Als Cilla Marx am 1. August eine E-Mail vom Schweizer Fernsehen bekam, war sie überrascht, «fast ein bisschen erschrocken. Ich habe mich wahnsinnig gefreut». Ein Redaktor habe ihre Musik gehört, fand sie «offensichtlich gut» und forderte sie auf, beim Eurovision Song Contest mitzumachen. Bis am 28. Oktober hatten interessierte Sänger/-innen die Möglichkeit, ein neues, noch nie veröffentlichtes Lied inklusive Video auf eine Internetplattform zu laden. Morgen Montag, 4. November, startet das Voting.

Mit fünf Jahren begann die im Appenzell Ausserrhoden aufgewachsene Cilla Marx auf dem Klavier «herumzuklimpern» und zu singen. Als Teenager fing sie an, eigene Lieder zu komponieren. «Schon in der Schulzeit, wenn irgendwelche Musicals aufgeführt wurden, sagte der Lehrer zu mir: ‹Cilla, übernimm du den Solopart›. Ich wusste nicht wieso. Ich hatte nie Gesangsunterricht. Als Teeny war ich eine richtige Heavy-Metal-Braut, hatte aber schon immer den Hang zu Balladen.» Ihre Familie sei sehr Klassik-orientiert gewesen; «ich war das aber müde». Später wechselte sie zu Pop und Soul. «Mir gefielen Harmonien; sie waren mir wichtig.»

Letztes Jahr schrieb Cilla Marx für ihren Mann das Lied «I Wanna Be the Reason» («Ich möchte der Grund sein»). «Und da ich nicht wollte, dass es verloren geht – ich kann nämlich nicht Noten lesen – meldete ich mich bei Roman Wyss.» Sie nehme die Kompositionen nicht auf; «ich habe sie einfach im Ohr, früher habe ich mit vielen Sequenzen angefangen, aber keine behalten. Heute gehe ich damit zu Roman und spiele sie ihm auf dem Keyboard vor. Er schreibt sie dann auf.» So entstanden in den folgenden Monaten sieben Lieder, die sie in Roman Wyss’ Studio Double U Productions in Olten aufgenommen hat und als CD produzieren liess. Darauf ist nicht nur «I Wanna Be the Reason» zu hören, sondern auch «You Make Me Proud» («Du machst mich stolz») – ein Stück, das sie für ihren zehnjährigen Sohn geschrieben hat. Einige Songs sind mit Bandbegleitung eingespielt, andere wurden «unplugged» aufgenommen, das heisst nur am Piano begleitet von Roman Wyss.

Cilla Marx lernte den Musiker und Produzenten aus Olten im Dezember 2011 kennen anlässlich der «Lametta Star»-Veranstaltung auf der Oltner «Chilestäge». «Ich traute mich, einfach hinzugehen und ein Lied zu singen.» Dies führte direkt zu ihrem ersten Auftritt als Sängerin, der nicht nur vor ihrer Familie stattfand. «Armando Pipitone hörte mich dort und fragte mich, ob ich im Caveau du Sommelier singen wolle.» Sie trat mit Coverversionen bekannter Songs auf, «weil ich noch keine eigenen Kompositionen besass». Ebenfalls mit auf der Caveau-Bühne standen Roman Wyss und Gitarrist André Kunz. Dies führte zu Cilla Marx’ erstem fertig komponiertem Song «I Wanna Be the Reason».

Zurück zum Projekt Eurovision Song Contest, für das die beruflich im Kongressmanagement im medizinischen Bereich tätige 39-Jährige die volle Unterstützung ihres Umfeldes hat. Laut Reglement ist ein Lied, das schon einmal veröffentlicht wurde, nicht für den ESC-Wettbewerb zugelassen. Also musste ein neuer Song her, weil all ihre bisherigen Lieder bereits auf einer Plattform – der nach ihr benannten CD und im Internet auf Mx3 – frei zugänglich waren. Im Juli nahm sie «If I Were God» («Wenn ich Gott wäre») auf. Inspiriert zum Text des Liedes wurde sie bei einem intensiven Gespräch mit ihrer 86-jährigen Grossmutter nach der Beerdigung des Grossvaters im Juni. «Die beiden verband eine grosse Liebe. Sie erzählte mir, dass sie nach diesem Verlust auch nicht mehr leben wolle. Da dachte ich mir: ‹Wenn ich Gott wäre, würde ich sie gehen lassen›.» Eigentlich sei «If I Were God» ein «zuversichtlicher Song. Er sagt: ‹Du kannst gehen, es ist okay, wegen uns musst du nicht bleiben.›»

Die Texte ihrer Popsongs haben immer eine persönliche Bedeutung, sagt Cilla Marx, die vor zehn Jahren aus beruflichen Gründen ihres Mannes von
St. Gallen nach Olten zog und inzwischen mit ihm und dem gemeinsamen Sohn in Wangen wohnt. «Musik machen» sei ihr Antrieb. «Es ist nicht mein Job. Ich verarbeite damit Erlebnisse und Geschehnisse, die mich beschäftigen.» Und: «Gerade für den Eurovision Song Contest finde ich gehaltvollere Lieder, die eine Aussage haben, viel schöner als Nonsenstexte.» Ihre Art von Musik bringe ohnehin eine gewisse Bedeutung mit, so Marx. «Ich will eine Message loswerden. Das ist es, was aus mir herauskommt.»

Im September stand Cilla Marx zwecks Videodreh einen Tag lang vor der Filmkamera des Fulenbachers Alex Jäggi. Darin ist sie singend in verschiedenen Einstellungen zu sehen. Dazu werden ineinander fliessende Bilder zum Thema «Trennung» eingespielt.

Von morgen Montag bis zum 18. November kann die Öffentlichkeit im Internet Cilla Marx und ihrem Lied die Stimme geben. Dieses Voting zählt 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent bestimmt eine Jury. Wenn Cilla Marx es in die nächste Runde schafft, wird sie am 30. November in Zürich auf ihre TV-Tauglichkeit und ihren Live-Gesang getestet. Besteht sie auch diese Tests, darf sie an der Live-Show in Kreuzlingen teilnehmen, die vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wird. Dort fällt die Entscheidung darüber, wer die Schweiz in Kopenhagen vertritt.

Die erste CD im Dezember 2012, im August/September 2013 ein neuer Song mit Video – Cilla Marx’ Gesangskarriere scheint in Schwung zu kommen. Ist eine zweite CD geplant? «Im Moment ist das Eurovision-Song-Contest-Projekt an der Reihe», bremst die Wangnerin jegliche Musikkarrieregedanken ab. «Dann schauen wir weiter, ob es eine zweite CD gibt.» Sie trete nur auf Anfrage auf. Seit ihrer Premiere im «Caveau» habe sie «noch einige weitere Auftritte» absolviert. «Musik und Singen sind eine Leidenschaft, die gelebt werden muss. Ich kann nicht anders. Sie ist nicht wegzudenken aus meinem Leben. Als ich von zu Hause auszog, war das Erste, was ich mir leistete, nicht ein Bett, sondern ein E-Piano.»

Voten für Cilla Marx von 4. bis 18. November unter www.eurovisionplattform.sf.tv/. Einige Kompositionen von Cilla Marx sind zu hören unter www.mx3.ch/artist/cilla.