Notfallstation Olten
Fasnacht, Ferienende, Alkohol: Pflegepersonal bewahrt auch in hektischen Situationen Ruhe

Selbst in Ausnahmesituationen kommt es in den Solothurner Spitälern fast nie zur Eskalation. Damit das auch weiter so bleibt, werden Mitarbeiter des Oltner Spitals in verbaler Deeskalation weitergebildet.

Hans Peter Schäfli
Merken
Drucken
Teilen
Haupteingang Kantonsspital Olten
7 Bilder
Der Eingang zur Notfallstation des Oltner Spitals.
Die Notfallstation des Kantonsspitals Olten.
Eine kurze Lagebesprechung: Auf den orangen Zetteln am Pinboard sind die ersten Notizen zu jedem Notfall nachzulesen.
Es gibt zwar eine Rohrpost im Oltner Spital, aber Röntgenbilder werden so transprtiert.
Der Röntgenapparat im Kantonsspital Olten
Auf der Notfallstation Kantonsspital Olten

Haupteingang Kantonsspital Olten

Hans Peter Schläfli

Die Skiferien gehen zu Ende und es ist Fasnacht. Das bedeutet erfahrungsgemäss Hochbetrieb in den Notfallstationen der Solothurner Spitäler. Doch in den Gängen des Kantonsspitals Olten ist am Freitagabend nicht viel von einer Ausnahmesituation zu spüren. Es ist ruhig, Ärztinnen und Pflegerinnen wirken souverän, zielstrebig und trotzdem gelassen. In der – zumindest an diesem Abend – von Frauen dominierten Sphäre kommt keine unnötige Hektik auf.

Eine Handvoll orangefarbener Zettel hängt an der Magnetwand im Koordinationszimmer. A3, D, A6 steht darunter mit dickem Filzstift notiert. Es sind die Codes, an denen alle sofort erkennen, wie es mit jedem Patienten weitergehen wird. Sporadisch treffen sich Ärztinnen und Pflegerinnen vor der Magnetwand, besprechen einen Fall und telefonieren, um weitere Massnahmen einzuleiten.

Wertsachen: Nur sicher aufbewahren schützt vor Diebstahl

Orte, wo viele Menschen ein- und ausgehen, sind ein kongruentes Abbild der Gesellschaft und so werden auch die Spitäler nicht von Dieben verschont. «Das Thema wird ernst genommen, ist jedoch zum Glück bei uns nicht akut», sagt dazu Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler AG soH. In jedem Patientenzimmer gebe es abschliessbare Schränke. «Trotzdem informieren wir die Patienten vor dem Eintritt ins Spital, dass es am besten ist, Wertsachen zu Hause zu lassen.»
Bei einem Notfall sei das natürlich nicht möglich, da komme es vor, dass jemand eine teure Uhr oder eine Perlenkette trage. «Solche Wertsachen bewahren wir in einem Sicherheitsbeutel mit Unterschrift und einer genauen Auflistung des Inhalts auf», erklärt Send. Dieser Beutel werde später dem Patienten oder den Angehörigen unverändert und verschlossen zurückgegeben.
Aus dem Kantonsspital Baselland wurden schon ein Ultraschallgerät für die Physiotherapie, ein wertvolles Bild oder eine Kaffeemaschine gestohlen. So weit ist es laut Eric Send in den Solothurner Spitälern noch nicht gekommen. «Die Überwachung der Eingangsbereiche scheint zu genügen, um derart dreiste Diebe abzuschrecken. Bei uns wurden einmal die Geldautomaten im Restaurantbereich aufgebrochen. Mittlerweile sind diese Automaten so gesichert, dass nichts mehr passieren kann.» (hps)

Während in der Innenstadt und in den Zunftlokalen die Party abgeht, scheint im Oltner Kantonsspital überraschend wenig los zu sein. Doch der Eindruck täuscht: In allen elf Behandlungszimmern werden mittlerweile Patienten mit ernsthaften Gesundheitsproblemen betreut. Erkennbar ist das daran, dass alle Türen geschlossen sind. Zudem liegt ein Patient auf seinem Bett in breiten Gang und wartet darauf, ins «normale» Spitalzimmer geschoben zu werden, wo er zumindest diese eine Nacht unter medizinischer Beobachtung verbringen wird.

