Buchfestival

Exil-Oltner Autor: «Eine Rückkehr kann ich mir nicht vorstellen»

Marc Wyss mit seinem Gedichtband «Words Got in My Way» vor dem Café Ring.

Marc Wyss mit seinem Gedichtband «Words Got in My Way» vor dem Café Ring.

In Olten aufgewachsen, lebt der 73-jährige Autor Marc Wyss seit Jahren im Schwarzbubenland – diesen Sonntag tritt er am Buchfestival auf.

Wir sitzen im Café Ring, seinem Lieblingslokal in Olten. «Früher hatte es hier noch eine Jukebox», sagt Marc Wyss und verweist auf eine Stelle mitten im Raum. Er gehe gerne in schöne Cafés und erschliesse sich so auch fremde Städte: zum Zeitungs- und Bücherlesen, zum Nachdenken, um die anderen Leute zu beobachten. Fast jeden Tag ist er in Basel anzutreffen, im Kaffeehaus des Unternehmen Mitte. «Ich bin gerne in einer Stadt, wo viel los ist», sagt der 73-Jährige, der allerdings im Schwarzbubenland wohnt, Hofstetten-Flüh, ein Dorf mit knapp 3200 Einwohnern. «Eine Rückkehr nach Olten kann ich mir nicht vorstellen», sagt Wyss darauf angesprochen. Zwei seiner drei Brüder wohnen zwar noch in der Region, er sei ab und zu in der Kleinstadt anzutreffen. Es sei nett zurückzukommen, bekannte Ecken und Gesichter zu sehen – «wir kennen uns doch von irgendwoher?», heisst es dann. Aber es erschöpfe sich dann bald. «Ich brauche mehr als das heimelige Gefühl, hier meine Jugend verbracht zu haben.»

hey kollege, mir boue-n is e turm
’s het no-n es schöns plätzli zmitts im schtadtpark
wo die aute plataneböim sech so brëit mache
e schöne höche turm us schtau und glas
mit emene luschtige dräireschtorant zoberscht obe
– hey chätzli, bring is no-n es biër –

2015 hat Wyss seinen Gedichtband «Words Got in My Way» herausgebracht, eine Sammlung seiner Arbeiten seit 1969. Gedichte schreibt er, seit er 16 Jahre alt ist, zuerst in Deutsch, dann aber schon sehr bald auf Englisch. Diese Sprache ist in seien Augen flexibler; es lässt sich besser mit Zweideutigkeiten spielen, sagt Wyss, der sich als Autor einen Künstlernamen gegeben hat. Nach und nach übersetzte er seine Gedichte in den Oltner Dialekt. «Kein Bahnhofbuffet-Gemisch, sondern richtiger ‹Outner Dialäkt›, den die Einheimischen sprechen.» Als er dann die beiden Versionen hatte, suchte er sich einen Verlag, fand diesen in Deutschland und übersetzte seine Gedichte noch ins Hochdeutsch. «Das ist aber die schlechteste Version.»

das bringt uns dann ein paar millionen rein
für frau’n und kinder stell’n wir bänk’ und schaukel
aufs öde areal hinter der chemischen fabrik
ein turm der unserer stadt zu stolz gereicht
mit banken büros praxen und ’ner beiz
das bringst du durch im stadtrat so wie immer, fritz,
die anderen und die weicheier lass’n wir schatzen,
so wie immer
– hey kätzchen, bring uns noch ein bier –

Mit 22 Jahren hatte er genug von der Kleinstadt. Gleich oberhalb der Bifangwiese, am Krummackerweg bilingual mit einer Genfer Mutter aufgewachsen, in Basel Englisch, Romanistik, Soziologie und Geschichte studierend, zügelte er nach einem fünfmonatigen Aufenthalt in London definitiv in die Stadt am Rheinknie. «Ich kann nicht mehr in Olten wohnen», habe er zu seinen Eltern gesagt. Nach dem Studium begannen seine Wanderjahre: Mit dem Hippiemädchen aus Kalifornien zog er in ihre Heimat, heiratete sie und wurde Amerikaner und zu Marcos Seqouia – weil ihm die spanische Sprache gefällt und zu Ehren der Mammutbäume, die über 1000 Jahre alt werden können. In der Universitätsstadt Berkeley lebte er seine Hippie-Zeit voll aus, verkehrte in intellektuellen Kreisen, setzte sich mit Buddhismus und Meditation auseinander und wurde erstmals auf die Umweltverschmutzung aufmerksam. Der Sprachgewandte unterrichtete Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Er zog weiter, lebte länger in Kathmandu (Nepal), Sevilla und Thessaloniki. In der Fremde fühle er sich wohl. «Dort kommen dir andere Gedanken. Du erlebst dich auch als Person anders.»

and later on tonight we’re going to drop by the meow-meow
and purr along with the new kitty-cats
drink champagne and more
what a beautiful world this is
a nice big tower
with a broad drive and a parking garage below
come on, let’s have one for the road
like we always do
– hey pussycat, bring us another beer –

1990 kehrte er dann in die Schweiz zurück. Leicht desillusioniert, weil sich die Welt nicht so verändert hat, wie er sich das idealistisch vorgestellt hatte. «Das war sehr schmerzhaft zu erkennen.» Wyss wird Lehrer am Gymnasium in Muttenz, wird sesshaft und gründet mit seiner dritten Frau eine Familie, unternimmt längere Reisen nach Indonesien, Japan oder Südamerika. Heute, im Seniorenalter, reist er nur noch mit dem Zug. «Aus ökologischen Gründen.» Ein grösseres Buchprojekt hat er nach der Publikation seines Romans «The Darling Bombs Of April» vergangenes Jahr nicht in petto. «Zwei, drei Ideen sind da, aber ich weiss noch nicht, ob daraus was wird.» In letzter Zeit sind allerdings Gedichte und ein Theaterstück entstanden.

Der kursiv gedruckte Text sind die drei Strophen seines dreisprachigen Gedichts «man’s world/männerwelt/männerwä-ut» Sie haben aber trotz gleicher Begriffe nichts mit der Stadt Olten zu tun.

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