«Achtung! Eine Eislawine!» Auf der Leinwand ist eine Seilschaft zu sehen, die sich im Halbdunkeln über einen vereisten Berggrat kämpft. «Run! Run! Run!» ruft die Stimme hinter der Kamera. Dann herrscht Stille.

Evelyne Binsack hat sich zusammen mit drei Sherpas in einer Gletscherspalte geworfen, um sich vor den herab fallenden Eisstücken zu schützen. Es dauert nicht lange und die Kamerafrau und ihre Reisebegleiter können ihr Versteck wieder verlassen. Das gesamte Team der Expedition am Mount Everest ist gerade knapp einer Katastrophe entgangen.

Teamwork am Berg

Evelyne Binsack gehört zu den Menschen, welche ihre körperlichen und psychischen Grenzen ausloten. Bis zum Äussersten. Bereits als Jugendliche wollte sie Spitzensportlerin der Mittelstrecke der Leichtathletik werden. Allerdings sagte ihr die Rolle der Einzelkämpferin an einem Wettkampf nicht lange zu und sie erlebte so etwas wie eine sportliche Wiedergeburt im Alpinismus.

Das Besteigen eines Bergs erfordert Teamwork, Ausdauer und Intelligenz. Diese Kombination sagte der sympathischen Nidwaldnerin zu und sie entschied sich als eine der ersten Frauen Europas für eine Ausbildung zur Bergführerin.

Zu Fuss und mit Velo zum Südpol

Nach der ersten Besteigung des Mount Everest 2001 suchte Evelyne Binsack nach neuen Abenteuern. Ihr ehrgeiziges Ziel war es, auf dem Landweg zur Antarktis zu gelangen. Vom 1. September 2006 bis zum 28. Dezember 2007 war sie unterwegs auf ihrer «Expedition Antarctica», wie sie ihre aussergewöhnliche Reise zum Südpol nennt.

Sie durchquerte dabei den südamerikanischen Kontinent zu Fuss, mit dem Schlitten oder mit dem Fahrrad. Dabei kam es immer wieder zu brenzligen Situationen, wie die Bergsteigerin und Autorin in ihrem gleichnamigen Buch «Expedition Antarctica» sie beschreibt.

Der letzte Wunsch

Vielen Menschen beginnen vor Rührung zu weinen, wenn sie das Dach der Welt zum ersten Mal erblicken. So jedenfalls sagt es der Volksmund. Es gibt aber auch jene Menschen, denen bei jeder Begegnung mit dem Mount Everest aufs Neue die Tränen kommen. Zum Beispiel Rachelle. Evelyne Binsack hat sie mit ihrer Kamera begleitet. Rachelle´s Mann ist vor über einem Jahr an Krebs verstorben. Zeit seines Lebens wollte er den Mount Everest besteigen. Jedes Mal musste er umkehren. Seine Witwe will sein Versäumnis nachholen und, wie es sein Wunsch war, seine Asche auf dem höchste Gipfel der Welt ausleeren.

Eis in der Lunge

Dieses und andere Schicksale hat Eveyline Binsack in ihrer Doku «ÜberLebensWille» im Oltner Stadttheater präsentiert. Doch nicht zuletzt ging es um ihr eigenes. Nach ihrer Mammutwanderung Richtung Südpol, hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben festgestellt, dass sie an körperliche wie auch mentale Grenzen stösst.

Diese Erkenntnis war zu Anfang ihrer zweiten Expedition zum Mount Everest nicht sonderlich präsent, zeigte sich dafür im Basislager im Himalaja. Als sich Evelyne Binsack auf dem Weg zum Basislager 1 vor der Eislawine in einer Gletscherspalte flüchtete, zog sie sich durch die eisige Luft eine Bronchienentzündung zu.

Die Erkrankung hinderte sie an ihrer Zweitbesteigung des höchsten Gipfels der Welt. Trotzdem scheint Evelyne Binsack zufrieden mit ihrem Leben. «Der Beweis für wahre Willensstärke besteht darin, dass man sich auch eingestehen kann, etwas nicht erreichen zu können», so ihre Abschlussworte nach dem eindrücklichen Filmvortrag über das Scheitern des Menschen an Naturgewalten und sein immerwährender Überlebenswille.