Die Gefahr eines Schwallwassers sei äusserst gering. Andreas Appenzeller, Vorsitzender der Geschäftsleitung Adev (Arbeitsgemeinschaft für dezentrale Energieversorgung), bezeichnet ein solches Vorkommnis als effektiven Worst Case, als schlechtesten Fall eben. Die Adev muss es wissen; die Firma mit Sitz in Liestal betreibt am Dünnernlauf in Olten ein Kleinkraftwerk. Und dessen Anlage schliesst ein Schwallwasser nicht aus. «Wasserablässe sind inhärent zum Kraftwerksbetrieb», sagt der Fachmann hiezu. Will heissen: Schwallwasser gehören systembedingt dazu. Auch wenn solche, wie sie unterhalb grösserer Kraftwerke vorkommen, an der Dünnern nicht zu erwarten sind: Sie sind nicht zu unterschätzen. «Am letzten Freitag musste die Rechenreinigungsanlage repariert werden, was ein langsames und kontrolliertes Absenken des Stauspiegels durch die Adev erforderte», so Appen-
zeller.

Dröhnendes Wasser

Das war nicht verborgen geblieben. Der Dünnernanrainer Bruno Rütsch hatte am 24. Juni kurz nach 14 Uhr beobachtet, wie die zuvor wenig Wasser führenden Dünnern innert Kürze um «vielleicht um 30 cm anschwoll», wie er sagt. Zuvor sei bloss in der Mittelrinne Wasser geflossen, so Rütsch. Aufmerksam geworden auf den Pegelanstieg sei er durch das Dröhnen der Wassermassen. Beunruhigend für ihn, denn Rütsch als genauer Beobachter seiner näheren Umgebung weiss: Bei sehr schönem Wetter und tiefem Wasserstand kommt es vor, dass etwa Jugendliche in die Dünnernkanalrinne einsteigen und sich dort Radio hörend und Zigaretten rauchend die Zeit vertreiben. «Unter Umständen könnten Gäste dieser Art von einem solchen überraschend auftretenden Schwallwasser betroffen sein, fortgespült werden und ertrinken», meint Rütsch. Und einen entsprechenden Warnhinweis habe er auch nicht ausmachen können. Die Dünnernrinne, kein Ort für Happenings also. «Bei Netzausfall oder Wartungsarbeiten wie letzten Freitag kann das Wasser aber nicht plötzlich da sein, es steigt nur langsam innerhalb mindestens vier Minuten bis zu 15 cm auf der ganzen Breite an», hält Appenzeller dagegen.

Jedenfalls wollte sich Rütsch nicht als heimlicher Wisser um diese – aus seiner Wahrnehmung – gefährliche Situation sehen und orientierte umgehend die städtische Direktion Öffentliche Sicherheit und die Betreiberin des Kleinkraftwerks. Nicht ohne Wirkung. Wie Franco Giori, Leiter Öffentliche Sicherheit, auf Anfrage erklärt, habe eine diesbezügliche Nachfrage bei der Kraftwerksbetreiberin stattgefunden. Wer soll zuständig sein für das Anbringen von Warnschildern und wann sollen diese angebracht werden?

Im August ist es so weit

Die Beobachtung Rütschs, wonach bislang keinerlei Warnschilder angebracht worden seien, hat sich denn auch bewahrheitet. Die fraglichen Beschriftungen seien bereits in Auftrag gegeben, wie die Adev auf Anfrage erklärt. «Bis Anfang August werden die Warnhinweise angebracht sein», so Appenzeller, der darauf hinweist, dass in der Nacht auf vergangenen Samstag die Dünnern sehr schnell auf natürliche Weise anschwoll; um das Dreifache beziehungsweise auf 15 m3 pro Sekunde.

Schwallwasser sind also nicht die einzigen überraschenden Ereignisse, die in der Dünnernrinne vorkommen können. «Dies sind die Gefahrenmomente im Flussbett, die auch tagsüber vorkommen können, ohne Einfluss der Kraftwerksanlage», führt Appenzeller aus. Oberhalb der Adev-Kraftwerksanlage habe es keine andere Kraftwerksanlage, daher sei ein solcher Anstieg rein natürlichen Ursprungs – wegen der heftigen Gewitter in letzter Zeit.