Die kantonale Denkmalpflege hat kürzlich ein breit abgestütztes Inventar der bedeutenden Bauten der Nachkriegsarchitektur erstellen lassen, das durch Ausstellungen in Grenchen und Olten sowie eine bemerkenswerte Publikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Die inventarisierten Bauten werden in einer Skala von «bedeutend» über «hervorragend» bis «einzigartig» eingestuft.

Olten kann sich sehen lassen: seinem Wahrzeichen, dem Stadthaus, ist die höchste Auszeichnung zuteil geworden. Es ist innerhalb der gebauten Umgebung ein einzigartiger Zeitzeuge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Gesellschaft das Bedürfnis, sich und ihre Ziele neu zu definieren und das Bild einer besseren Zukunft zu entwerfen: In den Sechziger Jahren setzte sich eine in der Moderne und den CIAM-Kongressen begründete, vorwärts gerichtete Baukultur durch: Funktionalität und technische Entwicklungen prägten einen internationalen Stil. Wachstum und allgemeiner Wohlstand waren das gemeinsame Ziel.

Die Entflechtung der Fussgängerbereiche vom motorisierten Verkehr war eine der Visionen, der nachgelebt wurde und die vielerorts über dem Strassenniveau liegende Galerien und Terrassen geschaffen hat. So auch im Zentrum von Olten, wo die Idee im Areal des Stadthauses mit der über eine Passerelle erschlossenen Dachlandschaft ein sichtbares Fragment hinterlassen hat.

Bis am Donnerstag. Man dachte an einen chirurgischen Eingriff: Punktgenau, nach der Durchfahrt des letzten nächtlichen Busses, beginnt die Operation. Präzise werden tonnenschwere Teile der Stadthauspasserelle nach einem strikten Zeitplan getrennt und millimetergenau auf die bereitstehenden Sattelschlepper gelegt. Dann kehrt Ruhe ein, Nachtfahrverbot, bis sich um 5.00 Uhr das Lastfahrzeug mit dem abgetrennten Stadthausannex aus dem Blickwinkel schiebt; aus den Augen, aus dem Sinn.

Über Nacht ist eine Vision der Generation unserer Grosseltern auf das heute gerade Naheliegende reduziert worden: mit dem einzigen Ziel, fortan den Schwerverkehr ungehindert die verkehrsberuhigte Innenstadt durchfahren zu lassen. Die nachteiligen architektonischen und städtebaulichen Auswirkungen der Amputation bleiben dabei noch gar nicht erwähnt. Sie wurden in einer Einsprache einer ansehnlichen Gruppe von Oltner Architekten zu Handen der Behörden formuliert.

Es ist empfehlenswert, die Ausstellung «Moderne Architektur im Kanton Solothurn – 1940 bis 1980» im Historischen Museum Olten noch zu besuchen; Und dabei zu bedenken, dass während der laufenden Ehrung nebenan eines der hervorragendsten Exponate wider besseres Wissen mutwillig beschädigt worden ist:

Seit heute trägt das Oltner Stadthaus das Prädikat «einzigartig, teilweise zerstört».

Der Autor Matthias Kissling, Architekt, ist Mitglied der Interessegemeinschaft Stadthaus Olten. Diese hat sich zum einen gegen den Rückbau der Passerelle über die Dornacherstrasse und zum andern gegen die Volumetrie des Dachaufbaus für die Erweiterung des Treppenhauses in den Bereich der Dachterrasse in das 11. OG gewandt.