Am Sonntagabend WM-Bronze gegen Tschechien gewonnen, sich am Montag vom Feiern erholt, am Dienstag in die Schweiz geflogen und am Mittwoch schon wieder im Büro gesessen: So sahen die letzten aufregenden Tage Nicolas Wolfs aus, Nationalmannschafts-Goalie und Stammtorhüter der NLA-Mannschaft SV Wiler-Ersigen.

Im Nachhinein freut sich Wolf sehr über die Bronzemedaille. Erst im Nachhinein? Ja. Denn im Halbfinal hätte der Schweiz wenig zum Exploit gefehlt: Nach zwei Dritteln stand es 2:2 gegen Schweden, ein Land, gegen das die Schweizer Männer-Nationalmannschaft seit der Einführung der Weltmeisterschaften 1996 noch nie gewonnen hat. «Wir alle hatten das Gefühl, dass wir diese Schweden endlich packen können», beschreibt Wolf die Stimmung in der Garderobe in der zweiten Drittelspause.

Entsprechend geknickt war die Mannschaft nach der resultierenden 2:7-Niederlage. «Doch unsere Routiniers haben sich mit den richtigen Worten ans Team gewandt und animierten uns, nach vorne zu schauen», erzählt Wolf. Das zahlte sich aus: Am nächsten Tag war die Schweiz mental bereit und schlug Tschechien im kleinen Final.

Eröffnungspartie gespielt

Wolf kommt in der Schweizer Mannschaft eine besondere Rolle zu. Als zweiter Torwart hat der Oltner während der WM nur ein einziges Spiel bestritten, die Eröffnungspartie gegen Estland. Für Wolf eine ungewohnte Situation, ist er doch bei Wiler-Ersigen der unangefochtene Stammtorhüter.

Dass er an der WM nicht so viel Einsatzzeit erhalten würde, hat der Staff um Trainer David Jansson im Voraus kommuniziert. Wolf hat sich dennoch auf jedes Spiel vorbereitet, als würde er und nicht Goaliekollege Pascal Meier zwischen den Pfosten stehen. «Natürlich hätte ich auch gerne mehr gespielt. Doch am Schluss steht das Team im Vordergrund», so Wolf. Auch wenn er sportlich nicht viel Einfluss nehmen konnte, gab Wolf Vollgas: Er sorgte für positive Stimmung auf der Spielerbank und unterstützte insbesondere Goalie Meier. «Simple Sachen, wie dem anderen die Trinkflasche zu reichen oder ein gutes Wort zuzusprechen, können eine grosse Wirkung haben», sagt Wolf.

Wie wichtig die Ausstrahlung der Ersatzspieler ist, weiss Wolf aus eigener Erfahrung. Mit Wiler-Ersigen ist er derzeit Tabellenleader – unter anderem wegen der guten Mischung aus jungen Spielern und Routiniers, die keinen «Lätsch schrisse», wenn die Jüngeren den Vorzug haben. Auch Wolf könnte man, trotz seinen erst 23 Jahren, schon zu den alten Hasen des SV Wiler-Ersigen zählen. Seit acht Jahren ist er im Verein, durchlief alle Juniorenstufen und schaffte es ins Fanionteam. Heuer bestreitet er seine vierte NLA-Saison.

Eigenes Grafikbüro

Die Trainings mit Wiler-Ersigen und die Zusammenzüge mit der Nationalmannschaft an den Wochenenden beanspruchen einen grossen Teil von Wolfs Zeit. Glücklicherweise lässt sich seine Leidenschaft Unihockey gut mit seinem Beruf vereinbaren. Mit einem ehemaligen Studienkollegen führt Wolf das Grafikbüro schmid+wolf in Olten.

Als eigenständiger Geschäftsführer ist er flexibel und kann sich die Arbeit nach Belieben einteilen. Einen kleinen finanziellen Zustupf gibt es auch vonseiten des SV Wiler-Ersigen – doch als einzige Einnahmequelle wäre es definitiv zu wenig.

Aus diesem Grund will Nicolas Wolf auch nicht vollständig auf Unihockey setzen: «Nur in Schweden oder Finnland kann man davon leben», sagt er. Mit Wiler-Ersigen schliesst er keine mehrjährigen Verträge ab, denn sein Grafikbüro ist ihm ebenso wichtig wie der sportliche Erfolg. Deshalb schliesst der Topgoalie zurzeit einen Wechsel nach Skandinavien aus.

In dieser Saison peilt der 23-Jährige mit Wiler-Ersigen nichts weniger als den Schweizer-Meister-Titel an. Und der grosse Traum wäre es eben schon: Noch einmal eine Weltmeisterschaft zu erleben – als Torwart Nummer eins. Die nächste Chance bietet sich 2018 in Tschechien an.