Bereits mit der Zweitauflage scheint klar: Die Kirchgasse ist der Ort der Orte, wo in Olten 1.-August-Feiern abgehalten werden. Man nimmt zwar in Kauf, einen Teil des Feuerwerks von dort nicht geniessen zu können. Aber das schmälert die Stimmung keineswegs.

Vielmehr bewegt man sich dann halt hin zum Aareufer, staunt dort über die ganze Farben- und Formenpracht am Nachthimmel und kehrt dann zurück an den Ort der Eintracht, die Kirchgasse, wo die Feier nach den offiziellen Programmpunkten ihren ungenierten Lauf zu nehmen pflegt.

Oltner Wurzeln

Als Festredner wirkte Manfred Rist, ein alt Oltner mit dem – wie sich zeigen sollte – Flair für seine einstige Heimatstadt. Es brauche eine gewisse Reife und Geduld, um die Schönheiten und den Charakter Oltens zu entdecken, meinte er. Und er formulierte aus, wodurch Charakter und Schönheiten definiert sind. Nicht dass er den Anwesenden – wie das bei solchen Gelegenheiten noch häufig der Fall ist – den Speck durchs Maul zog, aber ein paar Reminder über die Qualitäten einer «Kleinstadt», wie er Olten nannte, hatte der Auslandskorrespondent der NZZ schon auf Lager.

Olten sei eine Stadt mit Humor, wo Bewohner an der Grundstücksgrenze vor dem bissigen Hund warnten und gleichzeitig eine Strichliste bisheriger Opfer präsentieren würden. Oder aber: Man habe wohl vergessen, an der Fassade beim Kino Capitol den Schriftzug «Tonfilm» zu entfernen. «Es erinnert an die Zeit, als es noch Stummfilme gegeben hat», so Rist. «Also lasst das um Himmels Willen stehen.» In Olten also ortete Rist jene Portion Bodenhaftung, die – in Anspielung auf Zürich – ohne Hafenkran auskomme. Seine Worte glichen der Liebeserklärung an eine verflossene.

Tolggen gefunden

Es war bei der Ansprache eigenartig ruhig in der mit Menschen sehr gut gefüllten Kirchgasse. Ein gutes Zeichen. Klar: Rist fand auch jenen Tolggen im Reinheft der Stadt, der schon seit Jahrzehnten immer wieder ruchbar und alle paar Jahre an die Oberfläche gespült wird. Er bemängelte den Umstand, dass Olten, bedingt durch Verlauf von Eisenbahnlinie und Aare, noch immer eine zweigeteilte Stadt sei, zu deren Vereinigung die Unfreundlichkeit der Unterführungen wohl wenig beitrage. Er wünschte sich in der Schützi ein Parkhaus von derselben ästhetischen Prägnanz wie jenes beim Kantonsspital. Es war der Blick eines Momentanheimkehrers auf eine Stadt, die man eben auf Distanz am besten erträgt, der man deshalb die vielen wenig spektakulären Seiten verzeiht, beziehungsweise an ihr zu schätzen lernt.

Er wisse nicht, wie die Probleme zu lösen seien und er verzichte auf Ratschläge, so Rist. Und er verzichte auch auf die spezifische Note zum Nationalfeiertag, weil das andernorts schon gemacht worden sei. Aber er wünschte allen viel Spass bei der Wiederentdeckung ihrer Stadt, die von viel Grün durchzogen sei und den Namen Gartenstadt zu Recht trage.