George Schifferle, Sie standen die vergangenen sechs Jahre beim FC Olten an der Seitenlinie. Zuerst als Assistent von Fredy Schmid, die letzten zwei Saisons als Chefcoach. Welches war die schönste Saison?

George Schifferle: 2011/12, als wir das Double holten: Solothurner Cupsieger und Zweitliga-Meister. Das war eine geile Saison. Vor allem, weil wir vor dieser Saison das Kader komplett ausgemistet hatten und diesen schnellen Erfolg niemals erwartet hätten. Es hat einfach alles gepasst. Leider durften wir damals nicht aufsteigen, für den Verein war die 2. Liga inter finanziell nicht tragbar. Das war schade, denn für die Mannschaft wäre es der bessere Zeitpunkt für den Aufstieg gewesen als zwei Jahre später. Alle Spieler waren noch richtig im Saft.

Die schwierigste Saison war wohl die aktuelle mit dem kräftezehrenden Abstiegskampf?

Vor allem die Rückrunde war zum Verleiden. Schuld daran waren extrem viele Absenzen: Schule, Krankheiten , Verletzungen. Ob es immer gestimmt hat oder ob es Ausreden der Spieler waren, ist schwierig zu sagen. Es gab sogar Spieler, die ohne Grund einfach nicht mehr auftauchten. Oder weil sie nicht in der Startelf standen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Einstellung der Jungs hat mich teilweise sehr gestört. Es ist manchmal nicht einfach, Fussball und Beruf oder Schule unter einen Hut zu bringen, aber auch mein Assistent Hasan Osaj und ich opfern unsere Freizeit. Wir haben versucht, unsere Linie durchzuziehen, schliesslich müssen wir am Ende den Kopf hinhalten. Doch es war wirklich nicht einfach.

Sie haben sich in der Rückrunde über die fehlende Unterstützung von Vereinsseite beklagt. Was haben Sie konkret vermisst?

Hasan und ich waren zwischenzeitlich nicht nur das Trainerduo der 1. Mannschaft, sondern wir waren praktisch der ganze Verein. Am 4. Januar begannen wir mit der Vorbereitung für die Rückrunde, vom Vorstand haben wir bis Ende März nie jemanden gesehen. Wir haben immer alles selber gemacht: Die Reisen an die Auswärtsspiele organisiert, für einen Masseur geschaut und alle gemeinsamen Essen stets selber bezahlt. Kann sein, dass es an den Schulden des Vereins liegt, aber so zwei, drei Mal pro Saison müsste da schon etwas kommen. Wir spielen auch seit fünf Jahren im gleichen Dress, das kann es einfach nicht sein.

Am Ende hat es trotzdem gereicht. Der FC Olten bleibt interregional. Wie war dies möglich trotz der Baustellen?

Weil sich die Mannschaft im richtigen Moment zusammengerissen hat. Von der Einstellung her ist es schon eine sehr spezielle Truppe. Wenn die Spieler motiviert sind, kann dieses Team jeden Gegner in dieser Liga schlagen. Wenn nicht, kann es aber auch gegen jeden verlieren. Hasan und ich haben immer gesagt, wir wollen nicht absteigen. Doch wenn es passiert, können wir es nicht ändern. Jeder einzelne Spieler musste sich fragen, ob er weiterhin in der 2. Liga inter gefordert werden oder wieder in der 2. Liga herumgurken will. Früher fluchte ich selber über die 2. Liga inter, mittlerweile muss ich sagen, es ist eine geile Liga.

Die richtige Liga für den FC Olten?

Für die Spieler auf jeden Fall. In der 2. Liga gewannen wir unsere Spiele auch mit 75 Prozent Leistung. In der 2. Liga inter ist jeder Match ein Cup-Fight. Davon profitieren die Spieler, in der 2. Liga können sie sich irgendwann nicht mehr weiterentwickeln. Ob es für den Verein die richtige Liga ist, wird sich zeigen.

Wann haben Sie entschieden, dass Sie nach dem heutigen Spiel gegen Wohlen II aufhören?

Schon im März. Mit den unzähligen Absenzen haben mir die Spieler in der Vorbereitung für die Rückrunde keine grosse Freude gemacht. Kam dazu, dass es bei mir auch beruflich zu einer Veränderung kam. Unsere «Bude» wird geschlossen. Ich begann im April mit einer Weiterbildung. Dadurch wurde es immer schwieriger, montags, mittwochs und freitags am Abend auf dem Platz zu stehen. Es war Stress pur, das tue ich mir nicht mehr an. Wenn ich etwas mache, dann richtig. Ich war mir schon vor einem Jahr nicht mehr sicher, ob ich noch eine Saison anhängen soll. Doch die Jungs haben mich damals umgestimmt.

