Stellen Sie sich einen virtuellen Marktplatz vor. Im Angebot sind Dienstleistungen, die jeder Händler von seinem Stand aus selber vermarktet: Rasen mähen, Nachhilfe geben, Backen, Gartenhilfe, Steuererklärung ausfüllen und so weiter. Sie schauen in Ihr Portemonnaie. Nach Geld suchen Sie dort aber vergeblich, denn auf diesem Markt ist nur eine Währung von Wert: Zeit. Und die wird gegen die Zeit anderer eingetauscht.
Auf dem Oltner «ZeitTauschMarkt» geschieht genau dies. Es ist ein neues Projekt des Vereins «Olten im Wandel» und funktioniert fast ohne Geld. «Es muss sich nicht immer alles um Geld drehen», sagt Andrea Hänggli, die das Projekt im Dezember 2018 ins Leben gerufen hat. Schweizweit existieren bereits mehr als ein Dutzend solcher Tauschnetzwerke, die sich in den letzten Jahrzehnten beispielsweise in Luzern etabliert haben.

So funktionierts

Jedes Mitglied erhält nach der Anmeldung auf dem Online-Marktplatz und der Einzahlung des Mitgliederbeitrags von 19 Franken ein eigenes Profil sowie ein Zeitkonto mit einem Startguthaben von einer Stunde. Das Mitglied kann sich dann auf dem virtuellen Marktplatz bewegen und Dienstleistungen anbieten oder in Anspruch nehmen. Die Dauer der verrichteten Arbeit wird dem Konto des Mitglieds, je nachdem ob es sie geleistet oder in Anspruch genommen hat, entweder gutgeschrieben oder belastet. Genauso, wie bei einer normalen Verkaufstransaktion mit Geld. Auch möglich ist die «Vermietung» von Gegenständen oder Werkzeugen für zum Beispiel eine Stunde pro Tag.

«Man muss nicht zwingend bei demjenigen arbeiten gehen, von welchem man eine Dienstleistung erhalten hat», ergänzt Initiantin Hänggli. «Man kann auch noch Wochen später bei einem anderen Mitglied etwas leisten und sich diese Zeit zurückholen.»

Der Massstab der geleisteten Arbeit bleibe dabei stets die Zeit: Eine Stunde Haare schneiden entspricht einer Stunde Steuererklärung ausfüllen, unabhängig von den jeweiligen Qualifikationen und Fähigkeiten der Anbieter. «Wir gehen natürlich nicht davon aus, dass alle Mitglieder Profis sind – das muss man auch nicht. Man sollte aber mit dem Handwerk vertraut sein und die Arbeit sowohl gerne als auch gut machen», so Hänggli.

Olten zusammenbringen

«Meine Hauptmotivation für das Projekt ist, Leute zusammenzubringen», erklärt die 38-jährige Andrea Hänggli, die das Projekt leitet. Die studierte Sozialwissenschaftlerin engagiert sich auch im Kernteam von «Olten Im Wandel» für mehr Austausch und Nachhaltigkeit in der Stadt. «Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich mitbekommen, dass es solche Tauschbörsen in der Schweiz gibt, und habe mir gedacht, dass es toll wäre, wenn auch in Olten so was existieren würde.» Hänggli habe sich darauf mit Siv Lehmann, Anna-Lena Holm und Patrick Weibel, die sie unter anderem durch ihre Tätigkeit bei «Olten im Wandel» kennt, zum OK des «ZeitTauschMarkts» zusammengeschlossen und das Projekt in Angriff genommen. Nach einer ersten Probephase sei es nun «öffentlichkeitstauglich».

Das Projekt richtet sich vor allem an Oltner sowie Interessenten aus der Umgebung. «Es macht Sinn, das Projekt in einem regionalen Rahmen zu halten», erklärt Hänggli. «Wenn ich viele Kilometer fahren muss, um jemandem beim Umzug zu helfen, ist das wenig sinnvoll.» Seit Ende Dezember haben sich mehr als 30 Mitglieder aus der Region dem Projekt angeschlossen, vier davon in den vergangenen sieben Tagen.

Laut Hänggli sei das im Vergleich zu schon länger bestehenden Tauschbörsen bereits sehr viel. «Mein Wunsch war es, bis im Sommer 30 Mitglieder für das Projekt zu gewinnen – das haben wir bereits übertroffen.» Das OK, Interessierte und die Mitglieder treffen sich regelmässig am letzten Sonntag des Monats im Cultibo Olten für einen Austausch. «Mir ist wichtig, dass das Ganze nicht nur online geschieht. Bei unseren Treffen können vor Ort neue Bekanntschaften und Tauschgeschäfte entstehen», so Hänggli. Dort biete sich auch die Gelegenheit, gerade den älteren, weniger technisch bewanderten Interessenten die Onlineplattform zu erklären.

Talente fördern

Den Erfolg des Projektes will die Projektleiterin aber nicht nur an der Anzahl der Mitglieder messen. Schliesslich sind die getätigten Tauschhandel wertvoller. «Wie viele getätigt worden sind, weiss ich nicht genau», gibt sie zu, «aber die bisherigen Tauschgeschäfte waren sehr vielfältig.» Sie selbst habe die Hilfe eines Mitgliedes zur Verbesserung ihrer Englischaussprache beansprucht.

Ein weiteres Ziel des Projektes sei, den Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, ihren Talenten und Leidenschaften nachzugehen. «Viele denken sofort ‹Ich kann ja gar nichts!›, weil ihnen im ersten Moment nichts einfällt, das sie anbieten könnten», sagt sie und fährt fort: «Aber ich glaube fest daran, dass jeder Fähigkeiten hat, die er oder sie im ‹ZeitTauschMarkt› einbringen kann.»