Olten

Er war nie Everybody's Darling: Peter Schafer, scheidender Stadtrat

Der Sozialdemokrat Peter Schafer beendet am 31. Juli nach 16 Jahren seine Politkarriere als Oltner Stadtrat.

Peter Schafer legt sein Oltner Stadtratsmandat nach 16 Amtsjahren zurück – nicht ganz freiwillig.

Er gehört in der Oltner Politszene zu den sogenannt sicheren Werten, der Sozialdemokrat, Stadtrat und Lokomotivführer Peter Schafer. Denn: Trat er an, wurde er immer gewählt; jedenfalls als Stadt- und Kantonsrat. Meist mit überzeugenden Resultaten. Und dies, obwohl er in der eigenen Stadtpartei nie Everybody’s Darling war, wie man so schön sagt. Schicksal eines Politikers halt. Peter Schafer nickt zustimmend.

Kulminationspunkt dieser Dauerskepsis: Im Vorfeld der Stadtratswahlen 2017 liess ihn die Leitung der SP Stadt Olten offiziell wissen: «Mit unserer Unterstützung kannst du nicht mehr rechnen.» Als Begründung führte die Parteispitze an, man habe jetzt jemand anders gefunden. Für den 54-Jährigen ein unerwarteter Schlag in die Magengrube und wohl mehr als eine herbe Enttäuschung.

Aber: Schafer ist leidenschaftlicher Velofahrer. Und von denen weiss man: Sie sind zwar nicht unsensibel, aber vor allem zäh. «Ich hätte mir einen Austausch gewünscht, nicht eine Konfrontation», sagt Schafer im Nachgang. Und meint damit einen konzilianten, weniger frontalen, vielleicht einen Austausch mit Motiven strategischer Provenienz. Trotzdem liess er sich dazu bewegen, nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Seine Enttäuschung über die Parteispitze aber war so gross, dass ihm für einen Moment die Idee des Austritts durch den Kopf schoss, die Offerte der Jungen SP Region Olten, doch bei ihnen mitzuwirken, ebenso.

Aber eben. Wer sagt, die SP sei seine Partei, kann vielleicht von deren Vertretern, aber nicht von ihr selbst lassen. Also sah er vom Austritt ab, auch wenn er mittlerweile einige parteiinterne Facebook-Freundschaften aufgekündigt hat. Schafer lacht darob. Und auf einer Zugsfahrt von New Orleans nach New York verwarf er auch die Idee, bei der Jungen SP mitzutun. «Ich glaube, der Altersunterschied wäre zu gross gewesen; man muss da realistisch sein», argumentiert er.

Überhaupt: ohne seine Partei im Rücken noch einmal für vier Jahre im Stadtrat zu wirken, nein: Das sei ihm zu widerspenstig gewesen. «Aber ich wäre auf alle Fälle für eine fünfte Amtszeit bereit gestanden, auch wenn plötzlich kolportiert wurde, ich hätte vor vier Jahren einen Verzicht auf eine nächste Kandidatur bekannt gegeben.» So endet mit dem letzten Julitag die politische Karriere des Stadtrates Peter Schafer.

Ein erster Eklat 2013

Peter Schafers Wirkungskreis schliesst immer Überraschungen ein. Bereits 2013 hatte er, beziehungsweise seine Partei, für einen mittleren Eklat gesorgt, dessen Echo bis schier in den hintersten Winkel des Landes drang. Der damalige Parteipräsident hatte versäumt, Schafers Anmeldepapiere zur Stadtpräsidiumswahl fristgerecht bei der Stadtkanzlei einzureichen. Im «Beobachter» etwa wurde diese Chose als Blamage abgehandelt.

Ein Schelm, der in diesem Versäumnis ein heimliches Misstrauensvotum gegen die Person Schafer sieht, wie sie sich vier Jahre später abzeichnen sollte? «Ich glaube es nicht», sagt Schafer, obwohl damals doch eine Welt für ihn zusammengebrochen sein dürfte. Seine Kandidatur stütze sich auf ein glanzvolles Wahlresultat bei den Stadtratswahlen. Schafer nämlich hatte immer zu verstehen gegeben, er halte die Stadtpräsidiumskandidatur für die logische Konsequenz seiner bisherigen Politlaufbahn.

Im ersten Anlauf, 2009, hatte er gegen den als Stadtrat knapp im ersten Wahlgang gewählten amtierenden Stadtpräsidenten Ernst Zingg den Kürzeren gezogen. 2013 kams aus besagtem Grund gar nicht zur Kandidatur. «Der verpasste Termin», so Schafer, «war einfach ein unglücklicher Fauxpas. Ich sage immer: Es fehlt parteiintern eine gewisse Konstanz und Kontinuität, die Handlungsabläufe automatisiert und damit auch garantiert.»

