Dass es in diesem Sommer häufiger als sonst zu Zugsverspätungen kommt, liegt vor allem an den vielen Baustellen und an gelegentlichen technischen Störungen oder Unglücksfällen. Denn das Schienennetz der SBB hat seine Kapazitätsgrenze längst erreicht und muss deshalb ausgebaut werden. In anderen Ländern wird der Bahnverkehr immer wieder durch Streiks beeinträchtigt. Der Arbeitskampf der französischen Staatsbahnenangestellten dauert nun schon mehrere Monate und bei den Ferrovie dello stato gehört «lo sciopero» beinahe zum Alltag.

In der Schweiz ist das anders. Streik des Verkehrspersonals? Das mag zuweilen beim Trämli vorkommen, in Basel vielleicht. Aber bei den SBB?
Wer mit Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern ins Gespräch kommt, stellt fest, dass von Zufriedenheit mit der Arbeitgeberin kaum die Rede sein kann. Aber dank der Gesprächsbereitschaft und dem Verhandlungsgeschick beider Seiten ist es in all den Jahren bisher noch nie zum offenen Konflikt gekommen.

Keine Regel ohne Ausnahme

Noch nie? – Doch einmal, vor genau hundert Jahren, traten Schweizer Eisenbahner in den Streik. Nicht alle natürlich und auch nicht überall, aber die Mehrheit von ihnen blieb vom 11. bis zum 14. November 1918 der Arbeit fern. Viele taten dies aus Solidarität mit den übrigen Arbeitnehmenden, aus Erbitterung über die immer wieder verschleppten Reformen und aufgeschobenen Gehaltserhöhungen. Andere beteiligten sich unfreiwillig aus Angst vor der Rache ihrer streikenden Kollegen.

Dass sich namhafte Teile des gewerkschaftlich damals stark zersplitterten SBB-Personals am Generalstreik beteiligten, ist angesichts des für die Bundesangestellten geltenden Streikverbots alles andere als selbstverständlich. Bei Ausbruch des landesweiten Generalstreiks hatte die Landesregierung das Bundespersonal nämlich dem Militärgesetz unterstellt.

«Zug nach links»

Die Stimmung unter dem Personal der SBB war seit Jahren von Enttäuschung und Verbitterung geprägt, die sich während der Kriegsjahre weiter verstärkte. Die Eisenbahnverstaatlichung hatte bei weitem nicht die vom Personal erwarteten Verbesserungen gebracht. Der Bund als neuer Brotherr zeigte sich gegenüber den Forderungen der Eisenbahnerverbände fast noch zugeknöpfter als die Privatgesellschaften. Das revidierte Arbeitsgesetz brachte den Angestellten lediglich den 11-Stundentag, anderseits verbot oder erschwerte die Generaldirektion den Eisenbahnern die Ausübung des passiven Wahlrechts.

Gewerkschaftlich organisierte Eisenbahner wurden bespitzelt, schwarze Listen wurden geführt. Deshalb wandten sich vor allem die Verbände der unteren Kategorien – der Bahn- und Werkstättearbeiter, des Rangier- und Zugspersonals – dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB zu, und auch unter den im Verband Schweizerischer Eisenbahn- und Dampfschiffangestellter VSEA organisierten höheren Kategorien, insbesondere bei den Lokomotivführern und -heizern, machten sich Linkstendenzen bemerkbar.

Doch es gab auch Gegenkräfte: Als im Jahre 1909 versucht wurde, die beiden Verbände des Lokomotivpersonals (Lokführer und Heizer) miteinander zu verschmelzen und dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB zuzuführen, regte sich vor allem in Olten, wo der jungfreisinnige Sozialpolitiker Adrian von Arx den Boden für eine freisinnige Arbeiterorganisation vorbereitete, Widerstand. Von hier aus wurde in der ganzen Schweiz vor allem die ältere, meist FDP-nahe Elite der Schnellzugslokomotivführer mobilisiert, die sich gegen den Beitritt zum SGB wehrte.

Deshalb nahmen die Heizer mithilfe von Überläufern aus dem Lager der Lokführer die Verschmelzung auf eigene Faust vor. Im Dezember 1910 bildete sich unter dem Namen «Schweizerischer Lokomotivpersonalverband» eine neue Organisation, die sich dem Gewerkschaftsbund anschloss.

