Es war dies keine leichte Geschichte, sondern man erlebte das Leben in seiner ganzen Realität.

Vielleicht siebzig oder mehr Jahre zurückversetzt in eine Welt , in der keine Aufklärung, keine Offenheit dem Sexuellen gegenüber stattfand, sondern nur strenge Disziplin. Junge Menschen, halbe Kinder hingen voll von ihren Erziehern ab, von Eltern und Lehrern.

Sachlich, klar und tiefschürfend

Wedekind war kein bequemer Theatermacher, er war ein explosiver Provokateur, und man sagt ihm nach, dass er an den eigenen Provokationen in seinen Theaterstücken erstickte. Auf jeden Fall bewegte er die Gemüter seiner Zeit, und mit dem «Frühlings Erwachen» gelang ihm ein höchst sensibles, berührendes Theaterstück, das seine Spuren hinterlässt. Grossartig ist, wie Sater und Sheik dieses Gedankengut der jungen Menschen aufnahmen, die nach Antworten suchten und ihrem Leben in irgendeiner Form Sinn geben wollten. 14 junge Spielende, sieben Frauen und sieben Männer, erbrachten stimmlich grossartige Leistungen, rissen das Publikum mitund machten es auch betroffen. Ohne Pathos, ohne übersteigerte Nuancen, sondern eher sachlich, klar und tiefschürfend.

Sandra Pangl als Wendla Bergmann strahlte diese mädchenhafte Naivität, diese sehnsüchtige Verlorenheit wundersam aus und begeisterte mit ihrem Spiel und ihrer Stimme. Julian Culemann spielte und sang auf eindrückliche Weise den Melchior, der Wendla liebte, der sie auch schwängerte, und der sie schlussendlich durch den Tod verlor. Ein junger Mann, der viel und gescheit über das Leben nachdachte und doch in den entscheidenden Phasen nichts andres wollte als Liebe, als Erkennung seiner männlichen Jugendlichkeit. Interessant spielte auch Angelo Canonico als Moritz Stiefel, der immer ein Stück ausserhalb stand und doch an allen Begebenheiten beteiligt war. Aber auch die anderen Sängerinnen und Sänger begeisterten durch ihre spielerische Begabung, die unterschiedlichen Persönlichkeiten lebendig hinüberzubringen.

Das Orchester mit Violine, Cello, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards unter der musikalischen Leitung von Patricia Martin war ein Wurf, für die packende Inszenierung zeichnete Wolfgang Türks. Das Bühnenbild blieb durch das ganze Stück hindurch das gleiche. Eine Schulstube, die eigentlich mehr eine Bedrängnis war, dokumentierte sie doch einen Schulbetrieb vor siebzig oder mehr Jahren: streng, diszipliniert, unpersönlich und unheimlich.

Eine Welt ohne Kommunikation

Der kritische Provokateur Wedekind brachte es auf den Punkt. Man glaubte in der Erwachsenenwelt, dass sich nur in der absoluten Disziplin Nützliches ergeben könnte. Als Publikum erlebte man eine Welt ohne echte Kommunikation, die man nicht liebt und die, so hofft man, in dieser Art überholt ist.