Die Skiferien gehen zu Ende und es ist Fasnacht. Das bedeutet erfahrungsgemäss Hochbetrieb in den Notfallstationen der Solothurner Spitäler. Doch in den Gängen des Kantonsspitals Olten ist am Freitagabend nicht viel von einer Ausnahmesituation zu spüren. Es ist ruhig, Ärztinnen und Pflegerinnen wirken souverän, zielstrebig und trotzdem gelassen. In der – zumindest an diesem Abend – von Frauen dominierten Sphäre kommt keine unnötige Hektik auf.

Eine Handvoll orangefarbener Zettel hängt an der Magnetwand im Koordinationszimmer. A3, D, A6 steht darunter mit dickem Filzstift notiert. Es sind die Codes, an denen alle sofort erkennen, wie es mit jedem Patienten weitergehen wird. Sporadisch treffen sich Ärztinnen und Pflegerinnen vor der Magnetwand, besprechen einen Fall und telefonieren, um weitere Massnahmen einzuleiten.

Während in der Innenstadt und in den Zunftlokalen die Party abgeht, scheint im Oltner Kantonsspital überraschend wenig los zu sein. Doch der Eindruck täuscht: In allen elf Behandlungszimmern werden mittlerweile Patienten mit ernsthaften Gesundheitsproblemen betreut. Erkennbar ist das daran, dass alle Türen geschlossen sind. Zudem liegt ein Patient auf seinem Bett in breiten Gang und wartet darauf, ins «normale» Spitalzimmer geschoben zu werden, wo er zumindest diese eine Nacht unter medizinischer Beobachtung verbringen wird.

Ein Mann schafft es mit letzter Kraft bis vor den Eingang des Notfalls. Mit dem Rollstuhl wird er in eines der Behandlungszimmer gefahren, die mit den modernsten technischen Hilfsmitteln für lebensrettende Massnahmen ausgestattet sind. In weniger als zehn Minuten steht die Diagnose fest und der Mann wird sofort einer Operation unterzogen. Die Gesichter der wartenden Angehörigen verraten Gefühle, die zwischen Konsternation und Dankbarkeit schwanken.

Grossstädte haben mehr Probleme

Doch das Bild, das die Oltner Notfallstation an diesem Abend abgibt, entspricht nicht den Reportagen aus anderen Spitälern, in denen zum Beispiel «10vor10» über randalierende Patienten berichtete, die Behandlungszimmer zertrümmert und Pflegepersonal geschlagen hatten. «Derart schwere Ereignisse hat es in den vergangenen fünf Jahren, seit ich in Olten arbeite, zum Glück keine gegeben», erklärt Sicherheitschef Matthias Birrer die Situation.

Das komme wohl eher in den grossen Städten vor. «Es gibt ab und zu leichte Tätlichkeiten oder Versuche, jemanden anzuspucken», bestätigt Susanne Ernst, die Leiterin der Notfallstation. «Es ist auch nicht wirklich schlimmer geworden. Es hat schon immer Personen gegeben, die zu Verhaltensstrategien neigen, die wir im Notfall nicht gutheissen können.» Sie persönlich lasse sich dadurch nicht beeindrucken und fühle sich durch das Spital gut unterstützt.

Erfahrung hilft

Dank ihrer langjährigen Erfahrung könne sie die Situation meistens sehr gut einschätzen und mit einem gezielten Gespräch entschärfen, sagt Susanne Ernst. «Aber psychotische Menschen sind für ein deeskalatives Gespräch meistens nicht zugänglich und man muss auf alles vorbereitet sein.» Sie bleibe dann in der Nähe einer Türe, um sich einen Fluchtweg offen zu halten.

Wenn die Situation zu eskalieren drohe, sei immer Alarmknopf in der Nähe, sagt Sicherheitschef Birrer. «Dann ist sehr rasch Hilfe zur Stelle.» Er zeigt grosses Verständnis für die Leute, die auf der Notfallstation auszurasten drohen. «Es sind Emotionen wie Schmerz, Trauer, Angst im Spiel. Die Aufgabe eines Spitals ist es, zu helfen, ohne Fragen zu stellen. Auch wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sein sollten.»

Aus seiner Erfahrung genüge es meistens, wenn eine neue Ansprechperson dazustösst, die zuhört und das Problem ernst nimmt. Und wenn das alles nichts hilft? «Wenn wir wirklich einmal die Polizei alarmieren müssen, trifft diese sehr rasch bei uns ein.»

Pilotprojekt kommt

Statistisch sind die Pflegefachpersonen in den Notfallstationen am meisten betroffen von Aggressionen, weil sie im engsten Kontakt mit den Patienten stehen. «Das Problem ist auf unserem Radar», sagt Pflegeexpertin Karin Jordi. Damit Gewalt in den Solothurner Spitälern weiterhin die absolute Ausnahme bleibt, arbeitet sie als Leiterin an einem Pilotprojekt. Schon bald sollen 90 Mitarbeiter des Oltner Spitals in «verbaler Deeskalation» geschult werden. Der Pilotkurs wird zwei Tage dauern und durch einen externen Dozenten geleitet.

Deeskalation beginne beim ersten Eindruck, wie zum Beispiel einer mitfühlenden Begrüssung. «Ignorieren ist wohl der schlimmste Fehler, der passieren könnte», sagt Jordi. Und wenn trotzdem einmal etwas passiert, sei die Aufarbeitung wichtig, findet Jordi, auch um für die Zukunft zu lernen. «Grenzüberschreitungen, die weh tun, werden sachlich besprochen.» In der soH gebe es zudem eine unabhängige Anlaufstelle, die betroffenen Mitarbeitern beim Konfliktmanagement hilft.

Beim Neubau des Solothurner Bürgerspitals wird der Notfallbereich bereits so gestaltet, dass «aggressionsauslösende Reize» vermieden werden, wie es im Fachjargon des Konzepts heisst. Ein runder Empfangsdesk, von dem aus der ganze Eingangsbereich überblickbar sein wird, gehört ebenso dazu wie eine spezielle Farbgebung: Pink soll beruhigend auf die Gemüter wirken.