Heinz Kaiser
Er jagt rastlos Neonazis und zeigt auch Pegida-Sprecher an

Der gebürtige Oltner Heinz Kaiser verfolgt seit 20 Jahren jeden Schritt der Rechtsradikalen im Land und geht unerbittlich gegen sie vor. Auch Pegida-Sprecher Ignaz Bearth geriet wegen ihm ins Straucheln.

Manuel Bühlmann
Drucken
Teilen
«Jäger und Gejagter», so sieht sich Heinz Kaiser. Auch von Todesdrohungen lässt er sich nicht aufhalten.Alex Spichale

«Jäger und Gejagter», so sieht sich Heinz Kaiser. Auch von Todesdrohungen lässt er sich nicht aufhalten.Alex Spichale

Alex Spichale

Draussen wacht die Überwachungskamera, drinnen knurrt der Wolfshund. Heinz Kaiser hat viele Feinde. Der 65-jährige Fricker kämpft gegen Rechtsextreme, seit mittlerweile 20 Jahren. Drahtiger Körper, gelockte Haare, fester Händedruck.

Jüngst sorgte er für Schlagzeilen, als er Ignaz Bearth, Sprecher der Schweizer Pegida-Bewegung, anzeigte. Der Grund: Ein auf Facebook veröffentlichtes Bild bezeichnet die Mitglieder der deutschen Regierung als die «wirklichen Nazis». Die «Hetzcollage», wie sie Kaiser nennt, spielte er der Staatsanwaltschaft zu.

«Kein Zufallstreffer», sagt er. Seit Jahren schon beobachtet er Bearth. Locker lässt er nicht: Am Freitag meldete er einen weiteren Facebook-Eintrag bei der Staatsanwaltschaft St. Gallen. Darauf wird Angela Merkel Nähe zu Rechtsextremen unterstellt.

Hartnäckig deckte er die Führungsriege der Pnos (Partei national orientierter Schweizer) mit Anzeigen wegen Rassendiskriminierung ein. Zehn Exponenten mussten zurücktreten. Treffen sich Rechtsextreme, ist Heinz Kaiser vor Ort, beobachtet, fotografiert. Auch im Internetzeitalter noch immer seine bevorzugte Arbeitsweise.

Sein Einsatz machte ihn zur Hassfigur einer ganzen Szene – und das bekam er zu spüren. Ein Angriff zweier Neonazis auf offener Strasse. Bewaffnet mit Bierflaschen. Karatekämpfer Kaiser kann sie abwehren. Später entdeckt er durch Zufall die gelösten Schrauben an seinem Auto. Beschimpfungen, Einschüchterungen, Drohanrufe.

«Todes-Video» steht auf der DVD, die Kaiser ins Laufwerk seines Computers legt. Erschiessungsszenen, Aufnahmen aus einem Konzentrationslager, untermalt mit der aggressiven Musik einer Neonazi-Band. Die Botschaft gegen Ende des Videos ist unmissverständlich: Das Fadenkreuz ist auf Heinz Kaiser gerichtet. Das war 2006.

Noch heute wird er im Internet bedroht und beleidigt. «Ich schaue weniger hin», sagt Kaiser. «Aber natürlich trifft es einen, auch wenn es das nicht dürfte.» Zeitweise richteten sich die Drohungen auch gegen Lebenspartnerin und Tochter.

Einschüchtern liess er sich dennoch nie. Davon zeugt die Kartonschachtel, die auf dem Tisch im Wohnzimmer steht. Kaiser öffnet den Deckel; sie ist bis oben gefüllt mit Zeitungsberichten. «Neonazijäger» nennen ihn die Medien, die er geschickt zu nutzen weiss.

Schon damals, 1995, als sein Kampf begann. Das Bild, das einen seiner Karateschüler in SBB-Uniform mit Hitlergruss zeigte, verbreitete sich via «Blick» im ganzen Land. «Unglaublich: Hitlergruss in Uniform», lautete die Schlagzeile. Lange unbemerkt hatte ein junger Mann Kaisers Karateschule dazu benutzt, um Mitglieder für seine rechtsextreme Gruppierung zu rekrutieren. Kompromisslos griff er durch, stellte 20 seiner Schüler vor die Tür. Er habe sich missbraucht gefühlt, sagt er. Seither lässt ihn das Thema nicht mehr los.

Schon als Jugendlicher sei er eine Art Friedensaktivist gewesen, sagt er. Mischte sich ein, wenn die Situation auf dem Pausenplatz zu eskalieren drohte. Kaiser wuchs in Olten auf, lernte Bauspengler.

Für den Beruf konnte er sich nie begeistern, umso mehr für die Musik. Im Oltner «Hammer» sagte er 1968 Pink Floyd bei einem ihrer ersten Schweizer Konzert an, trat später als DJ Tscheisi auf. Ein Tattoo auf seinem sehnigen Unterarm erinnert an die wilde Zeit. Ein zerbrochenes Mikrofon, darüber der Schriftzug «Why?». Warum er sich dieses Motiv stechen liess, kann er sich heute nicht mehr erklären. «Eine Jugendsünde», sagt er und schiebt den Ärmel des gestreiften Pullovers darüber.

Später arbeitete er als Selbstverteidigungs- und Karatelehrer, liess sich in Sozialpädagogik und Pflege ausbilden. Bis zur Pensionierung verdiente er sein Geld bei einem Sicherheitsdienst.

Der Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus ist für ihn Hobby – unbezahlt und zeitaufwendig. Aufhören komme nicht infrage, sagt Kaiser. Seine aktuelle Mission: der NSU-Prozess um die Mordserie der sogenannten Zwickauer Terrorzelle in Deutschland. «Ich will die vielen Beweismittelfälschungen der inzwischen ausgewechselten Ermittlungsbehörden aufdecken», sagt er und kündigt an: Schon bald werde er dem neuen NSU-Untersuchungsausschuss wichtiges Material zukommen lassen.