Veröffentlichung
Genervt und geplagt, gequält und verfolgt: Sechs Jahrzehnte seines Schaffens im Buch «Jörg Binz» vereint

Im Buch «Jörg Binz» steckt Leidenschaft à discrétion. Wer sich darin verliert, dem rückt der Oltner Maler einen zünftigen Schritt näher.

Urs Huber
Merken
Drucken
Teilen
Jörg Binz mit Selbstbildnis auf Staffelei und Buch in Händen; das Ganze ist eigentlich auch schon fast ein Gemälde.

Jörg Binz mit Selbstbildnis auf Staffelei und Buch in Händen; das Ganze ist eigentlich auch schon fast ein Gemälde.

Bruno Kissling

Jetzt ist es da, das Buch, von dem diese Zeitung schon im April berichtet hat. Es liess auf sich warten, Corona wegen, verständlich. Dass jetzt auch die spätherbstliche, grosse Vernissage im Oltner Kunstmuseum abgesagt werden musste ebenso. «Vier Jahre hat das ganze Projekt gedauert», sagt Jörg Binz und lehnt sich zurück. Sein Gestus offenbart bei aller Freude auch eine gewisse Erleichterung.

Er, der mittlerweile 77-Jährige, ist wieder frei. Aber Selbstzweifel und -kritik sind ihm keineswegs fremd. «Ich hätte mir und uns viel Energie und Zeit sparen können, wäre ich systematischer vorgegangen im Archivieren meiner Werke.» Denn Urs Strähl, einst Leiter der Fachklasse Grafik Luzern und Initiator dieses Buch-Projekts, «hat in unermüdlicher, detektivischer Arbeit die andere, bis anhin unbekannte Seite des Schaffens von Jörg Binz zutage gefördert und eine völlig ungeahnte Vielfalt entdeckt», so Tarcisius Schelbert, einer der Mitwirkenden am Werk, in seiner Vernissagerede, die nie gehalten werden konnte. Strähl habe Binz zum Projekt überredet, bearbeitet, genervt, geplagt, gequält, geärgert, beschattet, ja verfolgt.

Buchfront ganz nüchtern: Jörg Binz

Sechs Jahrzehnte seines Schaffens vereint das Werk – mit frontalem Beginn. «Das Buch ist streng komponiert. Keine Bildlegenden auf der Bildseite, keine Angaben unter den Texten, diese sind hinten im Buch aufgelistet», so Schelbert weiter. Das habe nicht nur grafische Gründe. «Wer kennt nicht in einer Ausstellung das Tauziehen zwischen Werk und Legende, zwischen Bildtitel, technischen Informationen und Jahreszahl, die alle vom Bild ablenken. Hier wird die Voreiligkeit des Lesens unterbunden, damit wir den Bildern, diesen armen Kindern der Kunst, mehr Aufmerksamkeit widmen.» Ein Verdienst von Designerin Patrina Strähl. Deshalb: Der Buchdeckel zeigt ein Selbstporträt Binz’ von 1963, lässt die Nähe deutscher Expressionisten spüren. Dix, Beckmann, Macke, Kirchner.

Titel: «Jörg Binz». Punkt. Spartanisch zwar, aber eine Reduktion aufs Maximum. Muss man mehr wissen? Nicht, wenn der Name Programm ist. Und der Name Binz ist Programm. Denn Binz ist mehr als der Buchdeckel glauben macht. Binz ist Realist, Surrealist, Naturalist; eigentlich ein Vulkan der Stile. Literat obendrein. «Ich konnte mich nie über eine längere Zeit an eine bestimmte Richtung binden, suchte immer das andere», erklärt er. Woanders sein also.

Binz bittet Modelle jeweils ins Atelier

Bald zu jeder der knapp 120 Farbabbildungen im Buch wüsste er eine Geschichte zu erzählen. Natürlich wären nicht alle so aussergewöhnlich wie jene, die zum Porträt des Tiger-Wirts Alfred Grolimund führte. Binz wagte ihn seinerzeit noch nicht einmal zu fragen, ob er, Binz, ihn, Grolimund, porträtieren dürfe. «Der hätte mich nämlich wegen einer Verwechslung beinahe mal aus der Beiz geworfen», sagt Binz heiter. So etwas verunsichert. Aber weil Binz den Grolimund originell fand, nahm er den Umweg über Rita, die heutige Wirtin und damalige Kellnerin im Tiger. Es klappte. «Er nahm sogar den beschwerlichen Weg zum Atelier im vierten Stock auf sich», sagt Binz heute mehr bewundernd und anerkennend, dass ihm so einer die Aufwartung machte. Denn Binz bittet seine Modelle jeweils ins Atelier. «Es ist einfach viel direkter», sagt der Maler und Zeichner. «Zudem kann man dabei reden.» Dann streicht er sein Haar nach hinten und schweigt.

Arzthelferin mit besonderer Begabung

Nicht für lange; denn da taucht bei der Durchsicht gegen Ende des Buches das Porträt einer jungen Frau auf. Die Arzthelferin, die von ihrem Arbeitgeber als Abschiedsgeschenk eine Radierung Binz’ geschenkt bekommen sollte, sich aber ein Porträt wünschte. Komplizierter Fall. Binz lacht hell auf. «Der Arbeitgeber stimmte zu, aber das kam logischerweise viel teurer.»

Natürlich, auf den knapp 200 Seiten mischen sich auch Schreibende unter das bildnerische Wirken der Hauptperson. Solche, die mit ihm den virtuosen Pas de deux aufnehmen. Freunde, Bekannte, mit zeitgenössischen Beiträgen oder solchen der Epochenliteratur. «Binz und Lenz», «Binz und Capus», «Binz und Andersch» oder «Binz und Tschechow». Ab und an wagt sich die Hauptfigur des Buches allein aufs literarische Parkett. Erinnerungen. Zwei Mal. Mehr davon im Buch wäre übrigens sehr gut zu ertragen gewesen.

«Glaubte damals, die Ölfarben nie in den Griff zu bekommen»

Früher habe er mehrheitlich nachts gearbeitet. Heute eigentlich nur noch morgens. Aber er arbeitet noch. «Ja, was soll ich sonst machen. Ich kann ja nichts anderes.» Binz nickt, öffnet dann einen der Schränke mit ausladenden Schubladen, die er in seinem Atelier stehen hat. Dort liegen Werke, die der bibliophilen Weihe entgangen sind. Das macht sie nicht minder bemerkenswert. «Gsehsch dört, s’het scho e Riss gää», sagt er und flucht halblaut vor sich hin. Nicht lange, denn nur kurz darauf erzählt er, wie er als 16-Jähriger eine Kasten Ölfarbe bekommen habe, dieser ihn zur Verzweiflung und zum Heulen brachte. «Ich glaubte damals, die Praxis mit den Ölfarben nie in den Griff zu bekommen.» Der Maler lacht laut auf, dann hält er inne. Und schon ist er gedanklich wieder woanders, der Binz, und lässt alle andern in der Gewissheit zurück, dass er die Ölfarben in den Griff bekommen hat.

Jörg Binz, Edition Patrick Frey, broschiert, 200 Seiten, 114 Farbabbildungen, 20.3 × 25.9 cm, ISBN: 978-3-907236-09-3