Thomas Trachsel, Dirigent ist kein alltäglicher Beruf. Wie kommt man dazu?

Thomas Trachsel: Das hat mich in all den Jahren nie jemand gefragt (lacht). Mein Vater hat viel Musik gehört, als er in der Ausbildung zum Bauführer war. Mein Zimmer war auf der gleichen Etage wie die Stube, und so kam ich Abend für Abend in den Genuss von klassischer Musik, vor allem Beethoven.

Was fasziniert Sie daran?

Mich interessiert nicht ein einzelnes Instrument, sondern das ganze Orchester und die Wirkung, die man beim Publikum erzielen kann.

Seit wann sind Sie Dirigent?

Seitdem ich 15 Jahre alt bin. Damals hatten wir einen Lehrer, der sehr musikfasziniert war und mit uns einen Chor auf die Beine gestellt hat, dessen Leitung ich dann übernahm. Das Projekt dauerte allerdings nicht lange, weil der Musikgeschmack meiner Klassenkameraden und von mir doch sehr auseinanderging. Während alle anderen Pop und Rock hörten, bevorzugte ich stets die klassische Musik.

Wieso?

Der Unterschied zur Musik, die sich die Leute heute anhören, ist der, dass Klassik nicht textbasiert ist. Musik ist selbsterklärend und erzeugt Emotionen. Nähme man bei Pop- oder Rocksongs den Text weg, würden diese die Tiefe verlieren, sofern denn vorher eine vorhanden war. Der musikalische Aspekt ist bei der heutigen Musik nicht mehr vorhanden.

Was erzeugt denn die Emotionen?

Das kann ich nicht sagen. Aber ich vermute, dass es mit der Ehrlichkeit der Musik zu tun hat. Ich bin überzeugt, dass jeder Komponist ein Stück seines Lebens in seine Stücke einbringt. Es ist eine Art Spiegel, den der Komponist dem Dirigenten, dem Orchester und dem Publikum vor die Nase hält und ihnen quasi sich selbst zeigt.

Ist Dirigieren schwierig?

In der heutigen Zeit ist Dirigieren etwas vom Schwierigsten, was es gibt. Dirigieren ist alles — nur nie demokratisch.

Das müssen Sie erklären.

Nun, die Musik muss erarbeitet werden. Dabei müssen sich die Musiker in einem Orchester auf die Idee des Dirigenten einlassen. Er bestimmt, was wie gemacht werden soll, ein bisschen wie ein Autokrat. Deshalb ist der Dirigent auch eine Autoritätsperson. Er muss fachlich parat sein, die Verantwortung für alles übernehmen und steht immer an vorderster Front. Das kann manchmal ganz schön schwierig sein, weil jeder Dirigent die Idee des Komponisten umsetzen, aber gleichzeitig auch seine eigene Vorstellung einbeziehen will. Man muss seinen Weg finden, vor allem wenn man bei verschiedenen Ensembles tätig ist. Dafür ist die Erfüllung bei einem gelungenen Auftritt unvergleichbar.

Wodurch definieren Sie einen gelungenen Auftritt?

Das Ziel eines jeden Auftrittes ist es, die Menschen in eine andere Welt zu versetzen. Wenn dies gelingt, dann stimmte alles. Je länger die Spannungspausen am Ende eines Stückes sind, desto besser war die Darbietung.

Wie kams dazu, dass Sie beim Swiss Saxophone Orchester dirigieren?

Der vorherige Dirigent beim Saxophone Orchester wollte lieber selbst mitspielen. Also ging das Orchester auf die Suche nach einem Dirigenten und erkor schliesslich mich als Wunschkandidaten. Das war ein sehr schöner Moment. Kurz darauf ging ich in eine Art Probelektion. Es hat mir sehr gefallen, und ich bin geblieben.

Zu Beginn des Interviews erwähnten Sie, dass Sie das ganze Orchester fasziniert und nicht nur ein einzelnes Instrument. Jetzt dirigieren Sie ein Orchester, das nur aus einem einzigen Instrumenttyp besteht?

Es gibt ja verschiedene Saxophone, die zusammenspielen. Insgesamt gehören sieben Instrumente zur Saxophonfamilie. Daher sind es wieder verschiedene Instrumente, die je nach Kraft riesige Klangvielfalt erzeugen können und es nicht so tönt, als ob nur das Saxophon spielen würde.

Hinweis: Swiss Saxophone Orchestra: Konzert in der Paulus-Kirche, Olten, 7. November, 19.30 Uhr.