Wann haben Sie der Mannschaft mitgeteilt, dass Sie nun definitiv aufhören?

Ich habe lange gewartet. Erst vor knapp drei Wochen verkündete ich es offiziell. Die Reaktion der Spieler war sehr schön. Ab diesem Moment sahen sie den Nicht-Abstieg auch als eine Art Abschiedsgeschenk für Hasan und mich. Ich bin überzeugt, dass den Spielern ein frischer Wind guttut. Nach sechs Jahren braucht es eine Änderung.

Was überwiegt nun: Die positiven oder die negativen Erinnerungen?

Über die ganzen sechs Jahre gesehen gab es viel mehr Positives. Wir hatten immer lustige Abende hier oben im Klubhaus und dazu sensationelle Trainingslager im Ausland. Die ersten vier, fünf Jahre waren wirklich cool. Die Kameradschaft im Team stimmte und wir konnten jedes Jahr zwei, drei eigene Junioren in die erste Mannschaft einbauen. So wie es eigentlich bei einem Verein, der in der 2.Liga inter spielt, sein sollte. Das ist auch das, was mich nachdenklich stimmt, wenn ich an die Zukunft des FC Olten denke. Der Verein hat praktisch keine eigenen Junioren mehr. Keine C-Junioren, keine B-Junioren, das ist ein grosses Problem.

Aber nicht mehr Ihres? Fällt die Mannschaft nach Ihrem Abgang auseinander?

Ich hoffe, dass die meisten Spieler bleiben. Ich kann mir aber vorstellen, dass zwei, drei Spieler mal eine neue Herausforderung bei einem anderen Klub suchen. Der Rest wird wohl zusammenbleiben. Es wäre gut, wenn der Verein zusätzlich vier, fünf neue Spieler verpflichten könnte. Ein Kader von 20 Spielern wäre optimal. Hätten wir dieses Jahr vier, fünf Spieler mehr gehabt, wäre sicher mehr dringelegen. Ein Konkurrenzkampf hätte einigen Spielern Beine gemacht.

Haben Sie einen Tipp für Ihren Nachfolger Juan Castro?

Es ist wichtig, dass er die Kameradschaft im Team weiterhin pflegen kann. Juan Castro kennt natürlich sehr viele Fussballer in der Region. Das ist wertvoll, denn es braucht, wie gesagt, ein paar Zuzüge. Doch Geld ist nicht die Lösung. Ich weiss nicht im Detail, wie die finanzielle Situation des Vereins aussieht. Aber wenn man jetzt anfängt, einigen Spielern hinter dem Rücken der anderen Löhne zu bezahlen, kommt es nicht gut. So etwas lässt sich nie verheimlichen und sorgt für Unstimmigkeiten im Team. Auf der anderen Seite muss ein Verein, der in der 2. Liga inter spielt, den Spielern schon ein bisschen einen Anreiz bieten können, sonst kommt keiner. Und man müsste sich überlegen, ob nicht doch die 2. Liga die bessere Option wäre.

Wie werden Sie Ihre zusätzliche Freizeit nutzen?

Ich gehe jeden Mittag schwimmen. Das ist manchmal auch ein bisschen ein Stress. Jetzt kann ich auch mal am Abend in die Badi. Wahrscheinlich werde ich zudem bei den Veteranen einsteigen und endlich wieder selber Fussball spielen. Und zu Hause gibt es auch einiges zu tun. Die letzten fünf Jahre konnte ich am Haus nur ein paar Flickarbeiten erledigen, ich habe aber noch zwei, drei grössere Projekte.

Und Sie können in aller Ruhe die Europameisterschaft schauen.

Genau. Ich freue mich vor allem darauf, zu bräteln und ein Bierchen zu trinken, zusammen mit einer Gruppe aus dem Quartier. Wir werden den Fernseher ins Freie stellen und die Spiele mitverfolgen.

Wer wird Europameister?

Ich befürchte, dass die Franzosen das Rennen machen werden. Wahrscheinlich werde ich noch hundert Franken auf sie setzen. Die Daumen drücke ich eher den Italienern und den Portugiesen. Die gefallen mir einfach. Was die Schweiz macht, ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Das ganze Theater um Inler hat mich gestört. Nicht weil er ein Oltner ist, sondern weil er der Einzige ist, zu dem die anderen hochschauen.