Um Viertel vor zehn trappelt ein gebückter Mann mit Rollator und beigefarbener Winterjacke durch den Eingang. «Hoi Hanspeter!», ruft ein frohes Gemüt aus der Znüni-Runde im Entree. Zügig geht die Frohnatur auf «Hanspeter» zu, knöpft ihm die Eskimomütze auf. Der Mann mit Down-Syndrom lächelt. Draussen drückt Sturmtief «Evi» die kalten Regentropfen auf den frisch gepressten Asphalt. Eine jüngere Frau mit Lippenpiercing staubsaugt die geräumige Empfangshalle.

Jenny Müller, blaue Augen, blondes Haar, eilt herbei. «Wo ist die Garderobe, Hanspeter?», fragt ihn die Empfangsdame und Sekretärin der Vebo Olten mit erhobener Stimme. Mühsam wendet er seinen Rollator, während sein Blick unsicher umherschweift. Mit kleinen Schritten geht er durch den Gang Richtung Garderobe.

Dort angelangt, beginnt die Orientierung inmitten knallroter Schliesskasten von Neuem. Welcher Couloir führt zu «Hanspeters» Kasten mit der Nummer 49? In Zeitlupe läuft er da lang, wo ihn Jenny Müller hin lotst und findet am anderen Ende seine Nummern «v-i-e-r» und «n-e-u-n». Mütze und Jacke sind verstaut, die Reise kann weiter gehen.

«Wenn er nicht arbeiten dürfte, würde er seine Wohngruppe tyrannisieren», sagt Jenny Müller, während «Hanspeter» die schwere Tür zum Gang, der ins Entree führt, wieder zu öffnen versucht. Am liebsten käme er auch am Wochenende in die geschützte Werkstatt und würde nie Ferien beziehen. Im Lift nach oben kullert dem 52-jährigen Mann eine Träne über die Wange.

«Hanspeter» steigt aus und sucht erneut den Weg an seinen Arbeitsplatz. «Wo findest du Sandra?», fragt Jenny Müller in leicht angehauchtem deutschen Akzent. Seine Augen leuchten durch die Brillengläser, als er den Namen seiner Gruppenleiterin hört. Er hebt die Hand und weist in eine Richtung. Dann trappelt er von dannen.

Es braucht seine Zeit

Es wird noch dauern, ehe sich «Hanspeter» und einige seiner Arbeitskollegen sich im 15 Millionen teuren Neubau an der Haslistrasse 30 zurechtfinden. «Es ist alles noch so kompliziert», oder: «Es ist alles neu», sagen die Eine oder der Andere. Beinahe fünfzig Jahre lang betrieb die Oltner Vebo ihre Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung an der Tannwaldstrasse.

Viele der rund 170 beschäftigten behinderten Personen liefen vom Bahnhof her jeden Tag den Geleisen entlang zur Arbeit. Doch zuletzt wurden die Werkstätten am langjährigen Standort zu klein, die Anlagen sanierungsbedürftig. Die Genossenschaft streckte ihre Fühler nach Bauland aus und kaufte schliesslich das Grundstück der einstigen Müller Holz AG.

Eineinhalb Jahre nach dem Spatenstich bezog die Vebo nun über die Weihnachtstage den Beton-Komplex. Der aufwendige Umzug ging schneller als gedacht, binnen fünf Tagen über die Bühne. Für etliche Vebo-Angestellte ist plötzlich nicht mehr, was zuvor über Jahrzehnte Normalität war.

«Erst durch den Umzug bemerkten wir bei gewissen Personen, dass sie nicht lesen können», erzählt Jenny Müller eine jener Episoden, die illustrieren, welch markanten Umbruch der neue Arbeitsort für einige Mitarbeiter bedeutet. Die beiden bisherigen Gebäude will die Genossenschaft nicht wie zunächst vermeldet verkaufen, sondern vermieten.

Endstation «Haslistross»

7.37 Uhr, Bahnhofplatz Olten. Der Niederflurbus mit der Nummer 572 fährt vor. Im Nu ist er prall gefüllt, nimmt Kurs gen Oltner Industriegebiet und leert sich alsbald wieder. Unter den verbliebenen Fahrgästen sind bekannte Gesichter. Es sind die gleichen Personen, die zuvor jahrelang die Tannwaldstrasse ihren Arbeitsweg nannten. «Haslistross», kündigt die Busstimme den Endhalt an. Das Grüppchen verlässt den Bus. Die Stärkeren helfen den physisch labileren beim Überqueren der alten Bahngeleise – gegenüber erleuchtet grelles Licht die neue Werkstätte der Vebo.

Abteilungsleiter Arno Wilhelm empfängt die letzten Ankömmlinge und notiert ihre Ankunft. «Am Anfang fanden einige Angestellte am Bahnhof zwar den richtigen Bus, stiegen dann aber nicht ein», erzählt der Oltner. So unternahm die Stiftung Arkadis mit ihren Bewohnern über die Weihnachtstage einen Ausflug an die Haslistrasse und machte ihre Bewohner mit dem neuen Arbeitsweg vertraut.

Um zehn vor acht gehen die Maschinen in Betrieb. Viele Mitarbeitende erscheinen jedoch bereits eine gute Stunde vor Arbeitsbeginn an der Haslistrasse und tauschen sich über Sport und die Welt aus. EHC Olten T-Shirt hier, FC Basel-Mütze dort. Sport wird unter den Mitarbeitenden grossgeschrieben.

Werkstattleiter Alfred Dörfliger, gross gewachsen, hellblaufarbenes Hemd, zeigt die diversen Bereiche der neuen Werkstätte. Von der CNC-Fräse zu den Abstimmungscouverts der Stadt Olten. Die vielfältigen Arbeitsbereiche sind augenfällig. «Für grosse Stückzahlen sind mittlerweile auch wir zu teuer», sagt der Chef des Hauses. Grosse Serien würden fast ausnahmslos in Osteuropa oder Asien abgefertigt. Dies erkläre die grössere Diversifizierung der Aufgaben, welche die Vebo als Zulieferantin lokaler Anbieter leistet. Im Vergleich zu früher tut sie dies seit Anfang Jahr unter komfortablen Platzbedingungen. An den Arbeitsplätzen scheint die Normalität bereits wieder eingezogen zu sein.

Alfred Dörfliger blickt im oberen Stockwerk aus dem Fenster, wo Richtung Hardwald eine grosse Fläche weiterhin brachliegt. «Hier könnten wir erweitern, sofern der Platz zu knapp würde», sagt der Oltner Werkstattleiter. Die Vebo wolle weiter wachsen.

Am 28. April lädt die Vebo Olten an der Haslistrasse 30 zum Tag der offenen Tür.