«Zum Äussersten entschlossen»

Am Pfingstsonntag 1917 gelang der Oltner Arbeiterunion, in welcher sämtliche sozialdemokratisch orientierten Organisationen zusammengefasst waren, ein bemerkenswerter agitatorischer Erfolg. 1300 Eisenbahner aller Kategorien, Pöstler und Telegraphisten zogen in einem Demonstrationszug durch die Stadt. Während der Rede des Generalsekretärs des Verbandes schweizerischer Eisenbahn- und Dampfschiffangestellter, des Berner SP-Nationalrats Emil Düby, bezeugte der Ruf nach einem Streik die «furchtbare Erbitterung des Personals».

Auch die konservative Solothurnische Volkspartei (VP, heute CVP) konnte ins Boot geholt werden: Ihr Regierungs- und Nationalrat Dr. Siegfried Hartmann nahm zwar persönlich nicht an der Demonstration teil, versprach aber Unterstützung der «gerechten Forderungen des Personals». Tags darauf prangerte der Präsident des Eisenbahnarbeitervereins Olten, August Kamber, die «Hungerlöhne» auf dem Platz Olten an. Da die Bahnverwaltung und der «bürgerliche Block» in der Bundesversammlung, so monierte das SP-Organ «Neue Freie Zeitung», die Forderungen nach mehr Lohn und Teuerungsausgleich ablehnten, sei das Bundespersonal «zum Äussersten entschlossen».

Alle Räder stehen still

Am 9. November 1918 fand in den 19 wichtigsten industriellen Zentren, wozu auch Olten gehörte, ein Proteststreik statt, von dem die Eisenbahner ausdrücklich ausgenommen waren. Als aber kurz darauf der landesweite Generalstreik ausgerufen wurde, waren die Bähnler mit von der Partie. Weder das bundesrätliche Streikverbot noch die von den bürgerlichen Medien verbreitete Warnung vor einem angeblichen kommunistischen Umsturz hinderte die Mehrheit von ihnen daran, sich an der Aktion zu beteiligen.

Einzig die höheren Angestellten und die bürgerlich gesinnten Teile des Lokomotivpersonals (Führer und Heizer) widersetzten sich dem Druck der sozialdemokratisch dominierten Verbände und meldeten sich am 11. November ordnungsgemäss zum Dienst, allerdings unter der Voraussetzung, dass ihnen der Bund militärischen Schutz garantierte. Solange dies nicht der Fall war, blieben auch sie aus Angst vor allfälligen Ausschreitungen der Arbeit fern. Dies hatte zur Folge, dass der Zugsverkehr auf dem Platz Olten während der ersten Streiktage gänzlich zum Erliegen kam und rund 6000 Arbeitnehmende zu Hause blieben.

Wütende Oltner Eisenbahner

In einer Liste von Beschwerden, mit welcher die Oltner Sektion des Schweizerischen Zugspersonalverbandes nachträglich ihre Beteiligung am Landesstreik rechtfertigte, fällt auf, dass die Erbitterung der Bähnler auch, aber nicht nur materielle Gründe gehabt zu haben schien: «Die Erwerbsverhältnisse, vorab des unteren Eisenbahnpersonals, waren schon vor dem Kriege äusserst prekäre [...] Jede, auch die kleinste Konzession, musste von den Verwaltungen in ermüdendem Kampfe abgerungen werden. [...] Jede Regung nach Entfaltung der reichlich vorhandenen individuellen Kräfte wurde unterdrückt. [...] Eine kostspielige, unzweckmässige und zeitraubende Hierarchie, als Ausfluss des Systems der Privatgesellschaften, beherrschte den ganzen Verwaltungs-
organismus.

Während der Kriegszeit rief das treulose Verhalten des Staates und der Verwaltungen Verbitterung hervor. Am 11. Sept. 1914 sistierte der Bundesrat die gesetzlichen Aufbesserungen des Personals. Diese krasse Gesetzesverletzung des Bundes ist bis heute ungesühnt geblieben. Auch die gesetzlich vorgesehenen Beförderungen wurden sistiert. Erst 1917 wurde der Weg dazu nach unendlichen Anstrengungen auf 1. April 1918 freigegeben. Und nun wurde dem eidgenössischen Personal, das durch die Kriegsgesetze wehrlos war, Schlag auf Schlag versetzt. [...]

So muss verstanden werden dass alle diese Vorgänge bis weit in die Kreise der Beamtenschaft hinein als brennende Schmach empfunden wurden und es nur des kleinsten Anlasses bedurfte, die Lawine der Erbitterung in Bewegung zu setzen.»