Als ich kurz vor 15 Uhr in der «Schlosserei» ankomme, kann ich mich kaum noch in das Lokal hineinzwängen: Von der Bar bis zum Eingang stehen über 80 Schwimmfreudige, die sich versammelt haben, um zum ersten gemeinnützigen Oltner Niklausschwimmen in der Aare anzutreten. Die Schwimmer legen in der Aare die Länge der Badi zurück, welche rund 200 Metern entspricht.

Sogleich begebe ich mich zur Anmeldung, wo ich unterschreiben muss, dass ich selber hafte, falls mir beim Schwumm etwas zustösst. Obwohl mich dies und die überall rumstehenden Rettungskräfte etwas beunruhigen, bleibe ich zuversichtlich. Schliesslich kenne ich mich als Taucherin mit kalten Gewässern aus und bin mit einem 7-mm-Neoprenanzug bestens ausgerüstet.

In der Damengarderobe entstehen Diskussionen, als ich diesen anziehe. Ungefähr die Hälfte der Frauen trägt ebenfalls einen Anzug, die anderen trauen sich im Bikini ins kalte Wasser. Von der Äusserung einer Anwesenden, dass es «Bschiss» sei, einen Anzug zu tragen, lasse ich mich nicht beirren und vollende mein Outfit mit dem Bademantel, den Finken und der Nikolauskappe.

Aareschwumm

Aareschwumm

Mehr Schwimmer als erwartet

Im Restaurant erklärt Stefan Nünlist, Präsident des Yachtclubs, den Ablauf. «Wir haben mit 20 bis 30 Personen gerechnet, nun sind es über 80», so Nünlist erfreut. «Wir schwimmen in 15er-Gruppen, die Grünen beginnen», fügt er an. Ein Blick auf mein Handgelenk verrät: Ich muss mit meinem neongrünen Armband als eine der Ersten dranglauben. 7,6 Grad wurden in der Aare gemessen – ganz schön kalt.

Daher habe ich mit einem Tauchertrick vorgesorgt: In meiner Tasche befindet sich warmes Wasser, welches ich mir in der Badi in den Neoprenanzug leere. Die Dame aus der Garderobe würde wohl wieder auf «Bschiss» beharren, und dieses Mal müsste ich ihr vielleicht sogar zustimmen. Als die ersten mutigen Schwimmer in Badehosen in die Aare steigen und ihr Fluchen und Kreischen durch die ganze Badi zu hören ist, ist mir mein Mogeln jedoch ziemlich egal.

Reporterin Kelly Spielmann beim Aareschwumm

Reporterin Kelly Spielmann beim Aareschwumm

Kurz darauf bin ich an der Reihe. Als mein Fuss und das Wasser aufeinandertreffen, kann auch ich einen kurzen Aufschrei nicht unterdrücken. Sobald ich einen Kessel kalten Wassers über meinen Körper schütte, wird mir wieder bewusst, dass selbst das warme Wasser in meinem Anzug nur begrenzt hilft. Langsam schleicht sich die Kälte am Neopren vorbei und sticht meine Haut. Nach rund 100 Metern Schwumm erinnere ich mich wieder daran, weshalb ich seit sechs Jahren auf Wintertauchgänge verzichte: Die eisige Kälte des Wassers nimmt einen Körperteil nach dem anderen ein, stechend, schmerzend, betäubend. Ich spüre meine Hände nicht mehr, meine Füsse schmerzen. Doch die Zuschauer, die sich am Ende der Badi aufgestellt haben und den Schwimmern zujubeln, helfen mir, den letzten Teil der Strecke durchzustehen.

Aufwärmen im Hot Tub

Der nächste Schock erwartet mich nach dem ungefähr 3-minütigen Schwumm beim Aussteigen aus der Aare, als ich nass an die 3 Grad kalte Luft trete. Ich schlüpfe in den Bademantel, der mir gereicht wird, und mache mich sofort auf den Weg zum Hot Tub. Im heissen Wasser wärmen sich die Schwimmer auf und berichten von ihrem Aareschwumm: «Das war eiskalt, aber für den guten Zweck hat es sich gelohnt», hört man einen Schwimmer sagen.

«Zu dieser Jahreszeit in der Aare zu schwimmen, ist eine Herausforderung», sagt Andy Spielmann, der neben mir sitzt. Dieser habe er sich natürlich stellen wollen. «Und gleichzeitig konnte ich noch etwas Gutes tun – selbstverständlich bin ich nächstes Jahr wieder dabei», fügt er an. Auch ein weiterer Hot-Tub-Nachbar will nächstes Jahr wieder mitschwimmen. Im heissen Wasser sitzend fällt mir eine Antwort leicht: «Dann schwimmen wir nächstes Mal zusammen!», stimme ich etwas übermütig zu. Ob ich das wohl einhalten werde? Wir werden sehen.