Mümliswil-Ramiswil

Farsi zum Fluchen, Deutsch zum Arbeiten: 22 junge Flüchtlinge verbrachten eine Woche auf dem Scheltenpass

22 jugendliche Flüchtlinge haben eine Woche auf dem Scheltenpass verbracht. Die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (kurz: Uma) setzten bei unserem Besuch einen Wanderweg instand.

In weiter Ferne der Ballon d’Alsace in Frankreich, etwas näher die Stadt Basel, ein Blick auf den Passwang. Eine spezielle Stimmung sei es am Abend zuvor bei einer spätabendlichen Aktivität auf der Hohen Winde im angrenzenden Beinwil gewesen, sagt Thomas Jost.

Am nächsten Tag hat der Alltag die 22 unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden, abgekürzt Uma, welche Jost betreut, wieder. Wobei eben gerade das Herausbrechen aus dem Alltag das Ziel jener Sommerwoche ist, in der die Umas etwas raus aus der Struktur des Asylzentrums Fridau kommen.

Dort wohnen die 22 Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Somalia normalerweise. Jeweils ein Mal im Jahr findet für sie ein Sommerlager statt. Also Ferien auf Staatskosten geniessen?

Bildungs-, kein Ferienlager

«Wir nennen das Lager eigentlich nur intern Sommerlager», so Jost. In Tat und Wahrheit sei es ein Bildungslager, in welchem verschiedene Aktivitäten durchgeführt werden. Zum vierten Mal findet das Lager statt, zum ersten Mal in heimischen Gefilden, auf dem Scheltenpass.

Bei unserem Besuch war Arbeit angesagt: Instandsetzen eines Wanderweges. 2½ Stunden am Tag sind die Jugendlichen mit einem Arbeitsprojekt beschäftigt, daneben werden noch naturpädagogische Aktivitäten durchgeführt. Und so wie der Abend auf der Hohen Winde im angrenzenden Beinwil darf es auch mal eine etwas andere Beschäftigung sein.

Der Sinn hinter dem Lager? «Es geht darum, den Jugendlichen die Natur als Lebensraum zu zeigen.» Zudem soll durch die gemeinsamen Aktivitäten auch der Gruppenzusammenhalt gestärkt werden. «Es ist klar, dass sich Fraktionen bilden, das Zusammenleben geht nicht ohne Probleme», sagt Jost.

Auch die Arbeitsmotivation während der Woche sei jeweils zum Start etwas schwierig zu initiieren. «Es sind halt Jugendliche», lacht Jost. Teenies halt. Lachende, fluchende, aber halt dann trotzdem arbeitende Teenies. Teenies, die sägen, graben, hämmern. Obs mehr Spass macht als der Alltag auf der Fridau?

Arbeitsanweisungen in Deutsch

Ein schönes Lager sei es. Vor allem der Abend auf der Hohen Winde scheint Fuad in guter Erinnerung. «Mit Taschenlampen haben wir Party gemacht», sagt er. Der 17-Jährige ist seit einem Jahr in der Schweiz und spricht passabel Deutsch. Der junge Eritreer lässt uns wissen, dass ihm auch die Arbeit gefalle. Das bestätigen auch seine, man darf sie wohl so nennen, Freunde aus Afghanistan.

Eine kleine Menschentraube hat sich derweil um uns gebildet, die Arbeiten ruhen für eine kurze Zeit. «Lachen Thomas, lachen», rufen die Jungen und prusten selbst los. Die anfängliche Scheu der Jugendlichen gegenüber den Besuchern von der Zeitung löst sich sichtlich. Thomas Jost tut indes wie ihm geheissen und lacht für ein Foto.

Selfies gibts hier hingegen nicht. Zumindest nicht während der Arbeitszeit. Denn: Die Smartphones, sonst stete Begleiter aller Jugendlichen, sind während des Tages weggeschlossen. Eine Regel, die den Leitern wichtig sei, erklärt Jost.

Während der Freizeit bekommen die Umas die Smartphones natürlich zurück. Bringt nur nicht ganz so viel, denn zumindest auf der Scheltenpasshöhe ist Handyempfang Glückssache.
Die 22 Jugendlichen und ihre 6 Begleiter wohnen während der Woche im kleinen Dörfchen Schelten in einem Lagerhaus im angrenzenden Berner Jura.

Schelten ist das einzige deutschsprachige Dorf im Berner Jura, weiss Jost. Und das passt irgendwie: Denn die deutsche Sprache wird konsequent genutzt. Alle Arbeitsanweisungen werden in Deutsch formuliert. «Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, um alles klarzustellen», so Jost.

Nebenan flucht ein Jugendlicher. «Fluchen geht in Farsi aber ein bisschen einfacher», lacht Jost. Ja, Teenies halt. Teenies, die sich langsam dem Alltag in der Schweiz annähern sollen.

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