepisode mit den Birkenmeiers an. «Ich entsinne mich, dass sie sich im Zielemp völlig verlassen vorkamen und gar die Bühneninfrastruktur noch selbst zu richten hatten, weil ihnen kein Support zur Verfügung stand», sagt Niklaus halb amüsiert. Jedenfalls habe ihn seinerzeit Sibylle Birkenmeier vorwurfsvoll mit einer Beule auf deren Stirn konfrontiert, «weil sie bei der Montage von einem Beleuchtungskörper getroffen wurde.» Darob seufzt Niklaus noch heute leise. Die Birkenmeiers sind übrigens heuer wieder dabei. Und ist das Geschwisterduo jetzt vor solcherlei Erfahrungen behütet? «Da bin ich mir sicher. Der Organisationsgrad ist heute um ein Mehrfaches besser.»

Niklaus, das fällt auf, ist kein Nostalgiker, der sich in den Satz «Früher war alles besser» flüchtet. Auch Romantik und Verklärung sind ihm fremd. «Kabarett wollte nie die Welt verbessern, Kabarett ist Unterhaltung. Das sagen die Kabarettisten selbst», meint er. Aber er weiss: «Ein Kabarettprogramm zu schreiben, das ist Knochenarbeit.» Und man sei in dieser Branche schnell weg vom Fenster, wie das Beispiel von Andreas Thiel zeige. Der soll bei Veranstaltern und Publikum ob seiner etwas gar pointierten Ansichten in Ungnade gefallen sein. Das Kabarettpublikum sei nicht immer grosszügig, sagt Niklaus. «Kabarettisten kennen ihr Publikum gut.»

Nummernkabarett verschwunden

«Wissen Sie, zu Beginn der Kabarett-Tage gabs fast ausschliesslich das Nummernkabarett, wo eine Sequenz der andern folgte. Heute erzählen Kabarettisten eine Geschichte, treten fast ausnahmslos allein auf. Grössere Ensembles sind praktisch nicht mehr zu finden», beschreibt Niklaus die Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte. Und wie ging er eigentlich mit Kabarettisten um, die auf seinem Radar auftauchten und die dann bei näherer Prüfung doch durchfielen? «Man liess sie es wissen», sagt Niklaus.

Oder man zeigte es ihnen. War ein Programm nämlich unpassend, so verliess Niklaus mit Kolleginnen und Kollegen der Programmkommission die Vorstellung frühzeitig. Und alle machten sich dann einvernehmlich auf, etwa zu einer Filiale eines amerikanischen Speiseeisproduzenten. «Wir schauten uns in der Pause jeweils ins Gesicht und sagten einfach: Häagen-Dazs.» So etwas wie ein Urteil. Niklaus lacht.