Olten
«Erschüttert über Pläne der Stadt»: Vorreiter des Urban Gardening wehren sich

Seit bald 30 Jahren kompostieren Freiwillige jede Woche das Grüngut aus der Nachbarschaft auf einem Pflanzplätz beim Sälischulhaus. Nun will die Stadt Olten just auf dem Gebiet einen Spielplatz errichten. Am Mittwoch hat die Gruppe gegen das Vorhaben eine Petition eingereicht.

Fabian Muster
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Freiwillige der Kompostgruppe Zelgli (von links): Edith Manta, Susi Werthmüller, Paul Dilitz und Anita Huber.

Freiwillige der Kompostgruppe Zelgli (von links): Edith Manta, Susi Werthmüller, Paul Dilitz und Anita Huber.

Patrick Lüthy Bild: Patrick Lüthy

Es ist ein kleines Naturparadies mitten in der Stadt. Wer sich um die eigene Achse dreht, sieht fast nur grün: Gemüse wächst, Pflanzen blühen, Bäume säumen das Areal: Mittendrin stehen vier Freiwillige der Quartierkompostgruppe Zelgli, die ihren Pflanzplätz in Gefahr sehen, den sie seit bald 30 Jahren auf dem Areal des Sälischulhauses bewirtschaften.

Zweimal pro Woche nehmen 17 Freiwillige Grünabfälle aus der Nachbarschaft entgegen und setzen den durch Kompostierung entstandenen Humus wieder für ihre Gartenbeete ein. Sie sprechen vom «natürlichen Kreislauf», der dadurch entsteht: Grüngut werde zu «wertvollem Kompost», Gemüse werde lokal produziert und zugleich gebe es Platz für Insekten und Kleinlebewesen. «Urban Gardening im besten Sinne», schreiben die Freiwilligen in der Mitteilung und nehmen so Bezug auf die Bewegung der vergangenen Jahre, die Städte mit Gärten in Hinterhöfen oder auf Dächern grüner und damit attraktiver machen will. Nun soll der Kompostplatz mit den 11 Pflanzenbeeten «dem Bagger zum Opfer fallen», wie es weiter heisst. Die Stadt Olten will auf einem Teil des 1000 m2 grossen Areals bereits ab kommendem Herbst einen Spielplatz bauen für die Kindergärtler, die seit einigen Jahren im ehemaligen Oberstufen-Schulhaus Säli einquartiert sind. Dagegen wehrt sich die Gruppe, die nicht in einem Verein organisiert ist, mit einer Petition, welche am Mittwoch bei der Stadtkanzlei eingereicht wurde.

«Wir sind erschüttert über die Pläne der Stadt», sagt Gruppenkoordinator Paul Dilitz am Mittwochmorgen beim Augenschein vor Ort. Der ehemalige SP-Gemeindeparlamentarier sagt, dass es sich «die Stadt nicht leisten kann, den Kompostplatz ersatzlos zu schliessen». In den vergangenen fast 30 Jahren seien rund 1,2 Millionen Liter Kompost verarbeitet worden. Die Gruppe befürchtet, dass viele Grünabfälle bei einer Schliessung des Kompostplatzes über den Kehrichtsack entsorgt würden und so wertvolle Rohstoffe verloren gehen. «Viele Verwaltungen stellen den Bewohnern von Mehrfamilienhäusern keine Grüncontainer zur Verfügung», unterstreicht die Anwohnerin Susi Werthmüller. Der Quartierkompost war 1990 im Rahmen der nationalen «Kompost-Offensive» entstanden und gehört heute zu den letzten seiner Art in Olten, der früheren «Kompost-Hochburg»: Es gab bis zu 50 solcher Einrichtungen.

Die Gruppe habe Vorschläge unterbreitet, wie das Areal um das Sälischulhaus besser genutzt werden könne, sagt Anita Huber. Die ehemalige Grüne-Gemeindeparlamentarierin hatte dazu ein Papier zusammengestellt. Sie schlug darin vor, «das gesamte Areal mit unterschiedlichen Spielorten aufzuwerten». Die Gruppe bietet der Stadt auch eine Kompromisslösung auf dem bisher genutzten Pflanzplätz an: Statt der Streichung könne man sich auch mit der Hälfte des bisherigen Anteils von 1000 m2 zufriedengeben. «Die heute sehr grosszügig angelegten Kompostmieten könnten verkleinert und der Pflanzengartenteil halbiert werden», schreiben sie in ihrer Petition. Neben dem Kompost brauche es aber auch einen Gartenanteil, damit der Kreislauf erhalten bleibe, betont Dilitz.

Bei der Stadt Olten zeigt man sich offen für diese Diskussion. Baudirektor Thomas Marbet sagt auf Anfrage, dass er sich nächste Woche mit der Gruppe treffen will. Der SP-Stadtrat weist darauf hin, dass er nachvollziehen kann, dass eine Gruppe von Privatpersonen nicht gerne das Privileg zur kostenlosen Nutzung von öffentlichem Grund verliere. Zudem hat sich die Welt verändert, heute besteht ein öffentliches Interesse daran, aus Grünabfällen Biogas zu produzieren. Kurt Schneider, Leiter der Baudirektion, sagt auf Anfrage, dass die Gruppe beim partizipativen Prozess durch die Schule miteinbezogen worden sei. Zudem sind für den Betrieb von Kindergärten zweckmässige Aussenspielplätze auf dem Schulareal zwingend. Er unterstreicht, dass die Bedürfnisse einer Schule auf Schulareal «Priorität» geniessen. Der geplante Spielplatz soll eine halbe Million Franken kosten, ist aber immer noch in der Projektentwicklung. Ob der Baustart tatsächlich im Herbst erfolgt, ist gemäss Schneider noch nicht sicher. Je nach Projektinhalt ist dafür auch ein Baubewilligungsverfahren mit Einsprachemöglichkeit nötig.

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