Ein Mann schafft es mit letzter Kraft bis vor den Eingang des Notfalls. Mit dem Rollstuhl wird er in eines der Behandlungszimmer gefahren, die mit den modernsten technischen Hilfsmitteln für lebensrettende Massnahmen ausgestattet sind. In weniger als zehn Minuten steht die Diagnose fest und der Mann wird sofort einer Operation unterzogen. Die Gesichter der wartenden Angehörigen verraten Gefühle, die zwischen Konsternation und Dankbarkeit schwanken.

Grossstädte haben mehr Probleme

Doch das Bild, das die Oltner Notfallstation an diesem Abend abgibt, entspricht nicht den Reportagen aus anderen Spitälern, in denen zum Beispiel «10vor10» über randalierende Patienten berichtete, die Behandlungszimmer zertrümmert und Pflegepersonal geschlagen hatten. «Derart schwere Ereignisse hat es in den vergangenen fünf Jahren, seit ich in Olten arbeite, zum Glück keine gegeben», erklärt Sicherheitschef Matthias Birrer die Situation.

Das komme wohl eher in den grossen Städten vor. «Es gibt ab und zu leichte Tätlichkeiten oder Versuche, jemanden anzuspucken», bestätigt Susanne Ernst, die Leiterin der Notfallstation. «Es ist auch nicht wirklich schlimmer geworden. Es hat schon immer Personen gegeben, die zu Verhaltensstrategien neigen, die wir im Notfall nicht gutheissen können.» Sie persönlich lasse sich dadurch nicht beeindrucken und fühle sich durch das Spital gut unterstützt.

Erfahrung hilft

Dank ihrer langjährigen Erfahrung könne sie die Situation meistens sehr gut einschätzen und mit einem gezielten Gespräch entschärfen, sagt Susanne Ernst. «Aber psychotische Menschen sind für ein deeskalatives Gespräch meistens nicht zugänglich und man muss auf alles vorbereitet sein.» Sie bleibe dann in der Nähe einer Türe, um sich einen Fluchtweg offen zu halten.

Wenn die Situation zu eskalieren drohe, sei immer Alarmknopf in der Nähe, sagt Sicherheitschef Birrer. «Dann ist sehr rasch Hilfe zur Stelle.» Er zeigt grosses Verständnis für die Leute, die auf der Notfallstation auszurasten drohen. «Es sind Emotionen wie Schmerz, Trauer, Angst im Spiel. Die Aufgabe eines Spitals ist es, zu helfen, ohne Fragen zu stellen. Auch wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sein sollten.»

Aus seiner Erfahrung genüge es meistens, wenn eine neue Ansprechperson dazustösst, die zuhört und das Problem ernst nimmt. Und wenn das alles nichts hilft? «Wenn wir wirklich einmal die Polizei alarmieren müssen, trifft diese sehr rasch bei uns ein.»

Pilotprojekt kommt

Statistisch sind die Pflegefachpersonen in den Notfallstationen am meisten betroffen von Aggressionen, weil sie im engsten Kontakt mit den Patienten stehen. «Das Problem ist auf unserem Radar», sagt Pflegeexpertin Karin Jordi. Damit Gewalt in den Solothurner Spitälern weiterhin die absolute Ausnahme bleibt, arbeitet sie als Leiterin an einem Pilotprojekt. Schon bald sollen 90 Mitarbeiter des Oltner Spitals in «verbaler Deeskalation» geschult werden. Der Pilotkurs wird zwei Tage dauern und durch einen externen Dozenten geleitet.

Deeskalation beginne beim ersten Eindruck, wie zum Beispiel einer mitfühlenden Begrüssung. «Ignorieren ist wohl der schlimmste Fehler, der passieren könnte», sagt Jordi. Und wenn trotzdem einmal etwas passiert, sei die Aufarbeitung wichtig, findet Jordi, auch um für die Zukunft zu lernen. «Grenzüberschreitungen, die weh tun, werden sachlich besprochen.» In der soH gebe es zudem eine unabhängige Anlaufstelle, die betroffenen Mitarbeitern beim Konfliktmanagement hilft.

Beim Neubau des Solothurner Bürgerspitals wird der Notfallbereich bereits so gestaltet, dass «aggressionsauslösende Reize» vermieden werden, wie es im Fachjargon des Konzepts heisst. Ein runder Empfangsdesk, von dem aus der ganze Eingangsbereich überblickbar sein wird, gehört ebenso dazu wie eine spezielle Farbgebung: Pink soll beruhigend auf die Gemüter wirken.