Rot sein als Herzenssache

Peter Schafer ist ein Phänomen. Seine klaren Wahlerfolge für die SP nähren die Vermutung, dessen Rotsein sei mehr als eine Verstandeshaltung; sei vor allem eine Wesensangelegenheit, quasi alternativlos. Er sei eben «ein Sozialdemokrat alter Schule, also kein Intellektueller», meint sein einstiger Stadtratskollege Mario Clematide (FDP), der ihn als gesetzestreue Person schildert: «Man konnte im Stadtrat kaum etwas durchbringen, was zum Beispiel die kantonale Sozialgesetzgebung etwas geritzt hätte.» Schafer sei ein wertkonservativer Mensch. «Ich glaube, Kapitalismus und Marktwirtschaft sind ihm ein Gräuel», analysiert Clematide.

Und alt Stadtpräsident Ernst Zingg meint: «Peter Schafer war ganz klar dem sozialdemokratischen Gedankengut verpflichtet.» Er sei kritisch gewesen, sehr oft hinterfragend, obwohl eigentlich Klarheit herrschte. «Das hat ab und zu genervt», verrät Zingg weiter. Allerdings habe Schafer das Kollegialitätsprinzip geachtet, auch wenn er bei einem Entscheid der Minderheit angehört habe. Nach vieljähriger gemeinsamer Amtszeit im Stadtrat zieht Zingg ein Fazit: «Die 12-jährige gemeinsame Arbeit im Stadtrat waren 12 gute Jahre.»

Und was sagt Schafer? «Stimmt: Ich konnte hartnäckig sein und Ernst Zingg musste jemand auf die Finger schauen. Und die SP ist die Partei, der ich mich zugehörig fühle.» Punkt. Er braucht nicht viele Worte. Die soziale Frage «und jene nach der Gerechtigkeit», wie der Stadtrat ergänzt, waren stets virulent im Hause Schafer.

Sein Vater, ein ehemaliger Verdingbub, erfuhr am eigenen Leib, dass sein Bauer etwa verschiedene Arten der Verköstigung am Tisch praktizierte: eine familieninterne und eine solche für Knechte und Mägde. So etwas prägt eben. Vielleicht unbewusst. Auf jeden Fall wurde am Tisch der Eisenbahner-Familie Schafer rot politisiert. Und noch etwas bekam Peter Schafer vom Elternhaus ab: die Affinität zur Bahn. «Ich konnte von unserem Haus aus die in der Sommerhitze in weissen Unterhemden gekleideten Lokführer auf dem Krokodil vorbeifahren sehen», erzählt er noch heute begeistert.

Ab Ende Juli, wenn seine Amtszeit ausläuft, gehts verstärkt zurück zu den Wurzeln. Dann will er sich vermehrt wieder auch der Garten- und Modelleisenbahn widmen und per Anfang 2018 sein Arbeitspensum als Lokführer auf 75 Prozent aufstocken. Der Politik aber bleibt er neu als Oltner Bürgerrat erhalten.

Die Bilanz ist positiv

Schafers Blick zurück verrät trotz allem: Seine Bilanz ist positiv. «Das Amt war eine regelrechte Lebensschule, hat mir etwa tiefe Einblicke in Führungsaufgaben vermittelt, mich mit Menschen zusammengebracht, die mir sonst fremd geblieben wären», fasst er in aller Kürze zusammen. Verschiedene Errungenschaften führt er auch auf sein persönliches Engagement zurück; so etwa die Schulsozialarbeit, die Schaffung einer Integrationsfachstelle.

Auch die Zusammenführung von Stadt- und Kantonspolizei hat er sehr befürwortet. «Das Leben in Olten ist deswegen nicht die Spur unsicherer geworden», sagt er. Im Übrigen aber seis gar nicht so einfach, die persönlichen politischen Verdienste aufzuführen. «Der Stadtrat entscheidet doch als Gremium», sagt er noch. Ob er alles noch einmal so machen würde? Er stutzt. Eigentlich schon. Aber es stellt sich dann doch heraus: Die unglückselige Geschichte mit dem Angebot für Verhandlungen betreffend möglichem Landkauf von Olten Südwest wirft noch immer Schatten. «Ich würde im Stadtrat beantragen, beim Brief der Holcim betreffend Kaufverhandlungen Olten SüdWest eine Eingangsbestätigung zu senden sowie das Thema Landkauf zu protokollieren und mindestens einer Kommission zu unterbreiten», sagt er.

In wenigen Tagen ist Schluss für Peter Schafer als sozialdemokratischer Stadtrat. Die Frage, ob denn irgendwelche menschlichen Kontakte über seine Politepoche hinaus von Bestand wären, beantwortet er spontan: «In den 16 Jahren ist durch den permanenten Austausch mit Hans Peter Müller, dem Geschäftsführer der Sozialregion, eine sehr grosse Freundschaft entstanden. Diese Freundschaft wird über meine Amtszeit als Stadtrat hinausgehen.»

Könnte er Oltnerinnen und Oltnern ein Geschenk unter den Weihnachtsbaum legen; er würde als Weihnachtsmann mit einer neu gestalteten, stimmigen Badeanstalt samt gelifteter Umgebung der Schützi aufwarten. «Bei Gratiseintritt», lächelt er schelmisch. Darüber hinaus schweben ihm als Vision zwei Parkhäuser vor. Die Idee von jenem unter dem Klostergarten jedenfalls: Die fand er eigentlich gar nicht so schlecht.

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